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Prozess um tödlichen VerkehrsunfallDer Tag, der das Leben an einer Hürther Schule veränderte

5 min
Auf dem Bild ist der Unfallfahrer in einer schwarzen Jacke vor Gericht zu sehen.

Der Unfallfahrer von Hürth muss sich vor dem Landgericht Köln verantworten.

Vor dem Landgericht Köln hat der Angeklagte (20) sein Bedauern ausgedrückt. Die Eltern ließen über ihre Anwälte mitteilen, dass diese Erklärung zu spät komme. 

Seit dem 4. Juni 2025 ist für die Carl-Orff-Schule in Hürth nichts mehr, wie es vorher war. An diesem Tag starben bei einem Verkehrsunfall auf der Frechener Straße die Viertklässlerin Avin (10) und der Schulbegleiter Luis (25). „Noch bis heute leidet die ganze Schule darunter“, sagte eine Lehrerin (44) gestern beim Prozessauftakt gegen einen 20-Jährigen, der mit seinem silbernen BMW in die Schülergruppe gefahren war.

Sie selbst denke jeden Tag an den Unfall, „und ich könnte nicht mehr glücklich werden“ bei dem Gedanken, ein Kind zu verlieren, sagte die zweifacher Mutter. Jedes Mal, wenn sie an der Unfallstelle vorbeifahre, werde ihr schlecht, sagte sie als Zeugin aus. Sie berichtete auch von Schülerinnen und Schülern, die Alpträume hätten, weil sie mit ansehen mussten, wie zwei Menschen so schwer verletzt wurden, dass sie kurz darauf ihr Leben verloren. Ein anderer Zeuge, ein 68-jähriger Schulbusfahrer, berichtete, ihm gingen diese schrecklichen Bilder vom Moment, als der 20-Jährige die Gruppe erfasste, nicht aus dem Kopf. Der Mann wird seit dem Unfall psychisch behandelt.

Hürth: Dem Unfallgutachten zufolge muss die Ampel seit mindestens vier Sekunden auf Rot gestanden haben

Aussage des AngeklagtenDer Tod von Avin und Luis hatte niemanden kaltgelassen, entsprechend groß war das öffentliche Interesse gestern am ersten Verhandlungstag im Landgericht Köln.   Die Staatsanwaltschaft klagt fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie aufgrund der Durchsuchung des Autos und der Wohnung des Beschuldigten am selben Tag einen Verstoß gegen das Waffengesetz sowie unerlaubtes Handeltreiben mit Cannabis in nicht geringer Menge (122,4 Gramm) an.

„Ich habe einen fürchterlichen Unfall verursacht, bei dem zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Ich will dafür die Verantwortung tragen“, erklärte der Angeklagte über seinen Verteidiger Marc Donay. Nach seiner Darstellung gab er Gas, als die Ampel auf Gelb sprang, um den Einmündungsbereich noch zu passieren.

Auf dem Bild sind die Eltern von Luis Paulo zu sehen, die den Proze? verfolgen.

Marcus Jochim und seine Frau Lilian (r.), die Eltern des getöteten Schulbegleiters Luis Paulo, verfolgen den Prozeß als Nebenkläger.

Dabei will er abgebremst und nach links zur Theresienhöhe geschaut haben, weil er sich vergewissern wollte, dass der von dort kommende Verkehr nicht schon grünes Licht hatte. Die Kindergruppe, die sich anschickte, bei Grün die Straße zu überqueren, will er erst bemerkt haben, als er schon nicht mehr habe verhindern können, in sie hineinzufahren.

Dem Unfallgutachten zufolge muss die Ampel seit mindestens vier Sekunden auf Rot gestanden haben, als der Angeklagte mit einer Geschwindigkeit von 54 bis 57 km/h in die Gruppe fuhr. Erlaubt war an dieser Stelle Tempo 70.

Ich würde mein Leben dafür geben, wenn ich Ihnen Avin zurückbringen könnte
Der Angeklagte

Die Angehörigen von Luis hatten an diesem schweren Tag die Kraft, dem Prozess beizuwohnen. Auch Avins Mutter und ihr älterer Bruder erschienen im Gerichtssaal. Der Vorsitzende Richter der 27. Großen Strafkammer, Dr. Wolfgang Schorn, überließ ihnen die Entscheidung, ob sie die angebotene persönliche Ansprache des Angeklagten hören wollten. Während die Hinterbliebenen von Luis ablehnten, war Avins Familie bereit, ihn anzuhören. Dazu stand der Angeklagte auf und erklärte unter Tränen: „Ich würde mein Leben dafür geben, wenn ich Ihnen Avin zurückbringen könnte.“ Eine Entschuldigung akzeptierten Avins Mutter und Bruder jedoch nicht. Der 20-jährige habe ein Jahr verstreichen lassen, ohne dies zu tun.

Der erstvernehmende Polizeibeamte verzichtete in den Ermittlungen darauf, die Kinder zum Unfallgeschehen zu befragen, um das Risiko einer Retraumatisierung zu vermeiden. Richter Schorn hofft, ihnen ebenfalls ein Erscheinen vor Gericht ersparen zu können. Bei dem leitenden Ermittler meldete sich aber der Vater eines Jungen, dem der 20-Jährige über die Füße gefahren war. Der Viertklässler soll seinen Eltern erzählt haben, dass der Fahrer beim Heranfahren nach unten geschaut habe. Ob er in dem Moment sein Handy nutzte, konnte die Datenauswertung jedoch nicht zweifelsfrei klären.

Das Bild zeigt Polizisten an der Unfallstelle.

Polizisten sicherten an der Unfallstelle am 4. Juni 2025 Spuren.

Die Auswertung von Handyvideos und Suchmaschinen-Nutzungen lege den Verdacht nahe, dass der Angeklagte der Tuner- und Autoposer-Szene angehört, also fahrzeugaffinen Personen, die ihre Wagen gerne technisch und optisch aufrüsten und schnell unterwegs sind.   Aufnahmen zeigten, dass der 20-Jährige in Spanien mit einem Freund mit PS-starken Autos in einer 80er-Zone mit 150 und auf einer Autobahn mit 200 km/h unterwegs gewesen seien. Erlaubt war Tempo 120. Einer der beiden Wagen hatte hinterher einen Motorschaden, bei dem anderen war ein Reifen hinüber.

Aus Sicht des ermittelnden Beamten hätte der Unfallfahrer die Kinder sehen müssen: Alle trugen signalgelbe Warnwesten.   „Luis betrat als Erster bei Grün die Fahrbahn, als ein Auto so schnell angeschossen kam, dass ich es kaum wahrgenommen habe. Der Aufprall passierte in Sekundenbruchteilen. Ich sah Personen durch die Luft fliegen“, habe eine Lehrerin berichtet.

Zwei Zeugen erzählten, ihnen sei bereits am Vormittag ein silberner Sportwagen mit verchromten Felgen bei Fahrten über rote Ampeln aufgefallen. Ob der Insasse der Angeklagte war, konnten beide aber nicht mit Sicherheit sagen.

In einen Widerspruch verstrickte sich der Angeklagte, als er erst sagte, er habe nach den auf dem Boden liegenden Opfern geschaut und festgestellt, dass beiden nicht mehr zu helfen ist. Weil er mit der Situation überfordert gewesen sei, habe er sich übergeben müssen und sich deshalb kurz von seinem Fahrzeug entfernt. Später bei der Entnahme einer Blutprobe soll er zu dem Chefermittler gesagt haben: „Ich hoffe, den Kindern geht es gut.“ Avin erlag am 6. Juni ihren schweren Verletzungen, Luis am 13. Juni. Der Angeklagte telefonierte noch am Unfallort Bekannte herbei. Bei den Vernehmungen entstand der Eindruck, dass sich die Drei, die sich noch am selben Abend trafen, abgesprochen haben, was sie zugeben.

Am Unfallort wirkte der Angeklagte auf die Polizei „ergriffen von dem Geschehen, abwesend und monoton in seinen sprachlichen Äußerungen“. Den Prozess gestern verfolgte er ohne jegliche Gefühlsregung – auch dann nicht, als die Eltern der Todesopfer angesichts der Zeugenaussagen immer wieder in Tränen ausbrachen.

Der Prozess wird am Donnerstag (21. Mai) fortgesetzt.