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„Ihre Tochter hat jemanden totgefahren“Das perfide Spiel mit Schockanrufen und Emotionen

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Bei Schockanrufen kann der Kopf keine klaren Gedanken mehr fassen, es folgt der Betrugsversuch.

Bei Schockanrufen kann der Kopf keine klaren Gedanken mehr fassen, es folgt der Betrugsversuch.

Jeder kann auf Schockanrufe hereinfallen. Oft steckt dahinter eine perverse Masche, ebenso wie umfassend organisierte Kriminalität. Wie man sich davor schützen kann.

Die Emotionen, die Gretel Heidelberg an jenem Tag spürte, waren einmalig, sagt sie heute. Das Herz schlug schneller, die Atmung wurde unruhiger, der Kopf hörte auf zu arbeiten. Als die Seniorin das Telefon ans Ohr nahm, nahm das Unheil seinen Lauf. Ihr Schwiegersohn war am Apparat – zumindest glaubte sie das. Er weinte. Er sagte, sie müsse ihm helfen. Ihre Tochter Anja sei in eine Gruppe niederländischer Radfahrer gefahren, ein junger Mann dabei ums Leben gekommen, die holländische Polizei verlange Kaution. 18.000 Euro. „Es war dieselbe Stimme, unverkennbar“, sagt die 81-Jährige. „Er rief weinend an, sagte, ich müsse ihm helfen. Aber er war es gar nicht.“

Was folgte, war ein Betrugsversuch mit erschreckender Präzision. Die Täter wussten, dass Heidelbergs Mann erst eine Woche zuvor gestorben war. Sie kannten die Adresse, die Namen der Kinder, die familiären Verhältnisse. Woher? Durch Todesanzeigen zum Beispiel. „Ich hatte eine Anzeige zum Tod meines Mannes geschaltet – mit Adresse, mit den Namen der Kinder“, sagt Heidelberg, die in Leverkusen wohnt.

Sigrid Jung von der Kriminalprävention beim Polizeipräsidium Köln kennt solche Fälle genau. Sie befasst sich seit Jahren mit Telefonbetrug zum Nachteil älterer Menschen. Was viele nicht wissen: Die Täter arbeiten nicht im Verborgenen kleiner Kellerbüros, sondern in streng hierarchisierten Callcentern – oft in der Türkei oder in Osteuropa. „Die machen den ganzen Tag nichts anderes, als Telefonbücher rauf und runter abzutelefonieren“, sagt sie. Wer in Telefonbüchern mit Vor- und Nachnamen und Adresse eingetragen ist, macht es den Tätern leicht. „Wenn man Gisela oder Lieselotte heißt, ist die Chance unheimlich groß, angerufen zu werden. Es gibt Fälle, in denen ganze Straßenzüge in Köln oder Leverkusen abtelefoniert werden.“

Die Telefonnummern kommen nicht nur aus Verzeichnissen: Datenlecks, Gewinnspiel-Teilnahmen, leichtfertig hinterlassene Nummern im Netz. „Wir gehen insgesamt zu sorglos mit unseren Daten um“, sagt Jung. „Ich ertappe mich selbst dabei, wenn ich etwas bestelle, dass ich meine Telefonnummer eingebe, obwohl ich es gar nicht müsste.“ Die Struktur hinter diesen Anrufen ist die eines Konzerns.

Struktur wie im Vertriebswesen

Die sogenannten Keiler rufen aus dem Ausland an und eröffnen das Gespräch – emotional, dringlich, ohne Pause. Sogenannte Logistiker koordinieren aus dem Hintergrund die Geldabholung. Die Abholer schließlich – das unterste Glied der Kette – erscheinen persönlich an der Haustür oder lotsen die Opfer zu Übergabeorten. Was die Ermittlung zusätzlich erschwert: Nach jeder vollendeten Tat wechseln die Täter die SIM-Karte oder verwenden Wegwerf-Handys.

Die Dimension des Problems lässt sich in Zahlen fassen. Im Bereich Köln und Leverkusen zählte die Polizei 2024 insgesamt 120 vollendete Straftaten zum Nachteil älterer Menschen mit einem Gesamtschaden von 3,4 Millionen Euro. 2025 waren es 109 vollendete Taten und 2,4 Millionen Euro Schaden. Davon entfielen knapp 19 Prozent auf das Phänomen Enkeltrick und Schockanrufe, weitere 22 Prozent auf falsche Amtsträger – also Betrüger, die sich als Polizeibeamte, Staatsanwälte oder Richter ausgeben.

In NRW wurden im Jahr 2025 insgesamt 2603 solcher Straftaten mit überregionaler Tatbegehung erfasst, zudem weitere 11.949 Auslandstaten – also Fälle, bei denen die Täter nachweislich vom Ausland aus agierten. Der Versuchsanteil lag dort bei 95,7 Prozent: Die meisten Anrufe scheitern. Aber die, die gelingen, richten enormen Schaden an. Die Schadenssumme der vollendeten Inlandstaten zum Nachteil älterer Menschen betrug in NRW 2025 rund 34 Millionen.

Immer wieder taucht in den Gesprächen über Trickbetrug dieselbe Frage auf – auch bei Gretel Heidelberg: Wie kann man darauf hereinfallen? Jung hat dafür eine klare Antwort: „Das ist eine biologische Notfallreaktion des Gehirns. Am Telefon hat man weder die Möglichkeit des Angriffs noch der Flucht. Wenn man im Vorfeld keinen Plan für diese betrügerischen Anrufe entwickelt hat, verfällt das Gehirn in eine Art Schockstarre – und dann kann man tatsächlich nichts dafür.“

Täter spielen mit den Emotionen

Die Täter wissen das. Sie halten ihre Opfer mitunter stundenlang in der Leitung, bauen Druck auf, verlangen Stillschweigen, und agieren mit wechselnden Rollen: Erst der oder die verzweifelt klingende Angehörige, dann ein Polizist, der dann mit ruhiger, aber bestimmter Stimme den Sachverhalt noch einmal schildert und bestätigt: „Ihr Sohn, Ihre Tochter kommt angesichts der Schwere des Unfalls in Untersuchungshaft. Das hat der Staatsanwalt angeordnet.“ Ein gedanklicher Ausstieg ist dann kaum noch möglich. Das hat, betont Jung ausdrücklich, nichts mit Alter zu tun. Und nichts mit Intelligenz.

In einer Online-Seniorenpräventionsveranstaltung berichtete eine noch jüngere Geschädigte, wie sie auf einen Schockanruf hereingefallen war. Ihr Sohn war mit dem Vater im Skiurlaub unterwegs. Als das Telefon klingelte und eine verzweifelte Stimme zu hören war, verknüpfte das Gehirn beides sofort. „Es passte in den Kontext. Und dann hängt man am Haken.“ Auch die Frage nach künstlicher Intelligenz – ob Täter damit Stimmen klonen – beantwortet Jung: „Wir haben keinen einzigen Fall, bei dem KI im Spiel war. Vielleicht ist das technisch möglich, aber unnötig. Denn die Täter schaffen das auch so. Wer von uns weiß denn überhaupt, wie sein erwachsenes Kind klingt, wenn es total verstört weint und schreit. Wann haben wir das letzte Mal unsere erwachsenen Kinder so verzweifelt gehört? Die Mühe, sich irgendwo ein ‚Stimmschnipsel‘ zu holen, daraus dann einen kompletten Anruf zu stricken, der auch noch dynamisch auf die Reaktionen der Opfer eingehen soll, brauchen sich die Täter nicht zu machen. Die Anrufe funktionieren auch so.“

Was den Versuch bei Frau Heidelberg abbrechen ließ, war ein einziger Satz. Als sie erklärte, sie müsse das Geld erst von der Sparkasse holen, und hinzufügte: „Die kennen mich da ja alle“ – da brach das Gespräch sofort ab. Sie rief ihren Schwiegersohn an. Der lag mit ihrer Tochter am Strand, im Urlaub. Noch am selben Abend erstattete sie Anzeige. Dabei ist Scham ein verbreitetes Hindernis. „Hinterher hat jemand zu mir gesagt: Du bist doch eine intelligente Frau – und fällst da drauf rein“, sagt Heidelberg.

Jung kennt das Muster. „90 Prozent unserer Fälle bleiben im Versuchsstadium stecken – aber die wurden trotzdem angezeigt. Die Leute sollten das wirklich melden, sonst wissen wir nicht, wovor wir warnen sollen, vor allem, weil sich die Betrugsmaschen auch verändern.“ Die Anzeige helfe auch dabei, sich nicht mehr so hilflos zu fühlen. „Ich sag immer: Raus aus dem Opfermodus, rein in den Kampfmodus. Nicht in der Opferrolle verbleiben – sondern etwas tun. Auch wenn die Täter vielleicht nie gefasst werden.“

Oft bleiben psychische Schäden

Was passiert, wenn das Geld doch übergeben wird, ist kaum zu ermessen. Viele Opfer tragen tiefgreifende psychische Schäden davon, selbst wenn kein Cent verloren ging. Jung erinnert sich an einen besonders tragischen Fall: Eine ältere Frau hatte 20 Jahre lang 15.000 Euro für ihre Enkel gespart. Auf dem Umschlag, den die Polizeibeamten sicherstellten, stand: „Wenn ich verstorben bin, für meine Enkel.“ Das Geld war weg.

Zurückzubekommen ist es in den meisten Fällen nicht. „Aber wer reingefallen ist, muss nicht allein klarkommen“, sagt Jung. „Opfer von Straftaten finden sich in außergewöhnlichen Situationen wieder, auf die sie nicht vorbereitet sind. Dafür gibt es den polizeilichen Opferschutz. Das Kommissariat Kriminalprävention/Opferschutz vermittelt Betroffene für ein Unterstützungsangebot beispielsweise an den Weissen Ring e. V.“, so Jung. Zudem gibt es weitere spezialisierte Beratungsstellen wie den Verein Paula und verschiedene Traumaambulanzen.

Jungs Rat für den entscheidenden Moment: „Der beste Plan ist: Fragt jemand am Telefon nach Geld: Auflegen und zurückrufen; also den vermeintlichen Angehörigen, die angebliche Polizei oder den Bankmitarbeitenden. Lassen Sie sich nicht verbinden und suchen Sie den Kontakt für den Rückruf aus Ihren Telefonverzeichnissen selbst heraus.“ Wer sich darüber hinaus schützen will, kann seinen Eintrag aus öffentlichen Telefonverzeichnissen löschen – ein Formular dafür gibt es auf www.polizei.koeln.de. Anonyme Anrufe lassen sich beim Telefonanbieter unterdrücken, im Festnetz über den Router sogar vollständig.

Wer eine sogenannte „Whitelist“ einrichtet, lässt nur noch bekannte Nummern durch. Der Anrufbeantworter, sagt Jung, sei dabei ein unterschätztes Mittel: „Die Täter sprechen meistens nicht drauf. Und selbst wenn – man hat kurz Zeit zum Nachdenken.“ Ein verlässliches Warnsignal ist das Wort „Kaution“: Es existiert im deutschen Strafrecht nicht als Mittel zur Abwendung von Untersuchungshaft. Wer am Telefon aufgefordert wird, eine „Kaution“ zu zahlen, kann sicher sein: Es ist ein Betrugsversuch.

Codewörter können Abhilfe verschaffen

Noch wirkungsvoller ist Vorsorge. Wer im Familienkreis vorab ein Codewort vereinbart, das nur der engste Kreis kennt, schafft sich eine Sicherheitsbarriere für die Betrüger. Im Zweifel lässt sich damit schnell prüfen, ob die weinende Stimme am Telefon wirklich die eigene Tochter ist. Auch die Banken seien eine unterschätzte Schutzinstanz. „Die Bankmitarbeitenden sind vor der Übergabe häufig die letzten Personen, die noch eingreifen können. Sie fragen nach, verzögern, alarmieren.“

Das Team der Kriminalprävention ist häufig an den sogenannten „Ultimo-Tagen“ – wenn die Renten überwiesen werden – in den Filialen präsent. Sogar Taxifahrer werden inzwischen gezielt informiert: Weil Betrüger für ihre Opfer mitunter selbst ein Taxi bestellen, das diese zur Bank fährt, gibt es spezielle Merkblätter für Fahrer und Fahrerinnen. Ein Taxifahrer aus dem Kölner Raum brachte eine aufgelöste ältere Frau kürzlich kurzerhand direkt zur Polizeiwache.

Gretel Heidelberg hat aus dem Erlebten ihre eigene Konsequenz gezogen. Sie schrieb einen Leserbrief – „damit auch andere gewarnt sind, damit die Leute wissen, wie die das machen.“ Und sie rät: „Sobald Geld verlangt wird, egal wie dramatisch die Geschichte klingt, muss man sagen: Da bespreche ich mich erst mit meinen Verwandten. Man darf das auf keinen Fall mit sich allein ausmachen. Das ist das Wichtigste.“