Die Patienten, die die Kinderpalliativstation im Klinikum Leverkusen besuchen, haben in der Regel eine lange Leidensgeschichte hinter sich.
Kinder mit lebensverkürzenden ErkrankungenLeverkusener „Zeitinsel“ hilft mit viel Wärme und noch mehr Aufwand

Dr. Dejan Vlajnic im Außenbereich der Kinderpalliativstation am Klinikum Leverkusen, auch hier gibt es Spielmöglichkeiten für die Patientinnen und Patienten.
Copyright: Daniel Thiel
Die farbenfrohe Gestaltung des Gebäudes sorgt im ersten Moment für ein wohliges Gefühl, genau das war auch die Idee in der finalen Bauphase der vergangenen beiden Jahre. Die Schwere der Schicksale, die die Betroffenen mitbringen, wenn sie die Kinderpalliativstation am Klinikum Leverkusen betreten, spricht ohnehin für sich.
Seit mittlerweile sechs Monaten werden in Schlebusch bis zu sechs Patientinnen und Patienten umfassend betreut, bei denen lebensverkürzende Erkrankungen diagnostiziert wurden. Der erste Bewohner im Juli 2025 war gerade einmal zwei Jahre alt.
„Zeitinsel“ im Klinikum Leverkusen seit sechs Monaten bewohnt
Zu einem der vielen kleinen Meilensteine des Klinikums – die Versorgung auf der „Zeitinsel“, so der Name der Kinderpalliativstation, seit nunmehr einem halben Jahr im laufenden Betrieb zu haben – besuchte der „Leverkusener Anzeiger“ das Team um Leiter Dr. Dejan Vlajnic.
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Das Projekt „Zeitinsel“ führte den Mediziner nach Leverkusen, für Vlajnic endete unlängst sein erstes Jahr am Klinikum. In den ersten Monaten war er an der Koordination der finalen Schritte vor dem Erstbezug beteiligt, mittlerweile ist er gemeinsam mit seinem Team längst im medizinischen Alltag angekommen – und über die Entwicklung erfreut: „Ich bin ganz begeistert, weil ganz vieles, was wir uns auf dem schwarzen Brett überlegt haben, auch in der Wirklichkeit funktioniert“, erklärt der Leiter, der auch das Umfeld am Schlebuscher Klinikum betont. „Es ist eine sehr angenehme Atmosphäre. Das lebt natürlich vom Gebäude, aber es lebt auch von dem Personal.“ Vlajnic berichtet von den Anfängen, noch vor einem Jahr, als er als einziger „Zeitinsel“-Mitarbeiter auf dem Personalbogen stand.
Viele sagen, sie fühlen sich wie im Hotel oder wie im Urlaub.
Das Arbeiten, das er und sein Team vorfinden, profitiert von den Bedingungen, „sehr viel Zeit für die Kinder“ zu haben. „Das hat man im normalen Krankenhausalltag nicht unbedingt“, schildert Vlajnic. In der Regel sind die Patientinnen und Patienten drei bis sechs Wochen vor Ort. Zu Beginn nehme sich das Personal erst einmal die Zeit, die Situation und Krankenhistorie der Kinder ganz genau unter die Lupe zu nehmen – und einen individuellen Plan zu entwickeln. Dafür arbeitet das Klinikum mit zahlreichen Expertinnen und Experten, etwa mit verschiedenen Therapie-Hintergründen, zusammen. Allerdings erfordere das Arbeiten mit den Kindern auch diese Zeit, da die Eltern in der Regel mit „Aktenbergen an Unterlagen“ eintreffen – leider treffen bei ihnen kurze Leben auf lange Leidensgeschichten.
Zweifelsohne stehen diese Leidensgeschichten in erster Linie im Kontext der Erkrankungen, die die Kinder in die „Zeitinsel“ führen. Das Team um Vlajnic stellt aber auch immer wieder fest, dass die – häufig langwierige – Historie mit Besuchen in verschiedenen Krankenhäusern und Arztpraxen eine Rolle spielt. „Sie haben oft eine Krankengeschichte hinter sich – mit engen Räumen, wo es laut ist, und keine Zeit für Gespräche bleibt“, schildert der „Zeitinsel“-Verantwortliche. Daher habe er in den vergangenen Monaten Reaktionen der „völligen Begeisterung“ gespürt, wie es in Leverkusen gehandhabt wird: „Viele sagen, sie fühlen sich wie im Hotel oder wie im Urlaub. Sie genießen auch, dass sie hier Essen haben und sie viel Zeit mit ihren Kindern haben und sich auch mal zurückziehen können auf ihr eigenes Zimmer.“ Zu den durch die Erkrankungen bedingten Symptomen komme oftmals hinzu, dass die Kinder teils „monatelang kaum geschlafen“ hätten – und auch den Eltern die Anstrengungen anzumerken seien.
„Für viele Eltern, die ein chronisch krankes Kind haben, ist das Wort ‚Palliativ‘ schon abschreckend. Wobei es bei ‚Palliativ‘ ja um das ‚Leben‘ und nicht um das ‚Sterben‘ geht, aber das ist immer noch in den Köpfen von vielen, vielen Menschen“, berichtet Vlajnic darüber hinaus aus den Erfahrungen mit Angehörigen in den vergangenen Monaten.

Eines der farbenfrohen „Zeitinsel“-Zimmer am Gesundheitspark.
Copyright: Stefanie Schmidt
Das Konzept der Zeitinsel beinhalte auch, dass sich immer wieder Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kliniken – oder Eltern – melden, weil sie auf einen Platz auf der Kinderpalliativstation hoffen. Daher komme es auch vor, dass die Verantwortlichen in anderen Kliniken oder im Elternhaus der Erkrankten vorstellig werden. „Dass wir Patienten, von denen wir noch nie gehört haben, das gibt es eigentlich nicht“, erklärt Vlajnic. Das stehe auch im direkten Zusammenhang mit der intensiven Betreuung über mehrere Wochen, auf die das Klinikum setzt – das scheint Wirkung zu zeigen: „Was wir immer merken: Die Kinder kommen mit schweren Symptomen und hohem Leid her und verlassen die Klinik wirklich in einem sehr guten Zustand.“ Bis zum Sommer stehe die Planung für die sechs Plätze der „Zeitinsel“ schon, berichtet Vlajnic.
Wenn es in den vergangenen Monaten außerhalb des Gesundheitsparks um die Kinderpalliativstation ging, waren nicht selten großzügige Spenden Hintergrund dessen. Für den Ausbau des Geschwister- und Familienprogrammes gab es etwa im November 2025 eine 200.000-Euro-Spende durch die Targobank. Mehr als fünf Millionen Euro der Kosten für den Neubau konnten bis zur Eröffnung durch Fördermittel und Spenden gedeckt werden.
Man braucht all diese Menschen, damit man den Kindern wirklich gerecht wird.
Auf die Frage, wieso die „Zeitinsel“ in Leverkusen überhaupt erst die dritte Kinderpalliativstation Deutschlands – nach Datteln und München – ist, muss Vlajnic nicht lange zögern: „Das liegt vor allem am Finanziellen, die Kostenträger bezahlen ja nur einen ganz kleinen Bruchteil.“ Die multiprofessionelle Herangehensweise, um den Erkrankten zu helfen, sei „alles über Spenden finanziert – und nur dann funktioniert es auch. Man braucht all diese Menschen, damit man den Kindern wirklich gerecht wird.“ Aus Datteln und München sei den „Zeitinsel“-Verantwortlichen indes ein finanzieller Rahmen von 600.000 Euro und eine Million Euro mitgeteilt worden, der für den jährlichen Betrieb nötig sei. „Da sind wir noch bei Weitem nicht, aber ich bin da zuversichtlich“, fügt Vlajnic hinzu.
Er freut sich über die „ganz große Spendenbereitschaft in der gesamten Region“ – sei es von größeren Unternehmen oder Menschen aus der Stadt, die einfach mal zehn oder 20 Euro spenden. Für das erste volle Jahr mit Zeitinsel-Betrieb hofft Vlajnic noch auf personellen Zuwachs: „Wir können im Moment vier bis fünf Betten von sechs fahren. Das heißt, wir brauchen wirklich noch Pflegekräfte, die sagen, ich stelle mich in diesen Dienst.“ Mit der personellen Entwicklung und der Ausstattung vor Ort zeigt sich der Mediziner zwar schon weitgehend zufrieden – wie bei den meisten frischen Projekten gebe es aber an manchen Stellen noch Nachholbedarf. Als Beispiel nennt er: „Alles, was ein Neugeborenes braucht – etwa Wärmeflaschen – all das fehlte.“ Dementsprechend war eine der regelmäßigen Beschäftigungen in Vlajnic’ ersten Monaten am Klinikum, Anträge zu stellen.
Über Langeweile konnte sich Vlajnic in seinem ersten Jahr am Schlebuscher Klinikum ohnehin nicht beklagen. Nach nur einem halben Jahr wurde er zum kommissarischen Leiter der Klinik für Kinder und Jugendliche berufen, damit verantwortet er nicht nur die Zeitinsel, sondern auch noch einen weiteren Bereich abseits des Neubaus. Als Vlajnic darauf angesprochen wird, dass er mit dieser Doppelfunktion nicht für sein erstes Jahr am Klinikum gerechnet hätte, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Bei einer Kinderpalliativstation braucht man eine gute Kinderklinik“, ergänzt der Mediziner aber. Diese verantwortet er zum Start ins zweite „Zeitinsel“-Halbjahr schlicht beide, intensiv dürften also auch die kommenden Monate werden.

