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NeuerscheinungVom Schreiben und Leiden in Troisdorf – Andreas Fischer über sein neues Buch

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"Böll kam nicht bis Troisdorf", neues Buch von Andreas Fischer

 „Böll kam nicht bis Troisdorf“ ist der Titel des neuen Buchs von Andreas Fischer

In seinem zweiten Buch erzählt Andreas Fischer von seinen Anfängen als Autor und einer toxischen Männerfreundschaft. 

Toxisch ist heute ein gängiger Begriff, wenn es um fragwürdige zwischenmenschliche Beziehungen geht, die durch Manipulation, Abhängigkeiten und emotionale oder existentielle Abhängigkeiten vergiftet werden. Andreas Fischer, der jetzt mit „Böll kam nicht bis Troisdorf“ sein zweites Buch vorlegt, kannte den Begriff noch nicht, als er sich Anfang er 1980er Jahre ans Schreiben machte und einen schwierigen Mentor fand: Im Buch heißt er Frieder Salzgraf, ist Dichter, gibt Schreibkurse, und zieht den gerade volljährigen Ich-Erzähler tief in seinen Bann. Angeblich war er Mitglied der berühmten Schriftsteller-Gruppe 47, angeblich ist er mit Heinrich Böll befreundet, den Nachwuchsautor Andreas zu gerne kennenlernen würde und sogar angeschrieben hatte.

Was gut und vielversprechend beginnt, schlägt in eine toxische Männerfreundschaft um: Salzgraf behelligt den jungen Mann mitten in der Nacht mit seinen Gedichten, übt vernichtende Kritik, schmeißt Andreas gar zeitweise aus dem Schreibkurs. Dann bricht sich Salzgrafs Alkoholsucht wieder Bahn. Eines Abends wird er im Rausch übergriffig, geht den jungen Mann mit den langen blonden Haaren sexuell an, der entsetzt das Weite sucht. Doch Andreas geht nur kurz auf Distanz. Beide tun, als wäre nicht passiert, Andreas hilft dem Suchtkranken, bringt die leeren Flaschen für ihn zum Müll, hält ätzende Kritik an seinen Texten weiter aus. Erst nach vielen weiteren Enttäuschungen schafft er es, den Kontakt abzubrechen.

Scharfer Sinn  für Charaktere und Stimmungen

Andreas Fischer (geb. 1961) ließ in seinem Romanerstling „Die Königin von Troisdorf“ (2021) teils bestürzend, aber auch liebe- und humorvoll sowie mit einem scharfen Sinn für Charaktere und Stimmungen, das Troisdorf der 60er und 70er Jahre lebendig werden. Kriegserfahrungen, Gewalt und Alkohol prägten das Leben seiner Familie, auch für das Kind Andreas, das sich irgendwie durch sein Leben rettet. Die neue Erzählung knüpft aber nicht einfach an die Geschehnisse an. „Böll kam nicht bis Troisdorf hätte auch ein Kapitel im Roman werden können“, schildert Andreas Fischer im Gespräch. Aber ihm sei klar geworden, dass der Stoff ein eigenes Buch tragen könnte.

Er selbst spricht von einer autobiografisch gefärbten Erzählung, die dargestellten Ereignisse sind an wahre Begebenheiten lediglich angelehnt. So hat Fischer den Namen des Schriftstellers geändert. Nicht erfunden ist die keineswegs toxische Freundschaft mit Wolfgang Korruhn (1937 bis 2003), einem Fernsehjournalisten, der für den WDR arbeitet und unter anderem durch seine pointierten Interviews für das Politmagazin Zak bekannt wurde. Fischer ging seinen Weg zunächst nicht als Schriftsteller, sondern als Dokumentarfilmer. Sein Werk umfasst Filme zu den Eltern der so genannten Contergan-Kinder (2003) , zum Hamburger Feuersturm 1943 (2008), zu Töchtern ohne Väter (2016) und viele mehr.

Treffende Milieuschilderungen

Wie der Roman, zieht auch die Erzählung den Leser unwiderstehlich in ihre Zeit. Chronologie ist nicht Fischers bevorzugtes Kriterium, wie einen Film „schneidet“ er die Szenen seines Buchs. Tatsächlich an Böll erinnern seine treffenden Milieuschilderungen. Fischer schreibt aus der Perspektive des Heranwachsenden, der zwischen Bewunderung, Entsetzen und Hilflosigkeit angesichts seines vermeintlichen Vorbilds hin- und hergerissen ist.

Kapitelweise springt er zwischen den Jahren, um das gesellschaftliche Klima zu beschreiben, das einen letztlich autoritär gestrickten Charakter wie Salzgraf hervorbrachte – und einen Andreas Fischer, der sich nicht zu wehren vermochte. Er macht keinen Hehl daraus, dass er viel von Salzgraf gelernt hat: Beim Schreiben des Romans habe der ihm gefühlt immer über die Schulter geschaut und kritisiert, etwa vor dem Gebrauch von Adjektiven und Schachtelsätzen gewarnt.

Fischer will indes nicht nur dem Mentor und vermeintlichen Freund gerechnet werden, sondern auch seinem jungen Selbst. „Was mir am meisten zu denken gibt, ist, wie wenig ich damals auf mich selbst aufgepasst habe“, sagt er im Gespräch. Trotz allem: Fischer hat nicht zuletzt ein Buch über die Faszination des Schreibens geschrieben – und über die Abgründe, in die es führen kann.

„Böll kam nicht bis Troisdorf“ ist bei Thalia in Troisdorf, Alte Poststraße 4, und Thalia in Siegburg, Markt 16 bis 19, sowie bei der Synergia Auslieferung GmbH zum Preis von 17,50 Euro erhältlich. ISBN: 978-3-00-085953-3.

Die Buchpremiere ist am Sonntag, 17. Mai, 16 Uhr im Kunsthaus Troisdorf, Mülheimer Straße 23, der Eintritt ist frei. Eine weitere Lesung folgt am Donnerstag, 28. Mai, 19 Uhr in der Stadtbibliothek Troisdorf, Kölner Straße 69 bis 81. Karten gibt es vor Ort zum Preis von acht Euro.