Der Opladener und der Bergische Geschichtsverein sowie die Volkshochschule hatten sich in ihrer Geschichtsmatinee mit dem demokratischen Neubeginn von Leverkusen nach 1945 beschäftigt.
HistorieAls Leverkusen die Demokratie neu lernte

Leverkusen nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945: Das stark zerstörte Tor Pförtner IV, Bayerwerk.
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Als am 15. April 1945 der NSDAP-Politiker und Bürgermeister Ludwig Simon Leverkusen den Amerikanern übergibt, beginnt auch in der Stadt eine neue Zeitrechnung. Der Zweite Weltkrieg steht unmittelbar vor dem Ende, auch wenn Generaloberst Alfred Jodl die bedingungslose Kapitulation Deutschlands ein paar Wochen später, am 7. Mai 1945, unterzeichnet.
Darum, wie es nach dieser „Zäsur“, wie es Prof. Dr. Jürgen Mittag nannte, in Leverkusen und Opladen weiterging und wie sich die beiden Städte nach dem „Zivilisationsbruch 33 bis 45“ (Mittag) neue demokratische Strukturen aufbauten, ging es in einer Geschichtsmatinee am Sonntag in der Villa Römer. Eingeladen hatten zum zweiten Format dieser Art der Opladener Geschichtsverein um seinen Vorsitzenden Michael Gutbier, der Bergische Geschichtsverein und die Volkshochschule.

Michael Gutbier, der OGV-Vorsitzende, gehörte zu den Vortragenden der Geschichtsmatinee in der Villa Römer.
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Zwar habe es auch in Leverkusen und Opladen „Trümmerwüsten“ gegeben, berichtet Historiker und OGV-Mitglied Mittag. Jedoch seien die Zerstörungen bei Weitem nicht so groß gewesen wie in den großen Nachbarstädten Düsseldorf und Köln. Auf 80 Prozent beziffert er dennnoch die Zerstörung Opladens, auf 20 Prozent die der Stadt Leverkusen. Zunächst standen die beiden Städte unter amerikanischer Besatzung, im Juni ’45 ging das Gebiet in britische Verwaltung über, ein wichtiger Aspekt, was die neue Verwaltungsordnung angeht, aber dazu später mehr.
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Die ersten politischen Aktivitäten sowohl in Leverkusen als auch in Opladen regten sich schon ziemlich bald nach Kriegsende. Die britische Militärregierung ließ im September 1945 durch die Verordnung Nummer 12 die Neugründung von politischen Parteien zu. SPD und CDU gründeten sich in Leverkusen im Oktober 1945, die FDP folgte, wie berichtet, nur wenige Monate später. Wie Jürgen Mittag erzählte, sei Leverkusen – obwohl es eine Industriestadt gewesen sei – vor dem Krieg eher von Zentrum und von der KPD geprägt gewesen. Eine große Arbeiterbewegung habe es nicht gegeben. Das änderte sich jedoch nach 1945 (siehe unten).

Die zerstörte Bahnhofstraße in Opladen 1945: Etwa 80 Prozent der damaligen Stadt waren zerstört worden.
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Der Weg zur Demokratie sei ein „schrittweiser Prozess“ gewesen, sagte Dr. Ines Soldwisch von der RWTH Aachen. Einer, der immer von den Briten kontrolliert wurde. „Demokratie als Projekt unter Aufsicht“ nannte sie den Neuanfang in Leverkusen nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn die britische Militärregierung behielt die Kontrolle über alles.
Der erste Bürgermeister der Stadt Leverkusen wurde August Adolphi (SPD), er galt als unbedenklich. Er war jedoch nur 18 Tage im Amt. Am 8. Mai wurde Heinrich Claes (Zentrum) als Bürgermeister eingesetzt. Außerdem wird ein zwölfköpfiges Stadtverordnetenkollegium gebildet, der „Rat der Zwölf“. Er bestand aus Friedrich Middelhauve (später Mitbegründer der FDP-Leverkusen), Dr. Carl Dobmaier, Johannes Dott, Josef Traut, Wilhelm Alberts, Rainer Wirtz, Franz Müller, Albert Wette, Albin Edelmann, Georg Schmitz, Josef Fischer und Paul Rohmer.

Der ersten Stadtverordnetenversammlung in Leverkusen nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten Mitglieder der CDU, der FDP, der SPD, der KPD sowie Parteilose an.
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Karl Voos wurde am 20. April 1945 zum neuen Bürgermeister von Opladen bestellt. Voos war bereits Bürgermeister von Bergisch Neukirchen gewesen und zwischenzeitlich von den Nazis abgesetzt worden, berichtet Michael Gutbier. Das erste politische Beteiligungsformat in Opladen – natürlich von den Briten abgesegnet – war der Stadtratsausschuss. Der wurde laut Gutbier bereits einen Tag nach der Kapitulation im ehemaligen Aloysianum einberufen. Seine ersten Mitglieder waren Heinrich Dickel, Wilhelm Dickerboom, Johann Evertz, Ewald Flamme, Heinrich Meierdirks, Wilhelm Rheinberg, Heinrich Schlieper, Gustav Weltersbach, Josef Mühlhaus und Andreas Hollinger.

August Adolphi (SPD) war der erste Bürgermeister Leverkusens nach dem Zweiten Weltkrieg.
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Der Stadtratsausschuss kümmerte sich um ganz konkrete und existenzielle Angelegenheiten, parlamentarische Vorgänge mussten in den Hintergrund treten. Es ging den Opladenern darum, Notunterkünfte zu schaffen – für die, die ihre Heimat verloren hatten, und für die Flüchtlinge, die nach Opladen gekommen waren. Außerdem galt es, die Versorgung sicherzustellen, der Winter 1945 sei sehr kalt gewesen, so Gutbier. Eine Anordnung war, jeden zweiten Alleebaum fällen zu lassen, um genügend Feuerholz zu haben. Auch beschäftigten sich die Mitglieder mit Straßenumbenennungen. Man achtete darauf, Straßen möglichst unpolitisch umzubenennen. Nach Ortsbezeichnungen zum Beispiel, oder nach Schriftstellern, berichtet Gutbier.

Im Hotel zur Post gründete sich vor 80 Jahren die FDP.
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Viele Politiker, die nach 1945 aktiv geworden seien, hätten auch schon in Weimar Karriere gemacht. „Nicht nur an der Spitze, sondern auch an der Basis kehrten erfahrene Verwaltungs- und Parteikräfte zurück“, so Mittag. Und weiter: „Die personelle Kontinuität war entscheidend für die demokratische Stabilität.“ Grundsätzlich gilt: Die Demokratisierung sei „kein spontaner Neubeginn, sondern ein institutionell gelenkter Prozess“ gewesen, sagte Ines Soldwisch. Während die britische Militärregierung steuerte, habe die demokratische Selbstregierung wachsen können.
Am 28. März 1946 traf sich in Leverkusen auf Bestellung der Briten die erste Stadtverordnetenversammlung. Diesem ersten ratsähnlichen Gremium gehörten 35 Personen an. Johannes Dott wurde neuer Bürgermeister, Heinrich Claes Stadtdirektor. Am 2. April 1946 kam in Opladen die erste Gemeindevertretung zusammen, sie bestand aus 27 Personen. Karl Voos hatte sein Amt als Bürgermeister von Opladen inzwischen niedergelegt, die Vertretung wählte Arnold Ohletz zum neuen Bürgermeister. Voos wurde Stadtdirektor.
Diese Trennung – der Stadtdirektor als Vorsteher der Verwaltung (Exekutive) und der Bürgermeister als Vorsitzender des Rates (Legislative) – fußte auf der am 1. April 1946 in Kraft getretenen Gemeindeordnung, die, wie bereits angedeutet, entscheidend geprägt war vom britischen Modell. Das galt auch für das neu eingeführte Mehrheitswahlrecht.
Am 15. September 1946 fanden die ersten demokratischen Kommunalwahlen in den britischen Besatzungszonen statt.
In Zahlen
Stadtverordnete in Opladen, 1930 bis 1933: Zentrum (zehn Mandate), KPD (fünf), SPD (zwei), Soziale Reichspartei (zwei), Wirtschaftspartei (drei), Evangelische Wählervereinigung (vier), Christlich Sozialer Volksdienst (zwei), Vereinigte Bürgerliche Liste (zwei).
Kommunalwahl in Opladen 1946: CDU (21 Mandate), SPD (zwei Mandate), FDP (drei Mandate).
Kommunalwahl in Opladen 1956: CDU (13 Mandate), SPD (13 Mandate), FDP (drei Mandate).
Stadtverordnete in Wiesdorf, 1930 bis 1933: NSDAP (zwei Mandate), DNVP (zwei), DVP (drei), Freie Wählervereinigung (vier), Zentrum (neun), Wirtschaftspartei (zwei), Christlich Soziale Reichspartei (eins), Liste „Christian Lützenkirchen“ (zwei), SPD (fünf), KPD (neun).
Kommunalwahl in Leverkusen 1946: CDU (23 Mandate), SPD (sieben), FDP (eins), KPD (zwei).
Kommunalwahl in Leverkusen 1956: CDU (14 Mandate), SPD (19), FDP (drei).


