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Kommentar

Pro und Contra
Bürgerentscheid: Kreuz bei „Ja“ oder „Nein“ zu Olympia in Leverkusen?

Ein Kommentar von
und
4 min
Banner vor der Bay-Arena

Bringen Olympische Spiele Leverkusen weiter nach vorne? Die Meinungen unserer Autoren gehen auseinander.

Unsere Autoren setzen ihre Kreuze beim Bürgerentscheid zu Olympischen Spielen an unterschiedliche Stellen – eine Pro-und-Contra-Diskussion.

Seit Kurzem werden die Briefe zum Bürgerentscheid an alle wahlberechtigten Leverkusenerinnen und Leverkusener verschickt. Am 19. April werden die Stimmen ausgezählt. Darunter werden eine Ja- und eine Nein-Stimme aus der Redaktion des Leverkusener Anzeiger sein.

Pro: „Ja“ für einen mentalen Aufschwung der Stadt

Es gibt gute Gründe, das IOC abzulehnen: Gier nach Geld und Macht, Kommerzialisierung und Auflagenwahnsinn. Alles ist richtig und ärgerlich, aber nicht der Kern der Olympischen Spiele. Das ist bis heute die Idee von Pierre de Coubertin, die „Jugend der Welt“ zusammenzubringen, im friedlichen Wettkampf auf dem Sportplatz. Als Mittel der Diplomatie und des gegenseitigen Respekts. Menschen, Sportlerinnen wie Zuschauer, kommen aus allen Ländern der Welt, manche brechen dadurch aus armen Verhältnissen, Diktaturen und Unterdrückung aus. Ein besseres Mittel zur Völkerverständigung kann es kaum geben.

Stefanie Schmidt

Stefanie Schmidt

Stefanie Schmidt ist Redakteurin in der Lokalredaktion Leverkusen. Eigentlich wollte die Sportstudentin zur Fußball-WM 2006 nur mal kurz als Praktikantin in die Sportredaktion beim Kölner Stadt-Anzeig...

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Nun kann man sagen: Das ist ja schön, aber doch nicht bei uns. Wir haben unsere eigenen Probleme. Für mich der falsche Ansatz: Wir sollten das machen. Weil wir es können. Rheinland und Ruhrgebiet sind sportbegeistert, es gibt die Sportstätten, die Infrastruktur und vor allem die Offenheit, Gastfreundschaft und Begeisterungsfähigkeit der Menschen. Das ist das Gegengewicht, das es braucht, um die großartige olympische Idee nicht Macht und Kommerz zu überlassen. An Rhein und Ruhr ist sie sehr gut aufgehoben.

Kann Köln ein ganzes Olympisches Dorf samt Stadion bauen? Keine Ahnung, aber darüber stimmen wir in Leverkusen nicht ab. Kann Leverkusen ein paar olympische Fußballspiele austragen? Ohne Zweifel. Dass die Kosten dafür noch nicht zu beziffern sind, ist ein Problem, aber sie werden nicht unermesslich hoch sein. Das Stadion ist da, und wenn das IOC noch Trainingsplätze in Leverkusen für die Athleten nutzen will, kann das nur von Vorteil sein – modernisierte Sportanlagen kann Leverkusen gut gebrauchen und sie werden weiter genutzt werden. Auch Hotels, Gastronomie und Handel werden profitieren. Und damit auch die Bürger, denen diese vielerorts aussterbenden Angebote erhalten bleiben.

Mehr als leere Kassen und Autobahnen

Die wirtschaftlichen Fragen sind aber zweitrangig. Ich bin überzeugt: Die Olympischen Spiele würden einen ganz neuen Spirit nach Leverkusen bringen. Wir sind nicht nur die Stadt mit leeren Kassen, durch die Autobahnen quer verlaufen. Wir können die Stadt herausputzen, die Welt empfangen und damit vielleicht für wirtschaftlichen und infrastrukturellen, vor allem aber für mentalen Aufschwung sorgen.

Ich als Leverkusenerin wäre gerne ein Teil davon und kreuze deswegen mit voller Überzeugung „Ja“ an.

Kontra: „Nein“ – weil die Stadt kaum profitieren wird

Dafür sein ist alles, so wirbt der Deutsche Olympische Sportbund für Spiele in Deutschland, und Millionen stehen dahinter: Von Adidas über Bayer bis Zalando, die meisten Parteien, sogar die Grünen, eine ziemlich breit aufgestellte Macht also. Da stellt sich die Frage: Darf man eigentlich noch etwas gegen Olympische Spiele sagen, die in Köln und im Ruhrgebiet abgehalten werden sollen?

Ja, man darf dagegen sein

Ja, man darf.

Auch die Sportstadt Leverkusen soll mitmachen, sich an der Bewerbung beteiligen. Dazu werden die Bürger angehalten, bei der Abstimmung im April „Ja“ zu sagen.

Echte Wettbewerbe wird es in Leverkusen nicht geben

Überschaubar ist, was in Leverkusen laufen soll: Die Bay-Arena soll Fußballspiele ausrichten dürfen und der TSV könnte Sportlern, die in Köln im Olympiadorf wohnen, zum Trainieren Leverkusener Sportplätze öffnen. Echte Wettbewerbe wird es in der Sportstadt Leverkusen nicht geben, nicht mal eine Sportart vom äußersten Rand. Im vergleichsweise kleinen Fußballstadion dürften hier vermutlich nicht die wichtigen Spiele stattfinden; wie wäre es etwa mit Russland gegen Katar?

Dass weder Köln noch die Ruhrgebietsstädte – und erst recht Leverkusen – Geld für die IOC-Party haben, ist der nächste Punkt. Schon die jetzige Abstimmung kostet Geld, das eigentlich nicht verfügbar ist. Ganz zu schweigen von der eigentlichen Bewerbung, bei der man später gegen Berlin und München antreten müsste.

Das Geld wird fließen, aber in Lev bestimmt in den schnelleren Autobahnausbau

Aber auch wenn das äußerst Unwahrscheinliche gelänge und Rhein-Ruhr den Zuschlag bekäme: Wer glaubt denn ernsthaft, dass dann nennenswerte Beträge nach Leverkusen fließen? In Köln soll das Olympische Dorf entstehen, andernorts Wettkampfstätten. Diese Bauten werden Millionen absaugen, wie Schwarze Löcher, gerade in Köln.

Ralf Krieger

Ralf Krieger

Redakteur in der Lokalredaktion Leverkusen. Geboren in Bensberg, Jahrgang 1965, gelernter Fotograf und Reporter. Bevor er zum „Leverkusener Anzeiger“ kam, war er einige Jahre beim „Kölner Stadt-Anzeig...

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Vollends unkalkulierbar werden die Kosten bei öffentlichen Bauten, die schnell errichtet und pünktlich fertig werden müssen.

Und wenn Geld nach Leverkusen fließen würde, dann wahrscheinlich höchstens für den beschleunigten Autobahnausbau, damit Zuschauer und Sportler staufrei zwischen Köln und dem Ruhrgebiet pendeln können. Herzlichen Glückwunsch, Leverkusen! Ist die Stelze eigentlich 2036 schon fertig? Wer das für übertriebene Schwarzseherei hält, hat in den vergangenen Jahren keine Zeitung gelesen.

Ich bin dagegen, dass in Leverkusen die russische Hymne gespielt wird

Zuletzt: Das für Korruption und andere Schandtaten anfällige IOC hat bei den paralympischen Winterspielen kürzlich erstmals nach dem Angriff auf die Ukraine wieder russische Sportler zugelassen. Putin hat sich gefreut, dass seine Hymne endlich wieder in der Welt zu hören war. Auch damit das nicht in Leverkusen passiert, gibt’s von mir ein ganz persönliches „Nein“.