Ein Portrait über den Mann, der am kommenden Samstag offiziell in sein Amt eingeführt wird.
ReligionTim Herzog wird Pfarrer der evangelischen Gnadenkirche

Pfarrer Tim Herzog im Café „Der Franzose“.
Copyright: Nina Dreßler
Pfarrer Tim Herzog sitzt bei einem Latte macchiato und brütet über einem Rundschreiben für die Evangelische Kirchengemeinde Bergisch Gladbach. Es wird sein erstes als fest gewählter Pfarrer der Gemeinde sein. Neu ist Herzog hier allerdings nicht: Seit November 2024 absolviert er bereits seinen Probedienst in Bergisch Gladbach. Am kommenden Samstag wird er nun offiziell in sein Amt eingeführt. Seit Pfarrer Thomas Werner im September 2022 in den Ruhestand gegangen ist, war die Pfarrstelle an der Gnadenkirche vakant.
Dass Herzog heute Pfarrer ist, hat ebenfalls mit einer Tasse Kaffee zu tun. Eigentlich hatte er begonnen, Theologie und Philosophie auf Lehramt zu studieren. Pfarrer zu werden, zu predigen und vor einer Gemeinde zu stehen – das habe er sich damals nicht zugetraut, erzählt er. Gleichzeitig habe er seine Kommilitonen, die Theologie mit dem Ziel Pfarramt studierten, ein wenig beneidet. Die Entscheidung fiel schließlich während eines Hebräischkurses. Eine Mitstudentin setzte sich mit einer Tasse Kaffee zu ihm auf eine Bank und sagte: „Sie werden kein guter Lehrer, Sie wären ein guter Pfarrer.“ Herzog wechselte den Studiengang. Eine Entscheidung, die er nicht bereute.
Der Prophet Elija beschäftigt ihn
Auch wenn man Herzog nach einer Bibelstelle fragt, die ihm besonders wichtig ist, landet er schnell bei den Menschen und ihren Erfahrungen. Besonders beschäftigt ihn die Geschichte des Propheten Elija.
Elija, einer der großen Propheten des Alten Testaments, hat gerade einen Triumph erlebt, als Königin Isebel ihm mit dem Tod droht. Er flieht um sein Leben und geht allein weiter in die Wüste. Dort ist er so erschöpft und verzweifelt, dass er nicht mehr weiterleben will. Unter einem Strauch legt er sich hin und schläft. Doch Gott lässt ihn nicht allein: Ein Bote weckt ihn, neben ihm stehen Brot und Wasser. Elija isst und trinkt – und schläft wieder ein. Erst beim zweiten Mal heißt es für ihn, aufzustehen. Schritt für Schritt findet er die Kraft, seinen Weg weiterzugehen.
Menschliche Erfahrungen aus der Bibel neu erzählen
Dass diese Erschöpfung in der Bibel nicht beschönigt wird und Gott Elija zunächst Ruhe und Nahrung gibt, bevor es weitergeht, findet Herzog bemerkenswert. In solchen Geschichten steckten „zutiefst menschliche Erfahrungen“, sagt er. Seine Aufgabe als Pfarrer sieht er darin, diese Erfahrungen für Menschen heute neu zu erzählen.
Vielleicht passt es deshalb, dass Herzog seine Predigten nicht nur im Pfarrbüro schreibt. Cafés als Arbeitsorte hat er schon lange für sich entdeckt: Bereits während seiner Studienzeit in Wuppertal und Bochum zog es ihn regelmäßig in Cafés, um zu arbeiten. So wie an diesem Nachmittag im Café „Der Franzose“ im Strundepark, eine Empfehlung von Freunden. Die Patisserie an der Kürtener Straße befindet sich in einer ehemaligen Wollspinnerei. Alter Industriecharme trifft hier auf moderne Einrichtung, dazwischen stehen Kaffeetassen und aufgeklappte Laptops.
Für Herzog werden solche Cafés regelmäßig zum zweiten Arbeitszimmer. Gerade wenn er beim Schreiben nicht weiterkommt, zieht es ihn dorthin. Im Café mache er mehr Pausen und nehme stärker wahr, was um ihn herum passiert. Und genau die Menschen, denen er dort begegnet, helfen ihm beim Schreiben seiner Predigten.
Er mag es, „durch die Welt zu gucken“, sagt Herzog. Manchmal beobachte er jemanden und frage sich: „Was würde er mir sagen?“ Wer die Menschen vor Augen habe, schreibe nicht so leichtfertig irgendwelche Sätze hin. Herzog versucht deshalb, sich in diejenigen hineinzuversetzen, die ihm sonntags zuhören: Was beschäftigt diesen Menschen? Was bringt er gerade mit? Und was kann eine biblische Geschichte mit seinem Leben zu tun haben?
Den Menschen stets im Blick
Die Menschen im Blick zu behalten, ist für Herzog nicht nur beim Predigtschreiben wichtig. Darin liegt für ihn auch eine der großen Herausforderungen als Gemeindepfarrer: Kirche soll für Menschen relevant bleiben – in einer Zeit, in der die evangelische Kirche Mitglieder verliert, sparen muss und zugleich mit weniger Personal auskommen soll.
Auch in Bergisch Gladbach ist dieser Wandel längst sichtbar. Nach der Presbyteriumswahl 2024 wurden aus vier Pfarrbezirken drei. Heute gibt es mit Herzog und Carsten Bierei zwei Gemeindepfarrer. Nach dem Ausscheiden von Pfarrer Christoph Breer werden weitere Aufgaben unter anderem von der ordinierten Diakonin Jutta Unterbusch sowie von ehrenamtlichen Prädikanten übernommen.

Der Pfarrgarten der Gnadenkirche.
Copyright: Christopher Arlinghaus
Dieser Veränderungsprozess ist zugleich einer der Gründe, warum Herzog nach Bergisch Gladbach gekommen ist. Nach seinem Vikariat in Moers-Hochstraß trat er hier seinen Probedienst an. Im Zuge der Veränderungen innerhalb der Evangelischen Kirche im Rheinland sollte er sich auf freie Pfarrstellen bewerben, erzählt Herzog. So führte sein Weg nach Bergisch Gladbach.
Nach einem Jahr konnte er seinen Probedienst verkürzen. Diese Zeit dient auch dazu herauszufinden, ob Gemeinde und Pfarrer zueinanderpassen. Bei Herzog fiel die Antwort eindeutig aus: Die Gemeinde wählte ihn einstimmig zum Pfarrer. Nun möchte er daran mitarbeiten, dass aus den drei Bezirken noch stärker eine gemeinsame Kirchengemeinde wird. „Zusammen ist es schöner“, sagt Herzog. Zusammenzuwachsen bedeute für ihn dabei nicht, Unterschiede einzuebnen, sondern „die Schätze der anderen zu entdecken“.
Stärkere gemeinsame Nutzung von Ressourcen
Über die eigene Gemeinde hinaus arbeitet Bergisch Gladbach seit 2023 mit Altenberg und Schildgen in der evangelischen Region „Bergisch Nord-West“ zusammen. Langfristig sollen die Gemeinden Personal und Gebäude stärker gemeinsam nutzen und auch das Gemeindeleben miteinander gestalten. So sollen trotz sinkender Mitgliederzahlen Angebote vor Ort erhalten bleiben. Hinzu kommt die Frage, welche Gebäude die Kirche künftig braucht und erhalten kann.
Für Herzog bedeutet Transformation aber nicht nur, Strukturen neu zu ordnen. Ihn interessiert vor allem, wie Kirche Menschen erreichen kann, die mit klassischen Angeboten bislang wenig anfangen können. Er kann sich neue Formate für Familien vorstellen, aber auch Angebote speziell für Singles. Oder „Bibel und Bier“: sich in einer Kneipe in Bergisch Gladbach treffen und über Gott, die Bibel und das Leben ins Gespräch kommen. Kirche soll dorthin gehen, wo die Menschen sind.
Gottesdienst beginnt um 16 Uhr in der Gnadenkirche
Am Samstag, 26. September, wird Tim Herzog offiziell als Pfarrer eingeführt. Der Einführungsgottesdienst beginnt um 16 Uhr in der Gnadenkirche. Die Einführung übernimmt Superintendentin Pfarrerin Kerstin Herrenbrück.
Und auch nach seiner Einführung dürfte man den neuen Pfarrer regelmäßig dort antreffen, wo er gern arbeitet: zwischen Kaffeetassen, anderen Gästen und an einem aufgeklappten Laptop. Tipps für neue Cafés nimmt er gern entgegen.
