Die Jugendgruppe des Leverkusener Ensembles bringt „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert auf die Bühne.
Matchboxtheater HitdorfWenn sogar die Elbe „auf einen scheißt“

Beckmann (r.) ist 25 und nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückgekehrt. Sein Zuhause ist sein Land aber nicht mehr. „Der Andere“ (l.) ist sein ständiger Begleiter.
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Jeder kann Beckmann sein. Und deshalb ist auch jeder und jede Beckmann. Jemand ohne Vorname. 25 Jahre alt, gerade aus dreijähriger Kriegsgefangenschaft in Sibirien nach Hause gekommen. Aber ein Zuhause ist die junge Bundesrepublik nicht mehr: Die Frau hat einen neuen Mann, der kleine Sohn, den er nicht einmal kennengelernt hat, ist tot. Beckmann gehört nicht mehr hierher. Einsam steht er in zerschlissenem Mantel auf dem Ponton an den Landungsbrücken und springt. Aber das ist nicht das Ende seiner Geschichte, sondern der Anfang.
„Plan B“, das Jugendensemble des Hitdorfer Matchboxtheaters bringt „Draußen vor der Tür“, das Nachkriegsdrama von Wolfgang Borchert, auf die Bühne und verpasst dem Stück eine eigene, zeitgenössische Note. Denn Beckmann hat natürlich seine Geschichte, soll aber für jeden stehen, der sich ausgegrenzt und ausgeschloss fühlt, wie Regisseurin Monika Noltensmeier sagt. Und um das umzusetzen, bedienen sie und ihr zehnköpfiges Ensembles sich eines Kniffs: Jeder spielt mal Beckmann. Jeder ist Beckmann.
Die Uraufführung seines Werks am 21. November 1947 bei den Hamburger Kammerspielen hatte Wolfgang Borchert nicht mehr erlebt. Er starb einen Tag zuvor im Alter von 26 Jahren an den Folgen einer Lebererkrankung. Borchert, der während der NS-Zeit mehrfach wegen Kritik an den Nationalsozialisten verurteilt worden war, war selbst Soldat im Zweiten Weltkrieg.
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Borchert war Soldat der Wehrmacht, erlitt im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront schwere Verletzungen. „Draußen vor der Tür“, das er in acht Tagen schrieb, machte ihn bekannt. Das Stück, das auch als Hörspiel im Radio ausgestrahlt wurde, gilt als eines der bedeutensten Dramen der Nachkriegszeit.

Selbst die Elbe (hinten) will Beckmann nicht.
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Krieg: Mehrere Generationen mussten sich mit diesem Thema nicht beschäftigen. Das sei unter jungen Menschen inzwischen wieder anders, sagt die Regisseurin. Wehrpflicht, Bedrohung durch geopolitische Konflikte – „viel ist im Wandel und im Umbruch“, sagt Noltensmeier. Und das merke sie in ihrem Ensemble, deren Mitglieder zwischen 15 und 25 Jahren alt sind.
„Gerade bei jungen Männern ist das im Kopf“, sagt Monika Noltensmeier. Die Generation setze sich anders mit dem Thema auseinander als die vorigen. Bevor die Probenarbeit zum Stück begann, das sich alle gemeinsam ausgesucht hätten, habe man darüber viel gesprochen.
Die jungen Schauspieler hätten auch mal einen halben Tag nichts gegessen, um so etwas wie ein Hungergefühl zu spüren, das dem von Beckmann zumindest nahekommt.
Die Probenarbeit beschreibt Monika Noltensmeier als sehr intensiv. Das Thema sei emotional – und natürlich auch politisch. Junge Menschen seien heute häufig politisch. Und das Theater sowieso. Es sei das dritte Mal in Folge, dass sich „Plan B“ für ein Drama entschieden habe, nicht für eine Komödie oder einen Krimi. Die Leiterin bringt das mit dem Zeitgeist in Verbindung, viele junge Menschen seien verunsichert.
Ich will mein ganzes Leben lang tot sein.
„Ich will mein ganzes Leben lang tot sein“, sagt der verzweifelte Beckmann auf dem Hamburger Ponton, nachdem er sich aus einem Müllsack herausgeschält hat. Immer bei ihm ist „Der Andere“. Eine innere Stimme, das Gewissen. Etwas, das Beckmann immer wieder anzutreiben versucht. Einer, der ihn immer begleitet. „Der Andere“ aus Stalingrad und „Der Andere“ vom Elbufer.
Der Protagonist friert, hat Hunger und ist müde. Beckmann wird zu niemandem. Einen Vornamen hat er nicht. Oder nicht mehr. „Beckmann, wie man zu einem Tisch Tisch sagt“, habe seine Frau gesagt. Oder seine ehemalige Frau. Wie ein Möbelstück, das man wegstellen kann. Und der, der jetzt bei ihr ist, habe gelacht. Der, der jetzt sein Bett besetze.
Als Beckmann in die Elbe springt, kümmert niemanden. „Keine Uhr bleibt stehen“, sagt ein Bestattungsunternehmer. Auch wenn ein Mensch gestorben sei. Aber nicht einmal dafür reicht es bei Beckmann. „Dein kleines Leben ist mir ein bisschen zu wenig“, sagt die Elbe in einem Traum zu ihm. „Ich scheiß auf deinen Selbstmord“. Beckmann wird zurückgespuckt ans Elbufer. Und das ist erst der Anfang der Geschichte.
„Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert, „Plan B“ des Mathboxtheaters Hitdorf. Es spielen Alicia Müller, Finn Schneider, Henryk Ryrko, Ivy Laufs, Jana Hilger, Johanna Reifenscheid, Jules Jöhnk, Lucija Lulić und Mimi Weiß, Monika Noltensmeier führt Regie. Premiere Freitag, 19. Juni, 20 Uhr. Weitere Vorstellung: Samstag, 20. Juni, 18 Uhr, Hitdorfer Straße 169. Karten gibt es online.


