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Hilfe für ErsthelferWie eine Psychologin den Unfall auf der A61 in Bergheim bewertet

3 min
Zu sehen ist die Psychologin Dr. Silke von Beesten.

Dr. Silke von Beesten ist Psychologin für Klinische Psychologie und Psychotraumatologie.

Nach Erfahrung von Dr. Silke Besten verarbeiten Zeugen Bilder eines schrecklichen Ereignisses unterschiedlich. Allen sollte Hilfe angeboten werden.

Dr. Silke von Beesten ist Psychologin für Klinische Psychologie und Psychotraumatologie, verantwortet an der Universität Köln das Modul Verkehrsphysik und war Vorsitzende der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland. Dennis Vlaminck sprach mit ihr über die Folgen, mit denen Ersthelfer nach schweren Unfällen wie dem Anfang Februar auf der A61 in Bergheim zu kämpfen haben, und welche Hilfen es gibt.

Was geschieht im Kopf eines Menschen, der nach einem schweren Unfall hilft und dabei schlimme Bilder sieht?

Ersthelfer werden genauso plötzlich und unerwartet mit einem Unfall konfrontiert wie die Unfallbetroffenen selbst. Ob das Erlebnis am Unfallort für den Ersthelfer tatsächlich traumatisch wird, hängt stark davon ab, welche Mechanismen, welche Bewältigungsstrategien der Ersthelfer zur Hand hat, wie viel Lebenserfahrung er beispielsweise hat. Auch das Erleben eines tödlichen Unfalls muss daher nicht zwingend traumatisch sein. Ein wichtiger Aspekt dabei ist: Fühle ich mich ohnmächtig, habe ich Angst? Wir reagieren unterschiedlich darauf, wenn wir Verletzte, Tote oder abgetrennte Gliedmaßen sehen. Aber zum Beispiel innere Unruhe oder Schlaflosigkeit und wiederkehrende Bilder sind in diesem psychischen Ausnahmezustand eine gesunde, normale Reaktion auf eine unnormales Erleben. Alleine schon das zu wissen, kann helfen, damit umzugehen.

Wie sollten Ersthelfer am Unfallort behandelt werden?

Wenn es gut läuft, erhalten Zeugen, Betroffene, Angehörige und Ersthelfer schon am Unfallort einen Flyer. Sie müssen Hinweise auf Ansprechpartner und Hilfenetzwerke erhalten und sollten mit dem Erleben nicht allein gelassen werden. Ersthelfer geraten nach solch einem Geschehen schnell in Fragenkreisläufe: Habe ich alles richtig gemacht? Habe ich genug getan? Darauf muss es Antworten geben.

Wie kann die Hilfe aussehen?

In unserem Gesundheitssystem ist die Psychotherapie sicherlich defizitär. Aber allein schon über das Geschehen zu reden kann helfen, es muss nicht immer therapeutische Hilfe sein. Man kann die Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland oder eine Telefonseelsorge kontaktieren. Das Personal ist geschult, eine Krisenintervention durchzuführen und zu stabilisieren. Oft ist es ausreichend, wenn Menschen über zwei bis drei Monate eine solche Krisenintervention und Stabilisierung erfahren, um in ihren Alltag zurückkehren zu können.

Gibt es auch professionelle Hilfe wie für Feuerwehrleute, Rettungsdienstler und Polizisten?

Die Profis können nach einem belastenden Einsatz die organisationsinterne Psychosoziale Unterstützung (PSU) in Anspruch nehmen. Für Zivilisten gibt es in bestimmten Voraussetzungen ein ähnliches System. Die Unfallkasse beispielsweise greift nicht nur bei Arbeitsunfällen, sondern nimmt auch Ersthelfende unter ihren Schutz. Unfallhelfer sollten sich unbedingt dort melden. Sie regelt auch materielle Schäden, wenn zum Beispiel die Kleidung bei der Ersthilfe kaputt geht. Das wichtige aber ist: Sie leistet auch psychosoziale Unterstützung im Rahmen der Heilbehandlungsleistung. Das kann beispielsweise eine Psychotherapie sein oder auch eine Reha.

Oft genug fahren Menschen einfach an Unfällen vorbei, ohne einzugreifen.

Das ist laut Studien sogar ein erheblicher Teil. Die Gründe sind unterschiedlich. Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen. Sie haben Angst, Dinge zu sehen, die sie nicht sehen wollen. Aber wir brauchen Menschen, die beherzt eingreifen und helfen, so wie es Familie Krämer bei dem Unfall auf der A61 getan hat. Alleine schon gut zuzureden und Hände zu halten ist eine Hilfe. Jeder Helfer sollte wissen: Sobald ich den Notruf gewählt habe, bin ich nicht mehr allein.