Abo

Zweiter ProzesstagVerteidiger des Hürther Todesfahrers zweifelt an Unfallgutachten

3 min
Folgen
Das Bild zeigt viele Kerzen und Teddybären an der Unfallstelle.

Am 4. Juni 2025 fuhr ein Autofahrer in eine Gruppe von Grundschülern, die auf dem Weg zum Sportunterricht waren. Ein zehnjähriges Mädchen und ein Schulbegleiter starben einige Tage später im Krankenhaus.

Die 51-Jährige hielt der schwerverletzten Avin die Hand und sprach ihr Mut zu.

Am zweiten Verhandlungstag um den tragischen Unfall auf der Frechener Straße in Hürth, bei dem im Juni 2025 die zehnjährige Avin und der Schulbegleiter Luis (25) ums Leben gekommen sind, hat der Verteidiger des Todesfahrers (20) Zweifel am Unfallgutachten angedeutet. Er führte einen Bericht an, den Polizeibeamte wenige Tage nach dem Unfall angefertigt hatten.

Darin geht es um die Ampelschaltung an der Kreuzung zur Theresienhöhe. Demnach habe eine Polizistin aus Köln ihre Kollegen im Rhein-Erft-Kreis darauf hingewiesen, dass es drei Tage nach dem tödlichen Unfall beinahe erneut zu einem schweren Verkehrsunfall an derselben Stelle gekommen wäre. Ursache sei ein extrem kurz geschaltetes Lichtsignal gewesen. 

Widersprüchliche Aussagen darüber, ob die Ampel Rot gezeigt hat

Laut Anklage hatte der Gutachter ermittelt, dass der 20-Jährige mit seinem BMW über die Kreuzung gefahren sei, obwohl die Ampel bereits vier Sekunden rot gewesen sei. Und dies mit einer Geschwindigkeit zwischen 54 und 57 km/h. Der Wagen erfasste die Schülerin und den Schulbegleiter, sie starben wenige Tage später im Krankenhaus.

Am ersten Prozesstag am Montag (18. Mai) hatte der Verteidiger eine Erklärung seines Mandanten verlesen, wonach der 20-Jährige bei Gelb gefahren sein will und für einen kurzen Moment durch den Blick nach links zur Theresienhöhe abgelenkt worden sei. Zeugen dagegen hatten im Landgericht Köln ausgesagt, die Ampel habe Rot gezeigt.

In Hürth war der 20-Jährige mit seinem BMW an der Ampel in eine Gruppe Kinder gefahren. Auch zwei Rettungshubschrauber waren im Einsatz.

In Hürth war der 20-Jährige mit seinem BMW an der Ampel in eine Gruppe Kinder gefahren. Auch zwei Rettungshubschrauber waren im Einsatz.

Der Verteidiger nährte Zweifel daran, ob die in Schaltplänen vorgesehenen Grün- und Rotphasen für Fußgänger und den motorisierten Verkehr den tatsächlichen Gegebenheiten am Unfalltag entsprachen. Er verwies dabei auf die Aussage einer Lehrerin, die im Gerichtssaal anmerkte, dass ihr die Grünphase für Fußgänger als sehr kurz vorgekommen sei. Sie habe damit gerechnet, dass alle Schülerinnen und Schüler im Laufe einer Grünphase die Frechener Straße überqueren würden.

So war es an dem Tag allerdings nicht: Ein Teil der Viertklässler erreichte die andere Straßenseite, um zum nahe gelegenen Sportplatz zu kommen; die übrigen warteten auf dem Bürgersteig auf die nächste Grünphase. Die ersten von ihnen, die dann die Straße betraten, wurden von dem 20-Jährigen in seinem BMW erfasst.

Betreuerin leidet darunter, dass sie Luis und Avin nicht helfen konnte

Am zweiten Verhandlungstag wurden Lehrerinnen der Carl-Orff-Grundschule und eine Betreuerin in den Zeugenstand gerufen. Unter Tränen sagte die 51-Jährige, es gebe keine Worte für das, was an jenem Tag geschehen sei und was sie habe mit ansehen müssen. Sie leide noch heute darunter, dass sie den Unfallopfern nicht helfen konnte.

Als Folge aus den schrecklichen Geschehnissen habe sie ihren Job im Offenen Ganztag an der Grundschule in Hürth gekündigt und arbeite jetzt in einer Nachbarstadt. Sie habe versucht, einen Neuanfang zu schaffen. Aber was ihr vor dem Unfall mit Leichtigkeit gelungen sei, sei seitdem mit dauerhafter Anstrengung verbunden. Es gebe Tage, an denen sie denke, es werde besser, „und dann macht es mich wieder unfassbar traurig“.

Das Bild zeigt den Angeklagten.

Der Unfallfahrer von Hürth muss sich seit Montag vor dem Landgericht Köln verantworten.

Als sie mit der Schülergruppe an der Ampel stand und diese von Rot auf Grün sprang, habe sie nur wahrgenommen, wie ein Auto in die Gruppe fuhr: „Das ging von jetzt auf gleich, so wie ein Blitz einschlägt.“ Zunächst habe sie gedacht, dass sie sich das nur einbilde und das nicht tatsächlich geschehe.

Dann habe sie zwei Menschen auf dem Boden liegen sehen, einen kleineren und einen größeren. Instinktiv sei sie zu der kleineren Person gelaufen. Die 51-Jährige erkannte diese als Avin, die regungslos auf der Straße gelegen habe. Sie habe ihr Mut zugesprochen und ihre Hand gehalten – bis sich mehrere Ersthelfer um das Mädchen kümmerten.

Der  20-jährige Unfallfahrer muss sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen vor dem Landgericht Köln verantworten. Bei einer Verurteilung droht ihm eine mehrjährige Jugendstrafe. Ein Urteil wird am 3. Juni erwartet.