Seit November 2025 läuft das PSU-Projekt im Schlebuscher Klinikum. Eine Mitarbeiterin schildert, wie ihr geholfen werden konnte – und den Unterschied zu einem Erlebnis vor mehr als 30 Jahren.
Klinikum LeverkusenSchnelle Hilfe für Helfer – interne Unterstützung bei traumatischen Erlebnissen

Dr. Sebastian Braun (l.) und Dr. Marc Bönsch haben im Klinikum Leverkusen den „Psychosozialen Support“ etabliert.
Copyright: David Posor/Klinikum Leverkusen
Bereits seit 1994 gibt es bei der Polizei NRW ein Team für die psychosoziale Unterstützung – ähnlich sieht es bei der Feuerwehr aus. Dr. Sebastian Braun und Dr. Marc Bönsch engagierten sich in den vergangenen beiden Jahren dafür, ein ähnliches Unterstützungssystem auch im Klinikum Leverkusen aufzubauen. Dabei dreht es sich hauptsächlich um die Frage: Was passiert, wenn die Helferinnen und Helfer mal Hilfe benötigen?
Für Pflegepersonal sowie die Medizinerinnen und Mediziner ist es in den meisten Fällen Beruf und Berufung zugleich, den Bürgerinnen und Bürgern zu helfen. Was aber, wenn die Erlebnisse im Dienst so dramatisch und traumatisch sind, dass ein einfaches „Weiter so“ nicht möglich ist? Hierfür setzt das Schlebuscher Klinikum seit November 2025 auf das PSU-Konzept und aktuell rund 20 dafür geschulte Mitarbeitende.
Rund 20 Mitarbeitende wurden für das PSU-Projekt geschult
Das Projekt wurde von Braun, Bönsch und Jessica Odenthal aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement des Klinikums in die Wege geleitet. „Es ist ein Prozess, der über eineinhalb Jahre lief und viel Vorbereitung brauchte – zumal er auch finanziert werden musste“, erklärt Braun, Direktor der Klinik für Anästhesie und Operative Intensivmedizin. „In meiner anästhesiologischen Vergangenheit hatte ich immer mal den Eindruck, dass Leute durch sehr dramatische klinische Szenarien traumatisiert werden und es denen schlicht nicht gut geht.“
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Erlebnisse aus seiner medizinischen Laufbahn bestärkten Braun dabei, sich für die Unterstützungsstruktur einzusetzen: „Ich kenne alleine zwei, drei Verläufe in den vergangenen zehn oder 15 Jahren, wo solche dramatischen Ereignisse dazu geführt haben, dass die Leute aus dem Job ausgestiegen sind.“ Bönsch, Oberarzt der Klinik für Anästhesie und Operative Intensivmedizin, fügt hinzu: „Ich kenne den Fall einer Kollegin, die sich suizidiert hat, weil sie eine Schuld empfunden hat, mit der sie nicht klarkam.“
Durch die psychosoziale Unterstützung soll eine niedrigschwellige Möglichkeit geschaffen werden, intern über Probleme und Belastungen zu sprechen. Dies könne in einem vorab organisierten Gesprächsrahmen stattfinden – oder einfach an der Kaffeemaschine.
Wer eine entsprechende Schulung in Zusammenarbeit mit dem „PSU Akut e. V.“ in München durchlaufen hat, wurde dabei in internen Systemen vermerkt, sodass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, an wen sie sich wenden können. Braun und Bönsch berichten, dass Personal aus den Teams der Ärzte, Pflege, Hebammen und des Gesundheitsmanagements auf das Angebot einer Schulung zurückgekommen ist.
Daiva Korinth zählt wiederum zu den Mitarbeiterinnen im Klinikum, die das Angebot in seinen ersten Monaten schon in Anspruch genommen haben. Die 60-Jährige ist bereits seit 1990 als OP-Pflegerin am Klinikum tätig. Natürlich sind aber auch 35 Dienstjahre kein Grund, wieso es nicht zu Belastungen kommen kann, die Nachwirkungen zeigen.
Im Gespräch mit dem „Leverkusener Anzeiger“ berichtet die 60-Jährige, wie es zu ihrem Erstkontakt mit der neuen PSU-Struktur des Klinikums kam. „Ich bin mitten in der Nacht geweckt worden, da war eine Patientin, die durch keinen männlichen Kollegen behandelt werden und auch Anästhesie bekommen wollte. Sie war so panisch, das hat mich tief bewegt. Obwohl ich schon seit 36 Jahren in diesem Beruf bin, hat mich dieser schwere Fall traumatisiert“, schildert Korinth. „Ich bin dann angesprochen worden von einem Anästhesisten, weil es mir auch danach schlecht ging. Ich konnte auch nicht abschalten und dann hat er mich gefragt, ob ich darüber reden möchte.“ Dies habe die OP-Pflegerin bejaht, daraufhin habe es ein zuvor organisiertes Gespräch mit Braun, Bönsch, einer Psychologin und weiterem Personal des Klinikums gegeben: „Das hat mir Sicherheit gegeben, dass ich nicht alleine war.“
Ich habe das alleine durchgestanden über die Jahre, diesen einen Fall werde ich mein Leben lang nicht vergessen
Bereits vor mittlerweile 34 Jahren habe sie einen Fall mit ähnlicher Belastung erlebt – als noch ein anderes gesellschaftliches Miteinander herrschte. Damals habe sie das Erlebte „mit nach Hause geschleppt, ich hatte aber zu Hause nicht die entsprechende Person, die ausgebildet war, mir diese Rückendeckung geben zu können“. Mehr als drei Jahrzehnte später sagt sie: „Ich habe das alleine durchgestanden über die Jahre, diesen einen Fall werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“
Zuvor habe es schon die Möglichkeit gegeben, dass sich Klinikpersonal an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wendet, wenn sie es für nötig erachten. Braun merkt aber an, dass da auch die „Hemmschwelle bei vielen Menschen“ eine Rolle gespielt habe: „Wir sehen die PSU als einen Zwischenschritt, der das vielleicht auch leichter macht – gerade weil man eben unter Kollegen ist.“ Bönsch ergänzt: „Nach drei Kontakten zu einem Mitglied unseres PSU-Teams würden wir weiterverweisen an Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten.“ Somit soll die psychosoziale Unterstützung nicht etwa eine mögliche Psychotherapie im internen Kreise ersetzen, sondern eine weitere Hilfestellung bieten.
Um die entsprechenden Strukturen zu schaffen, musste auch die Finanzierung geregelt werden. Hierbei habe es Unterstützung seitens der Klinikum-Geschäftsführung und gesetzlicher Krankenkassen gegeben.
Wichtig sei aber auch, erklären die beiden Anästhesisten, dass nicht die Schwere eines Einsatzes entscheidend sei, ob im Anschluss eine Nachbetreuung nötig sei. „Das kann auch zum Beispiel passieren, wenn sich die eigene Lebenssituation verändert: Nehmen wir an, man hat jetzt ein kleines Kind zu Hause, und dann passiert etwas Dramatisches im Krankenhaus mit einem kleinen Kind. Dann kann es da sozusagen gedankliche Quervernetzung geben, die dazu führen, dass man das sehr emotional erlebt und möglicherweise auch dramatisch“, erklärt Braun. „Er habe selbst erlebt, dass ihn Situationen im Schockraum mit schwerstverletzten Patienten nicht angefochten haben – dafür aber sehr viel kleinere Szenarien.“
Für die Zukunft sei es das Ziel, noch mehr Personen, die im Schlebuscher Klinikum beschäftigt sind, dafür zu gewinnen, sich als Unterstützerin und Unterstützer ausbilden zu lassen. Rückblickend auf mittlerweile knapp zwei Jahre seit PSU-Planungsbeginn zeigt sich Braun aber zufrieden: „Ich bin sehr froh, dass wir diese Fürsorgefunktion des Klinikums für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit diesem Projekt noch ausbauen.“ Polizei und Feuerwehr hätten hierbei eine Vorreiterrolle übernommen, nun gehe es auch darum, dass entsprechende Angebote in Krankenhäusern selbstverständlich werden. Hier hofft das Klinikum auch darauf, über die Grenzen Leverkusens den Effekt dieser Strukturen aufzeigen zu können.
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