Zur Bundeswehr oder nicht – darüber diskutieren viele junge Menschen.
Rhein-BergWas vier junge Männer von der Musterungspflicht halten

Zur Bundeswehr oder nicht – darüber diskutieren viele junge Menschen.
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Ein Thema, viele Meinungen. Die Einführung der Musterungspflicht hat quer durch alle Gesellschaftsgruppen für Gesprächsstoff gesorgt. An den weiterführenden Schulen im Kreis wird das Thema deshalb, und weil es einen Teil der Schüler direkt betrifft, diskutiert. Über die Schulen hat unsere Redaktion Kontakt zu vier jungen Männern aufgenommen und sie gefragt, was sie davon halten.

Simon Käsbach (18) zur Umfrage über die Musterungspflicht.
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Auch wenn es um die Musterungspflicht geht, kommt Simon Käsbach schnell auf den Wehrdienst zu sprechen. Der 18-Jährige hat das Gefühl, dass genau das Schritt für Schritt angesteuert wird. „Niemand sollte dazu gezwungen werden zu schießen, wenn man nicht will.“ Auch den Zivildienst könne er nicht befürworten, da die Bedingungen oft schlecht seien. Die Jugend müsse nun politische Fehlentscheidungen ausbaden, während für sie wenig getan werde. „Fehlende Infrastruktur, der Kulturpass wurde abgeschafft, marode Schulen“, zählt er beispielhaft auf. Dabei könne es sein, dass er mehr mit einem jungen Russen gemeinsam habe als mit Bundeskanzler Friedrich Merz. „Zivilisten werden aufeinandergehetzt, während die Regierungen entscheiden.“ Dabei seien die Interessen der Regierenden nicht immer die des Landes.
Von der Regierung erwarte er, dass mehr für Zusammenhalt gesorgt wird, statt Menschen durch polarisierende Äußerungen zu spalten.
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Verständnis für die Freiwilligen
Er kann diejenigen verstehen, die sich freiwillig melden. Besonders die finanzielle Sicherheit leuchte ihm ein. Nach ihm sollte der Dienst jedoch freiwillig bleiben. „Ich finde es gut, dass die Mehrheit der Jungen gegen die Musterungspflicht ist, nur ist es schade, dass es die Politik nicht interessiert. Die Mehrheit wird nur dann berücksichtigt, wenn es gerade passt.“

Jean Reychler (18) zur Umfrage über die Musterungspflicht.
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Anders sieht das Jean Reychler. Er hält die Meinung vieler Musterungspflicht-Gegner für übertrieben. „Erstmal ist es ja nur eine Musterung und keine Wehrpflicht.“ Und selbst wenn es eine gäbe, könnte er auch das verstehen. Der Schutz für das eigene Land komme schließlich nicht von irgendwo her. Wenn sich Russland entscheiden sollte, Deutschland anzugreifen, müsse man sich verteidigen können, findet der 18-Jährige. Reychler will freiwillig zur Bundeswehr gehen und hat schon ein Beratungsgespräch gehabt. Über seinen Bruder, der bereits beim Bund arbeitet, konnte er schon Einblicke gewinnen.
Für diejenigen, die sich gegen die Musterungspflicht sträuben, hat er besonders in puncto Angst trotzdem Verständnis. „Mir ist bewusst, dass die Lage angespannt ist, vor allem im Vergleich zu vor 20 Jahren.“ Doch ein Einblick, so denkt er, könnte vielleicht helfen, diese Angst zu verlieren. „Das ist normal, wenn man nicht abschätzen kann, was auf einen zukommt. Deshalb ist ein Zwang vielleicht nicht so schlecht.“ Es gebe zudem nicht nur Aufgaben auf dem Feld.
Keine fehlerfreie Regierung
Von Politikern erwartet er dennoch, dass sie mehr auf die Jugend und deren Sorgen eingehen. Ansonsten habe er die Einstellung, dass es nun mal keine fehlerfreie Regierung gibt.

Phil Paul (18) zur Umfrage über die Musterungspflicht.
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„Auch wenn viele es kritisch sehen, glaube ich, dass es nichts Schlechtes ist. Mein Vater hat auch seinen Grundwehrdienst absolviert und zu mir gesagt, es hätte ihm nicht geschadet“, sagt der 18-jährige Phil Paul. Auch er sieht die Musterungspflicht eher als eine Art Einordnung, wer die Eignung und Motivation für einen Dienst hat. Wenn daraus doch eine Wehrpflicht werden sollte, sei er auch bereit in die Bundeswehr einzutreten. Momentan möchte er sich weiter über Angebote der Bundeswehr informieren und schließt es nicht aus, sich irgendwann dort zu bewerben.
Ein Aspekt ist ihm jedoch wichtig zu betonen: „Ich finde, wir dürfen die Leute dann nicht gegen ihren Willen ins Ausland schicken. Es sollte darum gehen, Deutschland und unsere Demokratie im Ernstfall verteidigen zu können und nicht, anderer Länder Kriege zu führen.“
Gesellschaftsdienst alsbessere Alternative
Trotzdem sehe auch er im Falle einer Wehrpflicht den Gesellschaftsdienst als bessere Alternative. „Ich bin in der Feuerwehr, daher weiß ich, dass immer ein paar Hände mehr gebraucht werden. Manche denken, dass man auf so billige Arbeitskräfte gewinnen will. Ich denke aber, dass so Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammenkommen und davon profitieren.“
Ob er sich als junge Person generell gehört fühlt von der Politik? „Mal mehr, mal weniger“, lautet seine Antwort. Bei allem, was aktuell in der Welt vor sich gehe, sei es seiner Ansicht nach aber allgemein nicht einfach, Gehör zu finden.

Finn Bausch (17) zur Umfrage über die Musterungspflicht.
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Dass man Privilegien verteidigen muss und dafür eine Wehrpflicht gut wäre, findet auch der 17-Jährige Finn Bausch. „Es ist ein Jahr und danach kann man machen, was man möchte“, sagt er und fügt wie Paul und Reychler hinzu, dass ein verpflichtendes soziales Jahr Kliniken und viele andere Einrichtungen entlasten könnte. Für die Bundeswehr könnte es den Nutzen haben, das öffentliche Ansehen zu verbessern. So gebe es doch immer wieder Fälle von Rechtsextremismus aus den Reihen der Bundeswehr. Gemischte Truppen, was die politische Gesinnung, aber auch das Alter angehe, könnten sicher nicht schaden.
Einen dritten Weltkrieg könne er sich allerdings nicht wirklich vorstellen. Im Zeitalter der Atomwaffen stelle er sich eher ein Wettrüsten wie zu Zeiten des Kalten Krieges vor, aber ein „echter“ Krieg, „dafür ist keiner dumm genug“. Dass die Jugend aktuell bei politischen Entscheidungen oft zurückstecken muss, sei zwar nicht schön, „aber wir sind eben nicht in eine Blütezeit hineingeboren. Wir haben in der Politik nicht die höchste Priorität, weil wir keine Wähler sind.“
Zweifel an Effektivität
Ob sich durch die Musterungspflicht mehr Menschen für den Dienst melden? Bausch bezweifelt es, wie auch die anderen Umfrageteilnehmer. Ein paar Unentschlossene ließen sich bestimmt gewinnen. Gegner aber würden dadurch vermutlich nicht überzeugt.
Geboren im Jahr 2009 ist Bausch als einziger Teilnehmer von der Musterungspflicht betroffen. Er hat aber ohnehin vor, wie seine Eltern, sich freiwillig zu melden.
Wegen der Musterungspflicht für junge Männer ab dem Geburtsjahr 2008 gehen heute, 5. März, im gesamten Bundesland Schüler nicht zur Schule und treffen sich zum Streik. Eine offizielle Website gibt den Schülern Tipps, wie solche Streiks zu organisieren sind, legt die Gründe für den Streik dar und gibt einen Überblick über Städte, in denen gestreikt wird, darunter auch in Köln. Zu den Gründen heißt es: „Die Bundeswehr will an unseren Schulen werben. Wir wollen Friedensbildung! Rheinmetall will, dass die Aktien weiter steigen. Wir wollen Geld für Bildung und Soziales! Merz will, dass die Bundeswehr die größte Armee Europas wird. Wir wollen Frieden! Pistorius will, dass wir kriegstüchtig werden. Wir wollen eine Zukunft!“ Mehr Informationen finden Interessierte im Internet. www.schulstreikgegenwehrpflicht.com

