Ein Abend für die „Grande Dame der Musik“
Bergisch GladbachIngrid Schaeffer-Rathgens nimmt nach 50 Jahren für die Musik Abschied vom Ehrenamt

Ein Leben für die Musik: Ingrid Schaeffer-Rahtgens (4.v.r.) im Kreise junger Musiker des abendlichen Konzerts zu ihrem Abschied in der Kulturkirche.
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Nur „einen Steinwurf entfernt von dem Ort, an dem alles begann“, hatten sich rund vierzig geladene Gäste in der Malteser-Komturei in Herrenstrunden eingefunden. Bei strahlendem Sonnenschein und kühlen Getränken begrüßte Ingrid Schaeffer-Rahtgens Familienmitglieder, Freunde und Weggefährten.
Die „Grande Dame der Musik“ hatte anlässlich ihrer Verabschiedung von 50 Jahren Ehrenamt zur Bergischen Kaffeetafel und im Anschluss zum Konzert in die Kirche von Herrenstrunden eingeladen: „Zum letzten Mal im Rahmen von ‚Klänge der Stadt‘, mit klassischer Musik bei freiem Eintritt und erwünschten Spenden, die von der Bethe-Stiftung verdoppelt werden.“
Das ist mein letztes Konzert... … Aber es wird noch ein allerletztes im Dezember geben, am ersten Advent
Im Verlauf des Nachmittages steuerten Söhne und Enkel Geschichten und spannende Anekdoten aus dem Familienleben der Gastgeberin bei, und Verena Lucius, ihre älteste Freundin, klärte in Reimform darüber auf, wie „Ingrid ihren Ulli kennengelernt hat“. Der Bürgermeister dankte für „fünf Jahrzehnte gelebtes Kultur-Ehrenamt und unermüdliches Engagement für Bergisch Gladbach mit Einsatz von Zeit, Energie, Ideen und Kulturbegeisterung für andere: „Sie haben nicht nur Veranstaltungen organisiert, sondern Begegnungen ermöglicht und einen unschätzbaren Beitrag für das städtische Zusammenleben geleistet, der Spuren in der Kulturlandschaft und bei den Menschen hinterlässt.“
50 Jahre „Leben für die Musik“, und eine bewegte Lebensgeschichte mit tief einschneidenden Erlebnissen, wie man sie sich heute vielleicht gar nicht mehr vorstellen kann, viele unvergesslichen Stationen und bleibende Erinnerungen veranlassten Ingrid Schaeffer-Rahtgens beim Rückblick auf ihr langes, bereits hinter ihr liegendes Leben, „etwas ins Philosophieren zu kommen.“ Nach lebenslangem Lernen, unter anderem für zehn Berufe, gehört „carpe diem“ mit wenig Müßiggang zu ihrer Maxime: „Ich habe jedenfalls immer ein sehr aktives Dasein dem lauen vorgezogen.“
Bei einem Besuch in Kairo nahm sie den Spruch „Lächeln ist Liebe“ mit
Drei Vorbilder haben die Trägerin von Bundesverdienstkreuz, Rheinlandtaler und Goldener Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach stets begleitet. Die Erinnerungen an ihren Vater, der seinen Mut im Widerstand gegen das Unrechtsregime Adolf Hitlers nach dem 20. Juli 1944 mit dem Leben bezahlte, sind bis heute prägend. Der Vater wurde von „Blutrichter“ Roland Freisler im Volksgerichtshof am 30. August 1944 zum Tode verurteilt und am gleichen Tag in Plötzensee ermordet. Seine Motive und die der gleichgesinnten jungen Männer aus dem Kreisauer Kreis sind für Ingrid Schaeffer- Rahtgens ein Vermächtnis und lebenslange Verpflichtung.
Außerdem nahm sie die drei Worte eines Ägyptischen Philosophen, „Lächeln ist Liebe“, bei einem Besuch in Kairo mit auf ihrem Lebensweg, sowie einen Leitspruch von Freya Gräfin Moltke, die sie während ihrer Jugend mehrfach in Kreisau in Schlesien und später in Köln traf. Er ist für Ingrid Schaeffer Rahtgens zur Richtlinie geworden: „Es lohnt sich immer etwas zu tun, was man nicht für sich tut. Das ist auf dieser Erde fast für jeden zu finden!“
Der Kauf von Burg Zweiffel war ein Grundstein für ihr Ehrenamt
Sicher ein Grundstein für ihr Ehrenamt in Bergisch Gladbach, das vor einem halben Jahrhundert seinen Beginn nahm – 1976, als sie zusammen mit ihrem Mann Dr. Ulrich Schaeffer die Burg Zweiffel in Herrenstrunden erwarb. „Nachdem das Dach mit 14 Tonnen echtem Mosel Schiefer gedeckt und das Gebäude neu grundsaniert waren“ entwickelte sie das historische Haus zu einem Kulturplatz.
Dort, und später über die Zeit in der Burg hinaus, war ihre ehrenamtliche Arbeit über fünf Jahrzehnte von der Leidenschaft getragen, Kultur zu vermitteln und außergewöhnliche Künstlerinnen und Künstler einem breiten Publikum vorzustellen. In dieser Zeit entstand eine beeindruckende Vielfalt an Veranstaltungen. Theateraufführungen und Ausstellungen gehörten ebenso dazu wie Filmpremieren, Feste und viele „hochkarätige Konzerte“. Von 2002 bis 2016 lief die Konzertreihe für den Galerie- und Schloss Verein. Seit 2014 folgen die „Klänge der Stadt“ für den Verein Wir für Bergisch Gladbach e.V.
Nicht nur bei großen Veranstaltungen war ihr Organisationstalent gefragt
Unvergessen ist ein Anfang der 2000er Jahre gemeinsam mit Doro Dietsch veranstaltetes Diskussionsforum im Bergischen Löwen. Im Mittelpunkt stand ein Film über Dietrich Bonhoeffer und seinen Widerstand gegen den Rechtsradikalismus. Die Erwartungen waren bescheiden: Mit höchstens 100 Gästen wurde gerechnet. Tatsächlich kamen 1500 Besucher – ein überwältigender Erfolg. Nicht nur bei großen Veranstaltungen war findiges Organisationstalent gefragt. „Da war zum Beispiel der Stargeiger, der wenige Stunden vor seinem Auftritt kollabierte. Und ich musste binnen weniger Stunden ein neu besetztes Konzert zustande bringen.“
Wichtig waren ihr immer die Begegnung und die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern. Lohn dafür waren oft genug der Dank der Zuhörer für einen besonders schönen Abend oder die Aussage eines weltweit gastierenden Künstlers, der lieber zu Ingrid Schaeffer-Rahtgens nach Bergisch Gladbach kam, auch wenn er woanders die vierfache Gage erwarten konnte. Es entstanden viele persönliche Kontakte und Verbindungen. So wurden unter anderem Pavel Gililov, Israela Margalit, Helmut Rilling, Oleg Prokofiev, Sir Peter Ustinov, Mary Bauermeister oder Karl-Heinz Stockhausen zu lebenslangen Freunden.
Musik von Johann Sebastian Bach und Reinold Glière erklang
Am Abend in der „Kulturkirche“ St. Johannes der Täufer waren zum „letzten Konzert“ alle Plätze vergeben und Moderatorin Ingrid Schaeffer-Rahtgens zwischen den jungen Künstlern in ihrem Element. Musik von Johann Sebastian Bach und Reinold Glière erklang, Violinen- und Orgelsolos folgten. Jakob Gühring, Ehemann einer Enkelin sang „Madame, Madame“ . Nikolaus Keline, der seine ersten Schritte als Kabarettist auf „Ingrids Bühne“ in der Burg Zweiffel machte, zitierte Tucholski und zum Abschluss intonierten alle Besucher als Überraschung „We wish you love“.
Und die Gastgeberin? Sie verabschiedete sich im Kreise der Künstler mit einem Augenzwinkern von Ihrem Publikum: „Das ist mein letztes Konzert…“. Nach einer kurzen Pause erfolgte dann doch ein kleiner Zusatz: „…aber es wird noch ein allerletztes im Dezember geben, am ersten Advent.“
