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„Alle Dörfer bleiben“Musiker wollten mit Konzert in Keyenberg ein Zeichen setzen

Lesezeit 4 Minuten
An ungewöhnlichen Orten spielten die Musiker. Das Publikum konnte von Station zu Station gehen.

An ungewöhnlichen Orten spielten die Musiker. Das Publikum konnte von Station zu Station gehen.

Erkelenz-Keyenberg – Michael Bergen war ganz sicher: „Wäre Ludwig van Beethoven noch unter uns, so hätte er den Taktstock heute selbst in die Hand genommen, um unsere Sache zu unterstützen.“ Mit seiner Einschätzung stand der Viola-Spieler aus dem Bonner Beethoven-Orchester nicht allein da. Gut 60 professionelle Musikerinnen und Musiker – alle Mitglieder renommierter Ensembles – versammelten sich an Fronleichnam auf dem Keyenberger Hof der Familie Winzen, um auf Einladung der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ mit klassischer Musik ein hörbares Zeichen zu setzen.

„Wir möchten den Menschen, die hier für den Klimaschutz und ihr Recht auf Heimat kämpfen, auf unsere Weise Mut machen und Solidarität mit ihnen zeigen“, sagte Dirk Kaftan. Er ist der Generalmusikdirektor des Beethoven-Orchesters und war am Donnerstag Dirigent des eigens zusammengestellten Klangkörpers. „Die Musikerinnen und Musiker sind alle aus Überzeugung gekommen. Keiner nimmt Gage. Um hier mitzumachen, hat mancher sogar darauf verzichtet, nach dem Ende des strengen Lockdowns anderswo vielleicht einen bezahlten Auftritt zu absolvieren.“

350 Besucher bei Konzert in Keyenberg

Dass die 5. und die 6. Sinfonie von Beethoven aufgeführt wurden, war laut Dirk Kaftan keine zufällige Wahl: „Vom Dunkel ins Licht – das ist die Hoffnung vermittelnde Losung, die sich wie ein roter Faden durch die Fünfte zieht. Und Beethovens 6. Sinfonie, die Pastorale, ist quasi frühe Programmmusik, die explizit die Ehrfurcht vor der göttlichen Schöpfung und die Liebe zur Natur thematisiert. Es gibt nicht viele klassische Werke, die besser an diesen bedrohten Ort gepasst hätten.“

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350 Menschen durften nach Reservierung mit Masken sowie mit Impfnachweis oder negativem Corona-Test dabei sein. Wer keines der Gratis-Tickets ergattert hatte, konnte sich über einen Livestream zuschalten.

Musiker verteilen sich auf dem Keyenberger Anwesen

Während das 40-köpfige Hauptorchester in der inzwischen als Reithalle dienenden alten Scheune spielte, verteilten sich rund zwei Dutzend weitere Musikerinnen und Musiker, die über Kopfhörer mit dem Dirigenten verbunden waren, einzeln oder in kleinen Gruppen über das Anwesen.

Weiteres Konzert und Radtour geplant

Ein weiteres Konzert für die bedrohten Orte am Tagebau Garzweiler haben „Alle Dörfer bleiben“ und Naturführer Michael Zobel für Sonntag, 6. Juni, vorbereitet – diesmal in Verbindung mit einer Radtour.

Um 11.30 Uhr geht es von der Erkelenz-Keyenberger Kirche nach Lützerath, wo das Aktionsorchester „Lebenslaute“ ab etwa 13.30 Uhr klassische Musik unter dem Motto „Mit Achtel und Triole gegen Klimakiller Kohle“ spielen wird. Die Tour endet um 15 Uhr mit einer Andacht am alten Immerather Friedhof.

Zur besseren Planbarkeit bittet Michael Zobel um Anmeldung per E-Mail. Eine Aufzeichnung des Keyenberger Beethoven-Konzerts ist im Internet zu hören. (jo)

Im Innenhof, auf dem Heuboden, in Dachgauben, in Werkzeugschuppen und Stallungen – überall erklang Musik, und die Zuhörer konnten von Station zu Station gehen. Der Klangpfad führte auch hinaus auf die Wiesen hinter dem Hof, an denen schon die Kohlebagger knabbern. Immer leiser wurde dort die Musik, um auf dem Rückweg wieder mächtig anzuschwellen.

„So habe ich Beethoven noch nie erlebt. Während in der Halle das große Orchester spielte, konnte man sich an den Stationen weiter abseits einzelne Pauken-, Trompeten- oder Violinenparts ganz genau anhören. Im Konzertsaal hört man ja immer das Gesamte; hier wurden zusätzlich die einzelnen Instrumente für sich lebendig“, schwärmte eine Besucherin.

Zur „Gewittermusik“ setzte der Regen ein

Viola-Virtuose Michael Bergen als federführender Organisator und viele Helferinnen und Helfer von „Alle Dörfer bleiben“ hatten die Veranstaltung akribisch vorbereitet und sich dabei auch auf den angekündigten Regen vorbereitet. Der kam gegen Ende in Form eines gewaltigen Schauers – passenderweise genau beim 4. Satz der 6. Beethoven-Sinfonie. Er wird auch als „Gewittermusik“ bezeichnet. Es goss wie aus Eimern, aber die Musiker saßen zum Glück im Trockenen, die Zuhörer fanden rasch Unterschlupf.

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Norbert Winzens Glücksgefühle konnte der Regen ohnehin nicht trüben. Er will mit seiner Familie auf dem landwirtschaftlich, nur noch in kleinem Rahmen genutzten Hof so lange wie möglich die Stellung vor den Baggern halten: „Dass so viele gleichgesinnte Menschen gekommen sind, um großartige Musik von großartigen Musikerinnen und Musikern zu erleben, ist überwältigend. In solchen Momenten spüren wir, dass wir nicht allein dastehen. Und das ist ein wirklich gutes Gefühl.“

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