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Jahrestag des russischen AngriffsZwei Jahre Ukraine vor der Haustür in Rhein-Berg

Lesezeit 7 Minuten
Menschen mit Plakaten auf den "Stop War" und "Stoppt den Krieg" zu lesen ist, stehen bei einer Demonstration gegen den Krieg in der Ukraine auf dem Konrad-Adenauer-Platz in Bergisch Gladbach.

Eine der ersten Demos 2022 in Bergisch Gladbach gegen den Krieg in der Ukraine

Von erster Demo über Geflüchtete aus dem Krieg bis zu Hilfskonvois, neuen Nachbarn und einer Städtepartnerschaft – Wir suchen Ihr Foto!

Der 24. Februar 2022 ist ein Donnerstag. Weiberfastnacht. In Rhein-Berg schlafen die Menschen noch, als keine 2000 Kilometer weiter östlich Sirenen und Raketen Frauen, Männer und Kinder aus dem Schlaf reißen. Der russische Angriff auf die Ukraine hat begonnen. An diesem Morgen auch das beherrschende Thema bei den wenigen Veranstaltungen, die angesichts der damals noch alles beherrschenden Corona-Pandemie stattfinden.

Ob am Test-Drive-In in Untereschbach, der Möhnemess in Schildgen oder dem Freiluft-Karnevalswagenbesuch der Chris-Di-Ro-Go-Jecken an Schule und Kita in Eikamp – überall Fassungslosigkeit über Putins Angriff auf das Nachbarland. Noch am Abend wird ein Lichterzug in Kürten-Bechen kurzerhand zum Protest gegen den russischen Angriffskrieg.

Seit diesem Morgen vor zwei Jahren ist die Ukraine direkt vor der bergischen Haustür präsent: von ersten Anti-Kriegs-Demos über aus dem Krieg kommende Geflüchtete bis hin zu Hilfskonvois aus Bergisch Gladbach, Overath, Rösrath, Odenthal und Kürten in die Ukraine – und zu einer neuen Städtepartnerschaft mit einer Stadt im Kriegsland. Einige Schlaglichter der zurückliegenden beiden Jahre, aus denen uns auch die Eindrücke unserer Leserinnen und Leser interessieren (siehe „Wir suchen Ihr Bild“).

Alles zum Thema Herbert Reul


Wir suchen Ihr Bild

Welches Foto zeigt Ihr neues Verhältnis zu den Menschen in der Ukraine, zu dem Krieg in der Ukraine oder vielleicht zu neuen Nachbarn von dort in den vergangenen zwei Jahren? Senden Sie uns Ihr Foto und erzählen Sie uns die Geschichte dazu. Wir möchten Ihre Geschichte(n) gerne veröffentlichen. Senden Sie Ihr Foto und gerne auch gleich ein paar Zeilen dazu sowie die Kontaktdaten, unter denen wir Sie (gerne auch telefonisch) erreichen können, per E-Mail an: redaktion.rhein-berg@ksta-kr.de


Februar 2022: In Rhein-Berg regieren Fassungslosigkeit, große Sorge und Mitgefühl. Friedensgebete in Kürten-Bechen und St. Pankratius Odenthal folgen Friedensmahnwachen und Demonstrationen mit hunderten Teilnehmern in den Tagen nach dem russischen Angriff unter anderem in Bergisch Gladbach, Overath, Rösrath. Mit dabei auch erste Geflüchtete aus der Ukraine: „Meine Mutter sitzt seit Donnerstag in Ochtyrka im Nordosten der Ukraine im Keller und hat Todesangst“, sagt eine Ukrainerin in Gladbach. „Ich bin fassungslos darüber, was gerade passiert“, sagt NRW-Innenminister Herbert Reul beim Ökumenischen Friedensgebet in Kürten.

März 2022: Zahlreiche Menschen sind auch in Privatinitiativen aktiv, um teils in zerschossenen Autos ankommende Geflüchtete aufzunehmen. In Overath wird ein ehemaliges Altenheim umfunktioniert, in Rösrath startet Reiseunternehmer Sascha Meurer eine „Busbrücke“ zur ukrainischen Grenze, in Odenthal Gerd Kortschlag Krankenwagen für die Ukraine, überall organisieren Vereine wie „Himmel un Ääd“ oder „Herwi“ (Herzlich willkommen) Hilfen.

Die Humanitäre Hilfe Overath und der Gladbacher Verein Hilfe Litauen Belarus tun sich zusammen, organisieren und Spenden-Drive-Ins und Hilfskonvois in der Ukraine (siehe „Konvois zu Kinderklinik und Traumazentrum“). Die Feuerwehr kann in Gladbach innerhalb von Stunden Erstaufnahmeeinrichtungen einrichten und organisieren. Der Arbeiter-Samariter-Bund und das Deutsche Rote Kreuz betreuen später die Geflüchteten. DRK-Kreisvorsitzende Ingeborg Schmidt warnt bei der Unterbringung von Geflüchteten aber auch vor „blindem Aktionismus“.

Mit Blaulicht- und Blinker-Aktionen setzt die Feuerwehr blau-gelbe Solidaritätsbekundungen in dunklen Abendstunden, Schülerinnen und Schüler bilden riesige Friedenssymbole auf den Schulhöfen. „Betten sind die harte Währung“, heißt es beim Aufbau einer weiteren Erstaufnahmeeinrichtung für 200 Geflüchtete in der Gladbacher Hermann-Löns-Halle durch die Feuerwehr. Zwei Tage später leben dort bereits Geflüchtete unter anderem aus Charkiw, auf ihren Handys haben sie Bilder ihrer zerstörten Heimat in ihren Seelen große Wunden.

April 2022: Über ihre polnische Partnerstadt Pszczyna hat Bergisch Gladbach Kontakt zu deren ukrainischen Partnerstadt Butscha aufgenommen, die durch Gräueltaten der russischen Besatzer an Zivilisten traurige weltweite Berühmtheit erlangt hat.

Die Gladbacher Feuerwehr organisiert für die Stadt einen ersten Hilfskonvoi, bringt Hilfen wie einen Rettungswagen, Medikamente und Hilfsgüter Richtung Butscha. An der ukrainischen Grenze holen Vertreter aus Butscha die Hilfsgüter ab. Weitere Hilfskonvois für Butscha folgen, unter anderem mit Feuerwehrfahrzeugen und im Herbst auch Bussen. Bei der Logistik kooperieren die Gladbacher auch mit der Humanitären Hilfe Overath – Beginn einer gegenseitigen Unterstützung, die bis heute gelebt wird.

Mai/Juni 2022: Eines der ersten Babys einer Geflüchteten aus der Ukraine kommt in Bergisch Gladbach zur Welt.

Die Humanitäre Hilfe Overath und Bergisch Gladbach bringt einen ersten Hilfskonvoi direkt in die Ukraine: Lebensmittel und Medikamente unter anderem für das Kinderkrankenhaus in Lviv. Gladbachs Politik beschließt eine Städtepartnerschaft mit Butscha.

Parallel gibt's weitere private Hilfsaktionen wie unter anderem des ukrainischen Pianisten Paul Kruk, der in Gladbach Benefizkonzerte gibt und als Dolmetscher hilft.

August 2022: Mit Bürgermeister Frank Stein und Feuerwehrchef Jörg Köhler reisen zwei erste Vertreter der Stadt Bergisch Gladbach nach Butscha, wo die Städtepartnerschaft mit dem dortigen Bürgermeister Anatolii Fedoruk unterzeichnet wird. Die Delegation bringt Bilder der Zerstörung mit – und neue Freundschaften.

September 2022: Zum Gladbacher Stadtfest kommt eine Delegation aus Butscha. Im Angesicht einer Ausstellung von Pressebildern der Gräueltaten aus Butscha wird im Gladbacher Ratssaal der Städtepartnerschaftsverein gegründet.

Das Begegnungscafé „Himmel un Ääd“ und zwei Grundschulen aus Refrath und Kippekausen spenden noch am selben Tag große Beträge, unter anderem für neue Dächer für Kitas und Schulen in Butscha.

Oktober 2022: Bergisch Gladbach bringt Busse Richtung Butscha, um dort von den russischen Besatzern zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und Hilfsmittel für eine möglicherweise erneute Evakuierung zu leisten.

Dezember 2022: In der Aktion „Päckchen für Butscha“ packen Gladbacher Geschenke für die Menschen in der Partnerstadt. Mit Hilfe von DRK und Feuerwehr werden sie eingesammelt und mit Winterkleidung, Generatoren und Co. über die Grenze gebracht. Die Bethe-Stiftung unterstützt die größte Spendenverdopplungsaktion in der Geschichte der Vereine Humanitäre Hilfe Overath und Hilfe Litauen Belarus. Binnen weniger Tage kommen mehr als 100 000 Euro für weitere Winterhilfsgüter zusammen.

Mai 2023: Unter anderem mit Baufahrzeugen von Straßen NRW fährt der erste Gladbacher Hilfskonvoi bis in die ukrainische Partnerstadt Butscha durch.

Die symbolische Wirkung des demonstrativen Beistands ist noch größer als die der zahlreichen Tonnen Hilfsgüter. Parallel bringt die vereinigte Overath/Gladbacher Ukraine-Hilfe Krankenwagen nach Lviv und beginnt, den Aufbau eines Traumazentrums im Süden der Ukraine zu unterstützen.

August 2023: Eine erste Schülergruppe aus Butscha besucht Bergisch Gladbach, ein paar Tage Auszeit vom Kriegsalltag.

November 2023: Die Winterhilfskonvois von Gladbach und Overath in die Ukraine rollen erneut, obwohl es schwieriger wird Spenden zu erhalten.

Februar 2024: Während manche Familien bereits seit zwei Jahren Geflüchtete in ihrem Haus beherbergen, haben sich andere von ihren Gästen getrennt, weil die Lebenseinstellungen zu unterschiedlich waren.

4961 Geflüchtete aus der Ukraine hat der Rheinisch-Bergische Kreis in den zurückliegenden beiden Jahren erfasst, rund 3600 befinden sich laut Sprecher Frank Dudley noch im Kreisgebiet. Zahlreiche Notunterkünfte sind voll belegt, Organisationen wie „Habitat for Humanity“ bemühen sich in Kooperation mit Kommunen fortlaufend um weitere Anmietungen von Wohnraum, während in der Ukraine kein Ende des Krieges abzusehen ist – und die bergischen Hilfsorganisationen bereits ihre achten Hilfskonvois vorbereiten.


Lichteffekte mahnen am Jahrestag

Als Zeichen dafür, dass sie ihre Freunde fest im Blick haben, leuchten der Partnerschaftsverein Gladbach – Butscha und die Humanitären Hilfen Overath und Gladbach an diesem Samstag, 17.30 bis 23 Uhr (in Overath auch Sonntag) die Rathäuser in Blau-Gelb an. (wg)


Für die Menschen in der Partnerstadt

Mehr als 30 Fahrzeuge, vom Rettungswagen über Feuerwehrfahrzeuge und Lastwagen bis zu Bussen, haben die Unterstützer der Städtepartnerschaft Bergisch Gladbach – Butscha schon auf den Weg in die ukrainische Partnerstadt gebracht, in der die Lage nach den jüngsten verstärkten Angriffen der russischen Armee wieder deutlich angespannt ist.

„Wir haben einige schwierige Tage hinter uns, nach dem letzten russischen Angriff wurden viele Häuser beschädigt“, schrieb Alina Saraniuk dieser Tage. Die enge Mitarbeiterin von Butschas Bürgermeister Anatolii Fedoruk hat die Städtepartnerschaft mit Bergisch Gladbach von Anfang an begleitet. In Gladbach bereiten Helfer gerade einen weiteren Winterhilfe-Hilfskonvoi vor, unter anderem mit in den vergangenen Wochen gesammelten Kerzenresten. „Echte Freundschaft kennt keine Grenzen“, allerdings würden dringend noch Spenden benötigt. Infos im Internet: www.butscha.gl


Konvois zu Kinderklinik und Traumazentrum

Wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine rollt der erste Lkw mit Hilfsgütern der Vereine Humanitären Hilfe Overath und der Hilfe Litauen Belarus (seit September 2023: Humanitäre Hilfe Bergisch Gladbach) zur ukrainischen Grenze.

Mehr als 200 Tonnen Hilfsgüter haben die beiden Vereine seitdem in die Ukraine gebracht, unterstützten dort unter anderem das Kinderkrankenhaus in Lviv und den Aufbau einen Zentrums für vom Krieg traumatisierte Familien im Süden der Ukraine. An diesem Samstag übernehmen sie in Solingen eine große Teiler der Einrichtung einer geschlossenen Klinik und verladen sie für ihren achten Hilfskonvoi in die Ukraine. Wer helfen will finden Infos dazu auf den Internetseiten der Humanitären Hilfe Overath sowie der Humanitären Hilfe Bergisch Gladbach.

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