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Bergisch GladbachOrthopädietechnikerin will den Frauenkörper endlich auf die eigenen Füße stellen

4 min
Eine Frau zeigt auf ein Plakat, auf dem steht Zyklomechanik

Ihr Konzept stellt Kristin Stahl jetzt auf der Internationalen Fachmesse OT World in Leipzig vor.

Kristin Stahl, Orthopädietechnikerin mit Meistertitel aus Bergisch Gladbach, setzt auf die spezifisch weibliche Biomechanik

Wer heute ein neues Auto kauft, erwirbt als Frau ein Fahrzeug, das biomechanisch auf den männlichen Körper ausgelegt ist. Der Gurt sitzt falsch, der Airbag trifft anders, die Sitzposition passt nicht – und Studien belegen: Frauen verunglücken schwerer. „Nicht nur im Automobilbau, auch in anderen Bereichen ist der männliche Körper das Standardmodell“, kritisiert Kristin Stahl. Der weibliche existiere in den Daten kaum. Und sie zählt weiter auf: Medikamentenentwicklung, Produkterprobung   - und, hier ist sie Expertin, Orthopädietechnik.

„Es gibt kein zweites Referenzmodell in der Biomechanik. Es gibt nur die klassische Biomechanik, dieses Modell wurde historisch für den männlichen Körper entwickelt“, erklärt die Orthopädietechnikerin mit Meistertitel. Der entscheidende Unterschied liege im Bindegewebe. Das ist wissenschaftlich seit Langem belegt, berichtet sie, aber in der Orthopädietechnik sei es nie konsequent umgesetzt worden, so ihre Kritik: Kollagenfasern bei Frauen verlaufen parallel – dehnbar, weit, darauf ausgelegt, Geburten zu ermöglichen. Beim Mann sind sie vernetzt, kreuzmäßig angeordnet, fester. Zwei grundlegend verschiedene Mechaniken – und doch bekämen beide dasselbe Hilfsmittel, kritisiert die Orthopädietechnikerin. Eine klassische orthopädische Einlage, die das Längsgewölbe erhöht, verlängert bei Frauen das ohnehin schon sehr dehnbare Bindegewebe weiter – statt es zu stützen. „Mathematisch ist es für uns Frauen falsch.“ Mehr noch: Ohne Nachkontrolle, ohne Feinjustierung, ohne den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, bleibe die Versorgung Stückwerk.

Ich bringe den Körper wieder in eine funktionierende mechanische Organisation
Kristin Stahl , Orthopädie- technikerin mit Meistertitel

Kristin Stahl möchte das ändern. Ihr Konzept trägt den geschützten Namen „Zyklomechanik“– das mechanische System, das den weiblichen Körper in seinen zyklischen und strukturellen Besonderheiten abbildet. Auf dieser Grundlage hat sie Einlagen für die Füße und Sitzsysteme als Auflagen für Sitzmöbel entwickelt, die anatomisch auf weibliche Bindegewebestrukturen abgestimmt sind und den Körper durch gezielten Tonus-Support gegen die Schwerkraft stabilisieren. „Ich bringe den Körper wieder in eine funktionierende mechanische Organisation. Die Stabilisierung und Anpassung leistet der Körper selbst“, erklärt sie.

Ab Dienstag stellt die Bergisch Gladbacherin mit ihrem Team das Konzept auf der Orthopädie-Weltmesse OT World in Leipzig vor. In Halle 3, Stand D02, können Besucherinnen und Besucher unterschiedlich gestaltete Schuheinlagen und Sitzsysteme für Frauen und Männer live ausprobieren – und den Unterschied im wörtlichen Sinne spüren. In Leipzig möchte Kristin Stahl mit ihrem Konzept Orthopädietechniker und Physiotherapeuten erreichen, um ihr Wissen in Schulungen an sie weiterzugeben, damit sie es in ihrer täglichen Arbeit anwenden. Insbesondere den Sport sieht sie als Türöffner für ihren Ansatz: Wer Sportlerinnen schützen und Verletzungsquoten senken wolle, werde an den biomechanischen Grundlagen des weiblichen Körpers nicht vorbeikommen.

Die Orthopädietechnikerin hat mit verschiedenen Beschwerden zu tun gehabt

Die 61-Jährige hat in ihrer Arbeit als Orthopädietechnikerin schon mit einem breiten Spektrum an Beschwerden zu tun gehabt, von Schlaganfall-Folgen, Gelenkverschleiß und Gelenkersatz (Hüfte, Knie) bis hin zu Hallux und Fußfehlstellungen oder Klumpfuß bei Kindern. Und eben auch, und das häufig: vordere Kreuzbandrisse bei Sportlerinnen – ein Verletzungsmuster, das Fußballerinnen deutlich häufiger trifft als Fußballer und das Stahl auf die unterschiedliche Bindegewebestruktur zurückführt.

Kristin Stahl hat einen ungewöhnlichen Lebensweg hinter sich. Die Gladbacherin wurde zunächst Schreinerin, holte sich dabei Rückenprobleme und stieß durch Zufall auf die Orthopädietechnik. 1997 machte sie den Meisterabschluss, arbeitete dann humanitär in Bosnien, in der Industrie, schließlich in Südamerika – über viele Jahre in Chile, mit eigenem Betrieb.

Stahl erkannte ein geschlechtertypisches Thema

Dort, in ihrer Praxis, begannen sich die Dinge zu verschieben. Immer mehr Patientinnen kamen mit Problemen zu ihr, die trotz jahrelanger orthopädischer Versorgung nicht besser wurden. Frauen mit Einlagen seit 20 Jahren – ohne Veränderung. Stahl dachte zunächst, es sei ein landestypisches Phänomen. Dann kamen auch Deutsche, Nordamerikanerinnen, Frauen aus aller Welt, mit denselben Mustern. „Und da kam ich dann immer mehr zu der Erkenntnis: Es ist kein landestypisches, es ist ein geschlechtertypisches Thema.“

Die Bergisch Gladbacherin hat inzwischen eine Stiftung gegründet. Mit „Aufrecht im Leben“ sollen die Erträge ihrer Arbeit aus fast 30 Jahren Meistererfahrung gezielt zurückfließen. In Projekte für Frauen weltweit, in Afrika, Asien, Lateinamerika. So soll das Wissen in die Welt kommen, damit die Welt sich biomechanisch endlich auch auf den weiblichen Körper ausrichtet.