In dem neuen Wohnprojekt „Unter einem Dach“ in Rheindorf können Menschen mit teils komplexen Behinderungen möglichst selbstbestimmt leben.
Inklusives WohnprojektEin neues Zuhause für selbstbestimmtes Wohnen

Die Bewohnerinnen und Bewohner des neuen inklusiven Wohnprojekts in Rheindorf feiern die Einweihung.
Copyright: Violetta Gniß
Die Postkarte vom Nordsee-Urlaub ist schon neben einer Zimmerpflanze aufgestellt, an einer anderen Wand hängen Fotos von einem Marathon-Lauf und ein Bayer-04-Schal dekoriert das Bett – die sechs Bewohnerinnen und Bewohner des inklusiven Wohnprojekts in Rheindorf haben sich schon vollumfänglich eingerichtet. Schließlich wohnt die Gruppe, als sie am Freitag die Einweihung feiert, schon eine Woche in ihrem neuen Zuhause.
Die Freude über das neue Zuhause ist groß: „Ich fühle mich schon angekommen und freue mich, jetzt selbstständig zu sein“, sagt der 20-jährige Finn Ackfeld. „Ich freue mich, mit Tom und Moses hier zu wohnen, weil wir gut befreundet sind und am meisten freue ich mich über den Garten. Ich arbeite gerne draußen“, erzählt er. Neben der Freude ist bei Britta Engelhardt, Initiatorin des Projekts, auch eine große Erleichterung zu spüren.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Sohn auf 20 Quadratmetern mit geteiltem Bad alt werden soll
Im Mai 2019 entschied sie sich, selbstbestimmtes Wohnen für Menschen mit Behinderung in Rheindorf möglich zu machen. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Sohn auf 20 Quadratmetern mit geteiltem Bad alt werden soll. In geteilten Wohnkonzepten gibt es oft keine freien Plätze und wenn ein Platz frei wird, bekommt man einen Anruf und muss sich sofort entscheiden. Das ist keine echte Selbstbestimmung und das hat mir emotional zugesetzt“, sagt die Mutter von Tom Engelhardt. Damals habe sie sich dieser Mammutaufgabe etwas naiv angenommen, weil sie nicht gewusst habe, „wie schwer das Mammut wirklich ist“. Die Familie Engehardt suchte ein Grundstück, kaufte es – die Corona-Pandemie und die Flutkatastrophe kamen dazwischen, sodass es schwierig wurde, einen Architekten zu finden. Erst im vergangenen Jahr konnten sie anfangen zu bauen, wie Bauherrin Britta Engelhardt schildert.
Das Landesministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung und die Aktion Mensch förderten die Projektentwicklung. Den Bau des Hauses ermöglichten Fördermittel der NRW-Bank sowie des Landschaftsverbands Rheinland (LVR); die Kämpgen-Stiftung und die Sparkasse Leverkusen unterstützen die Einrichtung der Gruppenräume in der WG.
Jovita Rheinland betreut inklusives Wohnen in Rheindorf
Und so bietet das barrierefreie Mehrfamilienhaus jetzt Platz für sechs Menschen mit Behinderung sowie zwei Mütter, jeweils mit Kind. „Das Besondere ist die exorbitante Wohnfläche“, sagt Engehardt bei einem Rundgang durch das Haus – jeder Person stehen zwischen zwischen 40 und 42 Quadratmeter zur Verfügung, ein eigenes Bad und ein Balkon oder eine Terrasse. In den Wohnungen können außerdem Küchen eingerichtet werden oder man nutzt die Gemeinschaftsküche, je nach Bedarf. So können die Bewohnerinnen und Bewohner selbst bestimmen, ob sie Freunde oder Familie in ihre eigenen vier Wände einladen oder ob sie gemeinsam kochen möchten. Auf der zweiten Etage befindet sich ein Gemeinschaftsraum, den die Gruppe für Spiele oder gemeinsame Filmabende nutzen kann.
Das Dienstleistungsunternehmen Jovita Rheinland stellt Mitarbeitende, die sich um die Pflege und Teilhabe am Sozialleben der Bewohnerinnen und Bewohner kümmern. Dabei betreut die Jovita die Wohngruppe 24 Stunden. Das Unternehmen betreibt bereits inklusive Wohngemeinschaften in Köln-Zündorf, Troisdorf und Wolsdorf. Das Projekt in Rheindorf ist in dieser Form trotzdem neu für das Unternehmen, wie Matthis Reichstein aus der Geschäftsführung von Jovita berichtet: „Normalerweise sind Jovita die Bauherren, jetzt ist das ein ganz besonderes Projekt , dass schon ein ganzes Gebäude hier steht und wir ‚nur‘ noch die Dienstleistung übernehmen.“
Mit der Unterstützung der Jovita hat die Wohngruppe nun viele Möglichkeiten für die Gestaltung ihres Alltags – ganz im Sinne der Selbstbestimmung, die sich die Elterninitiative „Unter einem Dach“ für ihre Kinder gewünscht hat.

