Für den Leiter des Katholischen Bildungswerks Rhein-Berg brechen die letzten Wochen vor dem Ruhestand an. Ein Gespräch über Gott und die Welt.
InterviewElmar Funken: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“

Kirche muss sich um die existenziellen Fragen der Menschen kümmern – das ist das Credo von Elmar Funken.
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Was ist der Auftrag eines katholischen Bildungswerks? Wie grenzt es sich von - sagen wir mal - Angeboten der VHS ab?
Es ist unsere Aufgabe, die Bildungsarbeit von katholischen Kirchengemeinden, Verbänden und Einrichtungen zu unterstützen und mitzugestalten und dabei die Botschaft des Christentums, die christliche Perspektive ins Gespräch zu bringen. In allen möglichen menschlichen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Fragen. Unser Angebot zielt auf existenzielle Fragen des Lebens und der Persönlichkeitsentwicklung, weniger auf die berufliche Qualifikation. Fragen nach dem Sinn des Lebens – dafür sind wir als Bildungseinrichtung primär da.
Was bieten Sie an?
Ein breites Spektrum, angefangen von Theologie und Philosophie, über Kunst, Literatur, Film, Musik, Politik/Gesellschaft, Medienbildung, historische Themen, BAMF-Kurse (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) inklusive Kinderbetreuung und niederschwellige Deutschkurse. Das jüngste Kind ist die „Pfarr-Rad-Tour“ zur Entdeckung unserer Kirchenschätze in Rhein-Berg. Wir arbeiten auch viel mit katholischen Familienzentren in der Elternbildung zusammen.
Mit welchen Instrumenten wollen Sie Menschen erreichen?
Es gibt Vorträge, Seminare, Kurse, Ausstellungen und Konzerte in der Kulturkirche, Exkursionen oder auch Familienwochenenden zusammen mit Kirchengemeinden, bei denen ganz viel Gemeinschaft entsteht.
Was ist Ihr Klientel? Erreichen Sie auch junge Menschen?
Wir haben kein festes Klientel. Es geht quer durch die Gesellschaft und Generationen – je nach Kooperationspartner und Veranstaltungsort. Zu den BAMF-Kursen kommen viele junge Ukrainer und Syrer, zu Literaturkursen eher Ältere, bei den Familienwochenenden und in den Kitas treffen wir auf junge Eltern. Unsere Medienbildung richtet sich dagegen ausdrücklich an Senioren, die in der digitalen Welt den Anschluss nicht verpassen sollen.
Wer finanziert das?
Wir sind eine anerkannte Weiterbildungseinrichtung des Landes NRW mit 2,2 hauptamtlichen pädagogischen Stellen und 2,2 Stellen in der Verwaltung. Wir arbeiten ganz überwiegend mit Honorarkräften und entwickeln unsere Veranstaltungen oft in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen aus dem Kreis. Hauptgeldgeber ist das Erzbistum Köln, dazu kommen Gelder vom Land NRW und natürlich die Teilnehmerentgelte.
Sie haben auch lange das Altenberger Forum mitgeprägt. Ist dieses Format noch zeitgemäß?
Ja, mehr denn je, denn die Abende bringen kontroverse gesellschaftliche Positionen ausgewogen und fair ins öffentliche Gespräch. Damit erfahren wir weit über die Region hinaus Resonanz, auch dank prominenter Podiumsgäste wie etwa NRW-Innenminister Herbert Reul oder den ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert.
Im Rückblick: Welche Situation, welches Ereignis hat sie beruflich am stärksten geprägt?
Da sind etwa die Misereor-Veranstaltungen, also die Eine-Welt-Veranstaltungen, die zeigen, dass wir hier in Deutschland über den eigenen Tellerrand hinausschauen müssen, ebenso bei Abenden mit der Aktion Neue Nachbarn. In jüngster Zeit besonders Veranstaltungen zum Thema Integration und Umgang mit Rechtsradikalismus. Dabei stimme ich zu hundert Prozent mit der Erklärung der deutschen Bischöfe überein, die sich eindeutig gegen Rechtsradikalismus und gegen die AfD positioniert haben, weil das Christentum damit unvereinbar ist. Alle Menschen besitzen nämlich von Gott her die gleiche Würde und die gleichen Menschenrechte. Dieser christliche Grundgedanke hat mich immer sehr geprägt.
Also ist das Christentum politisch?
Als Christ muss man politisch sein, ja!
Was verbuchen Sie als größten Erfolg?
Ich glaube, dass es mir zumindest an einigen Stellen gelungen ist, Ehrenamtliche zu ermutigen, sich selbstbewusst für ihre Anliegen und Themen in Kirche zu engagieren und gesellschaftliche Prozesse mitzugestalten.
Wo sind Sie an Grenzen gestoßen?
Ich bin unglaublich selten an Grenzen gestoßen. Ich musste beispielsweise keine einzige Veranstaltung zurücknehmen, obwohl ich kein angepasstes Programm geboten habe. Ein einziges Mal nur – vor über 30 Jahren - hatte ich eine Referentin eingeladen, die in den Augen des damaligen Kölner Erzbischofs Kardinal Meisner ein rotes Tuch war, weil sie als radikale feministische Theologin galt. Ich habe die Einladung begründet und die Veranstaltung konnte stattfinden.

Elmar Funken und Marlies Tillmann im März 2022 bei einer Ausstellung von Misereor-Hungertüchern in St. Walburga Overath.
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Allerdings habe ich sehr bewusst kaum Veranstaltungen zu innerkirchlichen Konfliktthemen angeboten, etwa zur Diskussion um die Laienpredigt in der Sonntagsmesse. Ich denke, dass das nicht das Interesse der Leute trifft. Wenn ich zum Beispiel in einem Tennisverein bin, dann will ich Tennis spielen, nicht die Auseinandersetzungen der Vereinsführung erörtern. Von Kirche erwarten die Menschen zu Recht, dass sie sich um ihre existenziellen und gesellschaftlichen Fragen kümmert. Also: Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts!
In Ihre Zeit fallen schwere Krisen, die die Katholische Kirche in Deutschland, auch das Erzbistum Köln betrafen: Missbrauchsskandale - auch hier in Odenthal -, Austrittswelle, sinkende Einnahmen und struktureller Umbau der Gemeinden vor Ort. Wie sehr hat das Ihre Arbeit, aber auch Sie persönlich beeinflusst?
Die Kirche hat an Glaubwürdigkeit verloren. Das hat aber überraschenderweise nicht die Nachfrage nach unseren Angeboten vermindert. Das zeigt, dass die Menschen zwischen Kirchenleitung und der anerkannten Arbeit der Einrichtungen vor Ort differenzieren können. Die Kirche, das sind nicht nur die Bischöfe, sondern die lebendigen Gemeinschaften vor Ort. In Odenthal haben wir im Übrigen zwei Veranstaltungen mit Fachleuten zum Thema Missbrauch angeboten. Die waren sehr bewegend.
Haben Sie jemals an Kirchenaustritt gedacht?
Nein, nie! Ich bin überzeugter Christ und finde, dass man als mündiger Christ die Definition von Kirche nicht anderen überlassen sollte. Man muss für sein Verständnis von Kirche kämpfen. Und ich weiß, wie befreiend die christliche Botschaft ist.
Was heißt das für die Zukunft?
Kirche muss sich immer wieder selbstbewusst nach außen öffnen und argumentativ überzeugend in gesellschaftliche Debatten einbringen. „Der Weg der Kirche ist der Mensch“, hat Johannes Paul II. gesagt. Und bei alledem gilt, was der Kölner Pfarrer Franz Meurer sagte: Es braucht für eine Arbeit in der Kirche die vier M’s: „Man muss Menschen mögen!“
