Axel Spilcker ist ein preisgekrönter Journalist aus Köln. Über seiner Familie liegt jedoch ein Schatten. Darüber spricht er im Interview.
InterviewAxel Spilcker hat ein Buch über seinen Großvater und NS-Politiker Robert Ley geschrieben

Der Journalist Axel Spilcker zu Besuch im NS-Dokumentationszentrum in Köln. An der Wand der Ausstellung hängt ein Artikel aus der NS-Zeit mit einem Foto seines Großvaters Robert Ley.
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Der Kölner Axel Spilcker ist ein preisgekrönter Journalist. Doch über seiner Familie liegt ein Schatten. Spilckers Großvater war der aus Oberberg stammende Robert Ley, einer der ranghöchsten NS-Funktionäre und Kriegsverbrecher. Mit „Hitlers Gefolgsmann“ hat Axel Spilcker ein Buch über Ley und seine Familie geschrieben. Im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln traf sich Stefan Corssen mit Axel Spilcker zum Interview.
Herr Spilcker, wir sind gerade durch die Ausstellung des NS-Dok gegangen, wo auch ihr Großvater Robert Ley auf Fotos zu sehen ist. Wenn Sie ihm in die Augen sehen, was für ein Gefühl ist das?
Das ist ein fremder Mann vor mir, mit der Besonderheit, dass er mein Großvater ist. Ich war elf oder zwölf Jahre alt, da habe ich das erste Buch über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse bekommen. Da gab es im Kapitel über Ley auch ein Bild, kurz nach seiner Festnahme. Ich bin zum Spiegel gegangen und habe geguckt, „na, siehst Du auch so aus?“ Ansonsten betrachte ich ihn distanziert, ich habe ihn ja nie kennengelernt. Ley war nach Julius Streicher einer der schlimmsten antisemitischen Hetzer, und diese Hetze hat den ideologischen Boden bereitet für die Gaskammern.
Über Robert Ley gibt es eine ganze Reihe von Büchern. Eines stammt von Ihrer Tante Renate Wald, der Tochter aus Leys erste Ehe.
Meine Tante war eine sehr renommierte Sozialforscherin, eine der ersten, die über Feminismus und Arbeitswelt der Frauen geschrieben hat. Sie war ein sehr verkopfter Mensch, hatte aber Probleme, mit der Nazi-Vita ihres Vaters umzugehen. Sie war zeit ihres Lebens zerrissen, weil sie diesen Widerspruch nicht in Einklang bringen konnte. Ich kann mich noch erinnern, dass meine Tante den Kontakt zu Leys ehemaligem Adjutanten hergestellt hat – den Namen lassen wir jetzt mal raus – der lebte schön, fein und herrschaftlich in Marienburg in einer Villa. Meine Tante und ich waren dort bei einem Dinner.
Plötzlich fingen die an zu erzählen, was für ein toller Mann der Ley, der Robert, gewesen wäre, was für Sachen er alles hingekriegt hat und dass er schon früh gewusst habe, dass der Russe und die Amis sich nach dem Krieg auseinanderdividieren würden. Irgendwann wurde mir das zu blöd. „Das kann doch nicht euer Ernst sein, Ley war einer der schlimmsten Hetzer und einer der schlimmsten Nazis, und ihr erzählt hier so ein Kappes!“ Ich habe meine Tante angesehen. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, der Mund wurde sehr schmal und der Zorn, der in ihr schwelte, war unübersehbar. Gott hab sie selig.
In Ihrem Buch spielt ein alter Lederkoffer eine ziemlich wichtige Rolle. Was hat es damit genau auf sich?
Es war ein billiger brauner Lack-Lederkoffer, den hat mir meine Mutter von 25 oder 30 Jahren in die Hand gedrückt und gesagt „Jung, hier ist alles von der Familie drin.“ Ich hatte damals andere Dinge im Kopf und habe den Koffer erst einmal in den Keller gestellt. Als ich anfing, das Exposé für das Ley-Buch zu schreiben – das muss im März oder April 2025 gewesen sein – habe ich den Koffer hochgeholt. Ich habe gedacht, nach so langer Zeit sind möglicherweise Mäuse oder Ratten drin und habe erst mal dran geklopft, da bewegte sich aber nichts. Dann habe ich ihn geöffnet, und da lagen die Unterlagen fein säuberlich, die mein Urgroßvater und meine Mutter hinterlegt hatten. Da gab es interessante Sachen.
Ich wusste, dass die Familie nach dem Krieg geklagt hatte, um Gut Rottland wieder zu bekommen, das die Alliierten requiriert hatten. Unter den Unterlagen war eine Kladde über die Klageschriften und die Hintergründe. Das war damals ein großes Politikum. Der erste NRW-Ministerpräsident Karl Arnold versuchte auf Deubel komm raus zu verhindern, dass die Ley-Familie Rottland wieder in die Hände bekam, mit Hilfe der Alliierten. Weil die Amerikaner und die Briten solche Fälle unterschiedlich handhabten, fehlte eine klare Linie. Letztendlich hat es mein Urgroßvater mit Hilfe eines Anwalts geschafft, dass das Bonner Landgericht Rottland der Ley-Familie wieder zugesprochen hat.
Das ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen, oder?
Ja. Aber es gibt Studien, die untersucht haben, wie viele ehemalige Nazis in den 50er und 60er Jahren im Justizapparat gearbeitet haben. Auch die Gesetzgebung war immer noch braun gefärbt. Wenn ich es richtig verstanden habe, war das Hauptmanko, dass der Landtag versäumt hat, ein entsprechendes Enteignungsgesetz zu initiieren. In diese Lücke ist der Anwalt meines Urgroßvaters Max Spilcker reingegrätscht und hat gewonnen. Dann hat er 1958 – diese Darstellung habe ich auch im Koffer gefunden – Rottland für knapp eine halbe Million Mark verkauft. Das war damals sehr viel Geld, das sind heute vielleicht zweieinhalb, drei Millionen Euro. Plötzlich war die Familie wieder reich.
Haben Sie davon profitieren können?
Mein Vater hat natürlich davon profitiert, denn er war eigentlich der Erbe. Und vor allem für meinen Vater hat sein Großvater geklagt.
Robert Ley war einer der Hauptangeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Der Verantwortung hat er sich durch Selbstmord entzogen. Was macht so etwas mit einer Familie?
Inga Spilcker, meine Großmutter, die zweite Frau Leys, fühlte sich von ihrem Mann alleingelassen. Sie war schwer depressiv, morphiumsüchtig und hat sich Ende 1942 erschossen. Meine Urgroßeltern – die Eltern von Inga Spilcker – haben sich dann um die drei kleinen Kinder gekümmert, darunter war auch mein Vater. Nur er durfte aufs Gymnasium nach Waldbröl, seine Schwestern nicht. Er wurde einer der jüngsten Filialleiter der Dresdner Bank, hat dann aber Mist gemacht und die Familie im Stich gelassen. Irgendwas in seiner Erziehung ist nicht wirklich gut gelaufen. Meine Tante hat mir folgende Geschichte erzählt. Mein Vater, er war damals vielleicht 14, fuhr mit ihr im Zug und glaubte, er sei allein im Abteil. Er hat – so meine Tante – seinen Kopf die ganze Zeit gegen das Fenster gehauen und gesagt „mein Vater, der hat den Juden den Hals abgeschnitten. Warum?“
Am 17. September kommen Sie zu einer Lesung nach Waldbröl. Ist das ein Ort, an den Sie mit gemischten Gefühlen fahren, oder lässt sie das kalt?
Nein, kalt nicht. Waldbröl, das ist das Herz von Ley-Land. Ich kenne die Gegend sehr gut – Rottland, Niederbreidenbach, Mildsiefen und all diese Orte, die mit meiner Familie zusammenhängen. Ich finde es toll, dass die Lesung dort stattfindet, das wird sicher eine große Sache werden. Aber es wird auch Leute geben, die sagen „das stimmt so nicht mit dem Robert“.
Das Interesse an NS-Geschichte scheint momentan sehr groß zu sein. Woran liegt das?
Ich weiß nicht, ob man das so allgemein sagen kann. Historie interessiert viele Menschen, aber vor allem ältere Leute. Bei den Lesungen, die ich bisher gehalten habe, fanden sich kaum junge Zuhörer. Ich finde es gut und wichtig, das wir eine Erinnerungskultur haben, auch wenn viele jüngere Menschen mittlerweile sagen „ach, was soll das, das ist doch 80 Jahre her“? Das hat ein Teil meiner Familie auch gesagt, „warum machst Du das, das ist doch so lange her, wühl’ das doch nicht wieder auf.“
Trotzdem haben Sie das Buch geschrieben.
Bei mir hat sich im Laufe der Jahre vieles aufgestaut. Wenn Sie sich in einem Hochdruckkessel befinden, brauchen Sie ein Ventil, und das war das Buch. Irgendwann habe ich mir gesagt: „Wenn Du es jetzt nicht machst, machst Du es nie.“ Diese ganzen Gräuel, die Verbrechen, die Massaker, die Gaskammern, dieses Unrechtsregime, das ein ganzen Volk tyrannisiert hat, wobei das Volk mitgemacht hat – das dürfen wir nie vergessen. Wir erleben gerade eine Zeit, in der die Demokratie unter Druck steht. Aber solange so viele Menschen auf die Straße gehen und gegen Rechtsextremismus demonstrieren, solange mache ich mir keine Sorgen. Wir müssen auch nicht einen Hype entwickeln und sagen „jetzt steht ein neuer Adolf Hitler wieder vor der Tür“. Aber wir müssen wachsam bleiben.
Axel Spilcker liest aus seinem Buch „Hitlers Gefolgsmann – Robert, Ley, mein Großvater, der Kriegsverbrecher“ am Donnerstag, 17. September, 19 Uhr, im Bürgerdorf am Alsberg in Waldbröl. Veranstalter der Lesung sind das Katholische Bildungswerk Oberberg, die Demokratiekirche Oberberg und die Oberbergische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Der Eintritt ist frei. Das Buch von Axel Spilcker ist erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, es kostet 26 Euro
Der NS-Politiker und Kriegsverbrecher Robert Ley
Robert Ley, geboren 1890 in Nümbrecht-Niederbreidenbach, war einer der ranghöchsten NS-Politiker. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, konnte dennoch studieren und promovierte in Chemie. 1923 trat er der NSDAP bei und wurde von Hitler zum Gauleiter ernannt. Oberberg entwickelte sich unter ihm zu einer frühen NS-Hochburg.

Robert Ley nach seiner Festnahme 1945 durch Truppen der Alliierten.
Copyright: Imago/Everett Collection
Immer wieder war Ley in Straßenschlachten und Schlägereien verwickelt, angezettelt von der SA und Ley selbst. In der Parteizeitung „Westdeutscher Beobachter“ schrieb Ley antisemitische Hetztiraden. Bis 1945 war er Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF), gegründet nach der Zerschlagung der Gewerkschaften. Ley gehörte zu den 24 Angeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Er beging in Haft Suizid.
