Mit dem Wohnungsbauturbo sollen auf dem Gelände des Autohauses Lüttgen in Bergisch Gladbach Mehrfamilienhäuser entstehen
BauprojektGladbacher Autohaus Lüttgen vor dem Abbruch

Das ehemalige Autohaus Lüttgen an der Odenthaler Straße in Bergisch Gladbach
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Die Immobilie setzt noch keine Spinnweben an, Büroflächen sind vermietet. Die Fläche des ehemaligen Ford-Autohauses Jean Lüttgen an der Odenthaler Straße in Bergisch Gladbach liegt zentral, die Innenstadt ist nahezu in Sichtweite. Jeder Immobilienmakler leckt sich die Finger nach so einer Parzelle in der Gladbacher Innenstadt. Der vermeintliche Stillstand seit der Schließung des Geschäftsbetriebs im Sommer 2021 täuscht.
Vieles ist in Bewegung
Es hat sich schon einiges bewegt: Nach einem Eigentümerwechsel sollen auf dem Autohausgelände acht Mehrfamilienhäuser und eine Großtagespflege entstehen. Damit soll der große Hunger nach Wohnraum gestillt werden, und Betreuungsplätze für Kinder werden in der Stadt immer benötigt. Von der ListeEs könnte jetzt sehr schnell gehen mit der Umsetzung des Bauvorhabens.
Der sogenannte Wohnungsbauturbo rückt auch hier in den Blick. Das vereinfachte Genehmigungsverfahren, das der Bund im vergangenen Herbst aufgesetzt hat, könnte auch bei Bauprojekten an der unteren Hauptstraße und auf dem Postareal Im Bungert Bensberg greifen. Die Planer im Technischen Rathaus der Stadt schauen recht optimistisch auf den Bauturbo und Lüttgen. In der jüngsten Stellungnahme zum Bauprojekt vermeldete der Erste Beigeordnete Ragnar Migenda, dass das Projekt über den Bauturbo durchgewinkt werden könnte.
Wichtig für das Quartier
Derzeit ist das Vorhaben noch als Bebauungsplan bei der Stadtverwaltung in Arbeit. Sollte eine Verständigung auf den Bauturbo gelingen, könnte der B-Plan ruckizucki von der Agenda der Stadt genommen werden. In der „Verbindlichen Bauleitplanung für 2026“ ist das Projekt weit oben gelistet, mit den Vermerken „Quartiersentwicklung“ und „Abschluss“. „Das Projekt wird im Laufe des Jahres aus der Liste gestrichen“, wird in den Dokumenten der Stadtverwaltung berichtet.
Für die Planer im Rathaus heißt das: Sie können andere Satzungen nach vorne ziehen, zum Beispiel zu den Planungen der Stadthäuser oder zur Zukunft des Gleisdreiecks in Gronau. Vom Tisch ist damit auch eine Bebauung nach den Vorgaben des Innenbereichs (Paragraf 34). Die dort geforderte Anpassung an die umgebende Wohnbebauung greift auch der Wohnungsbauturbo auf.
Politik informiert
Eine Abstimmung der Politikerinnen und Politiker zum Vorhaben war deshalb in den jüngsten Sitzungen des Planungsausschusses nicht mehr erforderlich: Das Lüttgen-Projekt läuft. Und die Bagger könnten zum Abbruch des Geländes schon bald anrollen. Ein bisschen Nostalgie ist schon dabei: Lüttgen war eines der ältesten Autohäuser der Stadt, ebenso traditionsreich wie das Autohaus Gieraths in Bensberg oder das seit Jahrzehnten nicht mehr existente von Josef Cramer am Gronauer Kreisel.
Vielfältige gesellschaftliche Aktivitäten fanden in den Verkaufshallen statt, zwischen den Neuwagen von Ford ging es um das Knüpfen von Netzwerken und dem Austausch bei geplanten Projekten. Auch in Erinnerung sind die Spendentreffen, die der „Junge Unternehmer Club“ im Autohaus abhielt. Der bekannte Gladbacher Burkhardt Unrau, seinerzeit Geschäftsführer der „Jungen Unternehmer“, nahm im Autohaus öffentlichkeitswirksam seinen Ford Mustang entgegen. Ford Lüttgen war immer in der Stadtgesellschaft präsent.
Fast 100 Jahre Tradition
Mit dem bevorstehenden Abbruch der Immobilie geht nach fast 100 Jahren auch ein Teil der Bergisch Gladbacher Stadtgeschichte unter. Im Jahr 1928 hatte der Huf- und Wagenschmied Jean Lüttgen das Autohaus gegründet. Er war damit einer der ersten Händler, der in Deutschland die Automobile von Ford anbot.
Der geschäftstüchtige Unternehmer verpflichtete sich damals, im Jahr mindestens vier „Motorwagen“ des US-amerikanischen Autobauers abzunehmen. Das legendäre Modell „Tin Lizzy“, der Ford T, rollte über Lüttgen aber nicht nach Bergisch Gladbach, dessen Neuwagenproduktion endete 1927, ein Jahr vor der Firmengründung in Bergisch Gladbach.
Als Anerkennung der Verdienste besuchte 2015 Elena Ford, Ururenkelin des berühmten Firmengründers Henry Ford das Autohaus an der Odenthaler Straße. „Ein Ritterschlag“, freute sich der damalige Geschäftsführer Markus Lüttgen. Noch wenige Jahre vor der Betriebsschließung prosperierte das Autohaus, nach eigener Aussage verkaufte man 800 Gebraucht- und Neuwagen pro Jahr, es gab rund 40 Beschäftigte.
Dann aber kam die Coronapandemie, die das Wirtschaftsleben nicht nur der Autobranche massiv einschränkte. „Bevor es noch schlimmer wird, ziehen wir die Reißleine, führte Lüttgen zur Schließung des Autohauses aus. Jetzt wird eine Kölner Projektgesellschaft der Industriebrache neues Leben einhauchen.
