Leverkusen – Baukunst – daran denken die meisten Menschen wohl nicht zuerst, wenn sie Wiesdorf hören. Im Rahmen des Kunstprojektes „Public Fictions“ haben zwei Studentinnen der Baukunstklasse der Düsseldorfer Kunstakademie einen Spaziergang durch Leverkusens City vorbereitet, um mit Bürgerinnen und Bürgern in den Austausch über Städteplanung, -entwicklung und Architektur zu treten. Ja, diese Dinge zu „beobachten“ und zu „erleben“.
Künstlerin Anna Dietz hat das Projekt initiiert: „Auf dem Weg von Köln nach Düsseldorf ist mir einfach aufgefallen, dass dazwischen einfach noch ein auffällig symbolträchtiger und durchaus bekannter Ort liegt. So begann die Auseinandersetzung mit Leverkusen.“ Ganz schön spannend ist es so nun, das Stadtzentrum durch die Augen von jungen Fachexpertinnen zu betrachten und zu verstehen, wie sie die Umgebung ganz persönlich bewerten.

Einst Wahrzeichen ein aufstrebenden Großstadt, heute ein zentraler Problemfall in der Stadtmitte: Die City C ist ein spannendes Stück Stadtentwicklung.
Copyright: Michael Wand
„Hier ist ziemlich viel passiert in den letzten 100 Jahren“, stellt Selina Redeker schmunzelnd fest, als sie die Führungsgruppe auf der Y-Brücke begrüßt. Sie habe in den letzten Wochen und Monaten viel Zeit damit verbracht, im Leverkusener Stadtarchiv alte Bilder zu recherchieren und Abzüge zu machen.
So gelingt es ihr, Entwicklungen anschaulich zu verdeutlichen. Die Route führt die Gruppe weiter zur City C. „Natürlich hat das Bayerwerk die Stadt maßgeblich geformt, das überrascht wohl niemanden“, so Dietz, die sich auch mit den Bayer-Kolonien bereits künstlerisch auseinandergesetzt hat.
Extrem spannende Jahre
„Extrem spannend, was man da in den 60er und 70er Jahren für Ideen in der Stadtplanung hatte“, findet eine Teilnehmerin. Schnell wird klar, dass es sich bei den Spazierenden nicht einfach nur um interessierte Bürgerinnen und Bürger handelt, sondern dass sich da richtige Leverkusen-Experten zusammengefunden haben.
Das macht das Angebot nicht gerade niedrigschwellig, aber dafür perfekt für Geschichtsfans. Aber das sei auch so gewollt, so Redeker: „Ich fände es schön, wenn das Ganze hier keinen Führungs-, sondern vielmehr eine Gesprächscharakter hätte.“

Der Rundgang durch die Wiesdorfer City bot den architektonisch interessierten Teilnehmern jede Menge Gesprächsstoff.
Copyright: Michael Wand
Hauptthema ist später das Desaster rund um die Nutzung der City C. „Erstaunlich ist allein schon, dass sich das ‚C‘ im Namen weiter durchgesetzt hat, das stammt nämlich aus den damaligen Bauabschnitten: Die Luminaden waren ‚A‘ und das Rathaus der ‚B‘-Abschnitt“, erklärt Redeker. „Die City C ist ja eigentlich ein interessanter Ort, räumliche Qualitäten sind nicht von der Hand zu weisen“, ist Dietz‘ erste Einschätzung. „Es ist nicht unattraktiv hier, sondern nur ein bisschen seltsam.“ Konstruktive Lösungsvorschläge, was man aus den Glas-Stahlbeton-Geisterhallen machen könnte, hat Redeker: „Als erstes würde ich die ganzen gigantisch-großen Ladenlokale in kleinere unterteilen und umstrukturieren.“
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Wichtig sei auch eine Nutzungsmischung, erklärt Redeker: „So durchmischt wie Städte eben natürlich wachsen.“ Also: Wohnen, Einkaufen, Kultur und Leben in einem. Angedacht habe die Stadt Leverkusen aktuell aber eine gegenteilige Idee, nämlich eine große Hotelanlage in Bahnhofnähe mit (zukünftiger) perfekter Anbindung.
Sebastian Raderath sieht die Idee sehr kritisch: „Das wäre ein unsozialer Ausverkauf des Ganzen durch die Stadt.“ Der Bonner Medienwissenschaftler gibt Redeker recht und merkt außerdem an: „Im Grunde wäre das ja wieder genau das, was hier schon mal nicht funktioniert hat. Man kann doch nicht immer nur kurzsichtig für zehn Jahre denken.“ Initiatorin Dietz ist etwas frustriert: „Aber wenn es hier scheinbar schon an den einfachsten Eigentumsverhältnissen scheitert, können die Ideen noch so gut sein.“
Je mehr man ins wirkliche Wiesdorf eintaucht und die Gegend um Rathaus und Busbahnhof verlässt, desto lebendiger wird die Architektur, finden viele Spaziergänger. Auch über andere neuere Projekte in Leverkusen wird debattiert. Karola Nordt ist Filzkünstlerin und der Meinung: „Der Neuen Bahnstadt Opladen zum Beispiel muss man mal eine Chance geben.“ Dieses Projekt sei für sie ein Lichtblick in Leverkusens Stadtplanung.


