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Bedburger sprichtBilder vom Unfall auf der A61 in Bergheim lassen Ersthelfer nicht los

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Zu sehen ist das Unfallwrack eines Autos, Polizisten stehen am Wagen, im Hintergrund steht ein Feuerwehrfahrzeug.

Drei Menschen starben am 1. Februar.nach einem Unfall auf der Autobahn 61 bei Bergheim. Alle drei saßen in diesem Mercedes. Der Bedburger Ulrich Krämer war Ersthelfer und als Erster an dem Fahrzeug.

Ulrich Krämer aus Bedburg erlebte einen tödlichen Unfall auf der A61 und kümmerte sich als Erster um die Opfer. Er schildert, wie er das belastende Erlebnis verarbeitet.

Ulrich Krämer sieht nicht aus wie ein Mann, den schnell etwas aus der Bahn wirft. Kräftige Stimme, selbstbewusstes Auftreten, ein Lebenslauf mit Stationen, die belegen: Der Bedburger hat schon viel erlebt. Doch was Krämer am 1. Februar ansehen musste, hat er nicht so einfach weggesteckt. Der 56-Jährige ist Ersthelfer bei dem schweren Unfall auf der Autobahn 61 zwischen Bergheim-Süd und Bergheim gewesen, bei dem drei Menschen ihr Leben verloren, darunter ein zwölfjähriges Mädchen.

Krämer befindet sich an diesem Abend mit seiner Familie auf dem Rückweg vom Kino in Kerpen nach Bedburg. „Wir waren nach dem Film alle gut gelaunt“, sagt der Sozialpädagoge. Doch auf der Autobahn in Richtung Venlo endet die Fahrt jäh. „Im Dunkeln vor uns tauchten Warnblinkleuchten auf“, berichtet Krämer. Er begreift schnell: Es ist gerade erst ein Unfall passiert, verunglückte Fahrzeuge stehen mitten auf der Fahrbahn, Trümmerteile liegen verteilt herum.

Bergheim: Ersthelfer löst gezielt einen Stau vor der Unfallstelle aus

Krämer löst gezielt einen Stau aus. Er schaltet die Warnblinkanlage ein und bremst die hinter ihm fahrenden Autos aus, bis sie vor der Unfallstelle zum Stehen kommen. „Dann bin ich zur Seite gefahren und raus aus dem Wagen“, sagt er. Die Krämers setzen einen Notruf ab und sichern die Unfallstelle. Eine Familienangehörige geht zu dem Lieferwagen, in dem zwei Schwerverletzte sitzen, er selbst eilt zu dem alten Mercedes 190, der offenbar quer auf der Fahrbahn gestanden hatte, als der Lieferwagen ihn mit hoher Geschwindigkeit in die Fahrerseite traf und nun nur noch ein Haufen Schrott ist.

In dem Wagen sitzen der Fahrer (60) sowie das zwölfjährige Mädchen und ihre Mutter (47). Krämer geht nicht völlig unvorbereitet auf das Fahrzeug zu. In jungen Jahren hat er als Rettungssanitäter in Bonn gearbeitet. Er hat schon viel gesehen. Doch über das, was der Bedburger hier vorfindet, will er in der Öffentlichkeit nicht reden. Er möchte es niemandem zumuten, schon gar nicht den Familienangehörigen.  

Zu sehen ist Ulrich Krämer aus Bedburg.

Ulrich Krämer war Ersthelfer bei einem tödlichen Unfall auf der A61. Der Bedburger nimmt Hilfe in Anspruch, um das belastende Erlebnis zu verarbeiten.

Krämer macht, was auch immer noch getan werden kann. Schaltet in den „Funktionsmodus“, wie er es beschreibt. Ruft ab, was er in seiner Ausbildung zum Rettungssanitäter gelernt hat. Leistet Beistand. Übergibt an die eintreffenden Profis von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst. Und will dann nur noch schnell weg vom Ort des Unglücks. „Ich hatte zu viel gesehen, und ich wollte meine Familie vor den Bildern schützen“, sagt Krämer. Es seien genug Helfer vor Ort gewesen, die nun mit Bergung und (letztlich vergeblicher) Reanimation beschäftigt waren.

Eine junge Polizistin habe ihm noch den Rat gegeben, den Notruf zu wählen und die Notfallseelsorge in Anspruch zu nehmen, wenn er das brauche. „Aber im Nachhinein fand ich es bemerkenswert, dass die mich nach solch einem Unfall einfach so haben fahren lassen“, sagt Krämer. „Ich stand unter Schock.“ Aber er weiß auch um seine souveräne Wirkung auf andere. Krämer bietet Trainings für Gewalt- und Konfliktmanagament an und arbeitet dort unter anderem auch mit Straftätern.

Noch auf dem Heimweg merkt Krämer: „Das war keine gute Idee, sich sofort ins Auto zu setzen und loszufahren. Ich dachte nur: Wieso fährst du in dem Zustand Auto? Was machst du hier?“ Zu Hause angekommen, wählt er den Notruf und lässt sich den Kontakt zu einem Notfallseelsorger geben. Der kommt noch am selben Abend aus Köln. Dessen Gespräch mit der Familie dauert rund zwei Stunden. Und auch das, sagt Krämer, war noch nicht genug. Es folgen seitdem regelmäßige „ausführliche und sehr hilfreiche Gespräche“ mit der zuständigen Polizistin vom Opferschutz der Kreispolizei. Auch in der Familie selbst finden viele Gespräche statt.

Eine Polizistin des Verkehrsunfallaufnahme-Teams an der Unfallstelle. Drei Menschen waren bei dem schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn 61 bei Bergheim ums Leben gekommen.

Eine Polizistin des Verkehrsunfallaufnahme-Teams an der Unfallstelle. Drei Menschen waren bei dem schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn 61 bei Bergheim ums Leben gekommen.

Krämer dachte, er kommt besser mit dem Erlebten klar. „Ich kenne solche Bilder ja aus meinem früheren Leben als Rettungssanitäter“, sagt der Bedburger. Bei einem Alarm habe er da schon auf dem Weg zum Unfallort in etwa gewusst, was auf ihn zukommt. So wie es bei diesem Unfall auf der A61 die Feuerwehrleute, Rettungsdienstler und Polizisten wussten. Polytrauma? „Da zieht man schon mal die Handschuhe raus und nimmt den Defibrillator“, sagt Krämer. Er und seine Familie aber seien von jetzt auf gleich und mit aller Wucht in das Geschehen geworfen worden.

Ich kenne solche Bilder aus meinem früheren Leben als Rettungssanitäter
Ulrich Krämer

Krämer kommt erst einmal nicht gut zurück in den Alltag. Die Bilder tauchen immer wieder auf, immer wieder stellt er sich, stellt sich die Familie Fragen: In welcher Beziehung standen die drei Toten zueinander, gibt es Familie? Was wäre gewesen, wenn sie selbst nur ein paar Minuten früher nach Hause gefahren wären? Wären sie dann selbst Beteiligte in diesem Unfall gewesen? Und: Haben sie genug getan? „Dabei hat die Polizei uns schon versichert, dass wir mehr gemacht haben, als wir hätten machen müssen.“ 

Immerhin, Krämer und seine Familie sind nicht allein. Im Kreis der Freunde und Bekannten gibt es Psychologen und Therapeuten, darunter die Traumapsychologin und frühere Vorsitzende der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland (VOD), Dr. Silke von Beesten. Der Weg zu professioneller Hilfe und zu den richtigen Tipps ist für sie kurz.

Und doch glaubt Krämer, dass vieles besser hätte laufen können. Und dass es für Ersthelfer, die nicht über so ein gutes Netzwerk wie er verfügen, besser laufen muss. „Ich hätte mir gewünscht, dass man mich nicht einfach so vom Unfallort weglässt“, sagt er. „Und ich hätte mir gewünscht, dass man mir wenigstens einen Flyer in die Hand drückt, der mir aufzeigt, wo ich Hilfe finde, falls ich sie brauche.“

Ersthelfer brauchten nach solch belastenden Erlebnissen die gleiche, wenn nicht sogar mehr Aufmerksamkeit als die professionellen Helfer, glaubt Krämer: „Man gerät völlig unvorbereitet in solch ein Geschehen, in dem man sich komplett überfordert fühlt. Die Helfer brauchen auf jeden Fall Hilfe.“ Für sich selbst hat er schon Konsequenzen gezogen: „Ich fahre seitdem noch viel vorsichtiger.“