Der Leverkusener Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach sieht keine Gefahr für die Bevölkerung – warnt aber vor dem, was noch kommt.
Karl Lauterbach über Hantavirus„Wenn wir die Umwelt weiter so zerstören, folgen Krankheiten“

Karl Lauterbach glaubt nicht an eine Pandemie durch das Hantavirus, rät aber dazu, die Situation keinesfalls zu unterschätzen.
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Drei Tote hat der Ausbruch des Hantavirus auf dem Expeditionskreuzfahrtschiff MV Hondius bereits gefordert. Sogenannte Hantaviren treten in vielen Spezies auf. Die in Deutschland heimische Variante, übertragen durch Nagetiere, verläuft meist mild. Laut Robert Koch-Institut liegt die Sterblichkeitsrate hierzulande bei unter einem Prozent. Pro Jahr werden zwischen 100 und 2000 Fälle gemeldet, je nach Mäusepopulation.
„Das Hantavirus ist ein seltenes Virus, das sich im Wesentlichen in Nagetieren, also bestimmten Mäusen, befindet – ohne dass diese Tiere selbst Krankheitssymptome entwickeln. Wenn es den Menschen befällt, kann es eine hämorrhagische Fiebererkrankung verursachen: Das Blut verklumpt, und das kann tödlich sein. Besonders gefährdet sind dabei Lungen und Nieren“, sagt der frühere Bundesgesundheitsminister und Arzt Karl Lauterbach im Gespräch mit dieser Redaktion.
Lauterbach gibt Entwarnung
Dabei ist das Virus nicht unbekannt, so der Bundestagsabgeordnete für Köln-Mülheim/Leverkusen: „Das Virus kennt man seit den 50er-Jahren, es wird auch im deutschen Medizinstudium gelehrt. In der Regel sieht man solche Fälle aber nie, weil sie Gott sei Dank sehr selten sind. Es spielt vor allem in Südamerika eine Rolle, wo die Nagetiere stärker betroffen sind – und dort trifft es oft Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten. Wenn das Virus aber kommt, verläuft es oft schwer: Je nach Typ sterben zwischen 15 und 50 Prozent der Erkrankten. Das Hantavirus ist eine ganze Familie von RNA-Viren – mit sehr unterschiedlichem Gefährdungspotenzial.“
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Aktuell befindet sich das zuvor benannte Schiff auf dem Weg nach Teneriffa, wo alle verbleibenden Passagiere und Crewmitglieder untersucht werden sollen. Spaniens Gesundheitsministerin Mónica García Gómez teilte mit, das Schiff werde „innerhalb von drei Tagen“ anlegen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von sieben mutmaßlich Infizierten, davon fünf Verdachts- und zwei bestätigten Fällen (Stand 7. Mai). Beim Stopp auf der Südatlantik-Insel St. Helena am 24. April verließen laut dem Reiseveranstalter „Oceanwide Expeditions“ 29 Passagiere das Schiff – zu einem Zeitpunkt, als der erste Fall offiziell nicht bestätigt, aber da gewesen war. Das geschah am 4. Mai.
Was zunächst als Einzelfall galt, weitet sich aus: Unter den 29 Ausgestiegenen befand sich auch ein Schweizer, der inzwischen Symptome entwickelt hat und positiv getestet wurde. In Amsterdam wurde zudem eine KLM-Flugbegleiterin ins Krankenhaus eingeliefert – sie saß in jenem Flugzeug, mit dem die Witwe eines an Bord verstorbenen Niederländers nach Johannesburg gereist war. Auf dem dortigen Flughafen brach die Witwe zusammen und starb kurz darauf ebenfalls. Die niederländischen Behörden haben Kontakt zu allen Passagieren dieses Fluges aufgenommen. Gestern wurden drei weitere Personen von Bord geholt, darunter eine 65-jährige Deutsche, die ins Universitätsklinikum Düsseldorf gebracht wurde. Die Klinik teilte mit, es handele sich um „eine Kontaktperson ohne Symptome“.
Lauterbach hält Mutation für unwahrscheinlich
Die amerikanische Variante – als Andesvirus bekannt – ist der bislang einzige Hantastamm, der nachweislich von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Wie es zu dem Ausbruch an Bord kam, ist noch ungeklärt. Das verstorbene niederländische Ehepaar war seit Ende November durch mehrere südamerikanische Länder gereist; ob sich einer der beiden bereits auf dieser Reise infiziert hat, ist nicht nachgewiesen. Die argentinischen Behörden haben angekündigt, Experten in jene Regionen zu entsenden, die das Paar besucht hatte.
„Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind sehr selten. Es gibt das sogenannte Superspreader-Verhalten, auch bei Hantaviren – manche Menschen sind von dem Virus sehr stark betroffen. Das könnte auch auf dem Schiff eine Rolle gespielt haben“, sagt Lauterbach. „Dass das Virus in so kurzer Zeit mutiert ist und sich dadurch allgemein gefährlicher für die Bevölkerung entwickelt hat – das halte ich für sehr unwahrscheinlich.“
Vorfälle wie auf dem Schiff wecken Erinnerungen an die Corona-Pandemie, schließlich begann auch sie mit wenigen Einzelfällen. Lauterbach sieht das anders: „Für die allgemeine Bevölkerung in Deutschland sehe ich keine Gefahr. Die wenigen Fälle, die wir möglicherweise bekommen – wenn wir überhaupt Fälle bekommen –, lassen sich durch Isolation und Behandlung gut in den Griff bekommen. Eine starke Ausbreitungsgefahr in Deutschland oder Europa sehe ich nicht.“
Keine Zustände wie zur Corona-Zeit
Weil das Land aus der Pandemie gelernt hat, erwartet Lauterbach keine vergleichbaren Zustände: „Wenn wir wirklich ein Problem bekämen – wovon ich nicht ausgehe –, sind wir deutlich besser vorbereitet als früher, noch vor der Corona-Pandemie. Wir haben ein Abwassermonitoring, ein gutes Überwachungssystem in den hausärztlichen Praxen, wir können innerhalb kurzer Zeit Schutzmaterial ausgeben. Der Pandemieplan wurde umgesetzt, das Infektionsschutzgesetz überarbeitet. Technisch ist Deutschland sehr viel besser aufgestellt.“
Wenn wir wirklich ein Problem bekämen – wovon ich nicht ausgehe –, sind wir deutlich besser vorbereitet als früher, noch vor der Corona-Pandemie.
Wichtiger noch ist dem 63-Jährigen eine Warnung. Denn Ausbrüche wie dieser müssen kein Einzelfall bleiben: „Der Hantavirus hat Gott sei Dank nicht das Potenzial, zu einer Pandemie zu werden. Aber wir müssen dennoch vorsichtig sein: Indem wir die natürlichen Lebensräume der Tiere systematisch verengen, werden wir Zoonosen bekommen – Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen. Und da werden sehr gefährliche Viren dabei sein. Wenn wir die Umwelt weiter so zerstören, werden Zoonosen ein großes Gefahrenpotenzial für uns bringen.“
Die politische Dimension solcher Ausnahmesituationen darf, so Lauterbach, nicht unterschätzt werden: „Technisch sind wir, wie gesagt, sehr viel besser vorbereitet, wenn es noch mal eine Pandemie geben sollte. Daran arbeiten alle Beteiligten – die Weltgesundheitsorganisation hat durch den Pandemievertrag auch die internationale Zusammenarbeit wesentlich verbessert“, so der Politiker. „Wo ich uns schlechter vorbereitet sehe: Durch die politische und ideologische Instrumentalisierung der Pandemieabwehr durch bestimmte Kreise haben wir ein starkes Misstrauen in der Bevölkerung gegen staatliches Handeln. Wir haben so viele Verschwörungstheoretiker, so viele Akteure, die versuchen, aus der Angst der Menschen politisches Kapital zu schlagen. Das ist ein Problem, das wir vorher nicht hatten. Mit der Zeit werden die Menschen wieder weniger politisch auf solche Probleme blicken – etwas kühler im Kopf. Aber wenn es eine medizinische Katastrophe gibt, versuchen radikale Parteien immer, daraus politischen Gewinn zu ziehen. Das kann für uns als Bevölkerung kein Vorteil sein.“


