Das Motto war: „Du kannst das!“ Beim „Mitmach-Circus“ der Familie Casselly ging es für die Kinder der Dahlemer Grundschule höchst artistisch zu.
Selbstwertgefühl stärken220 Grundschüler aus Dahlem werden kleine Artisten und Clowns

Das Zelt des Circus Jonny Casselly war in den vergangenen Tagen an der Dahlemer Binz aufgebaut.
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Kinder, die kopfüber am Trapez hängen oder als putzmuntere Clowns durch die Manege toben und kleine Kunststückchen zeigen: Das ist für die Profis des Circus Jonny Casselly ganz normaler „Mitmach-Circus“-Alltag. Für die Dahlemer Grundschüler war es in den vergangenen Tagen ein wahr gewordener Traum.
„Das hätte ich nicht gedacht, dass ich das mal schaffe!“ Cataleya, elf Jahre alt, steht vor dem Eingang zum gelb-blauen Zelt des Circus Jonny Casselly an der Dahlemer Binz und wundert sich immer noch. Gerade hat auch sie wie eine kleine Gruppe von Schülerinnen der Grundschule Dahlem die Trainingseinheit am Trapez hinter sich gebracht. Alfons Casselly, der mit seinem Bruder Antonio in siebter Generation den nach seinen Angaben „vor 250 Jahren“ gegründeten Zirkus führt – „die achte sind meine Kinder“ – hat auch Cataleya das sichere Gefühl gegeben: Du kannst das!
Familie Casselly will mit dem Zirkus eine Alternative zum Freibad bieten
Das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken, sie aber vor allem einmal in die Traumwelt des Zirkus mitzunehmen und zum Beispiel hoch aufs Trapez, das ist beim „Mitmach-Circus Johnny Casselly“ seit 38 Jahren Programm. Die Idee dazu hatte Alfons’ Vater, „weil die Kinder im Sommer einfach lieber ins Freibad oder in die Eisdiele gehen“, so der Sohn. Da müsse man als Zirkus eben Alternativen bieten. Vielleicht kommt auch dazu, dass die Zahl der zeltwandernden Unternehmen zwar mit um die 200 in Deutschland immer noch recht groß erscheint, es sich aber meist um kleine Familienbetriebe handelt.

Einmal Zirkusprinzessin sein: Erstklässlerin Malena hängt im Trapez, Alfons Casselly hat sie genau im Blick.
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Zudem hat auch der Circus Jonny Casselly seit Corona keine Tiere mehr, so Alfons Casselly. Die Zirkus-Dynastie mit Alfons und Antonio, vier Schwestern und drei Schwägern sowie den Kindern und der 73-jährigen Prinzipalin Maria Casselly bietet traditionelles Zirkusprogramm nur noch zwischen Mitte Dezember und Anfang Januar in Hürth an.
Wie man auch in Dahlem sieht, ist die Idee vom „Mitmach-Circus“ nicht nur bei den Kindern beliebt. Man habe eine Wartezeit von bis zu vier Jahren, so Alfons Casselly. „Wir haben bei unserer Anfrage vor gut zwei Jahren nur deshalb die Zusage erhalten, weil es die Brückentag-Woche mit Christi Himmelfahrt ist“, bestätigt Schulleiterin Mirjam Schmitz.
Die Zirkuswelt hat nichts von ihrer Faszination verloren
Für Alfons Casselly ist die hohe Nachfrage der Beweis dafür, „dass man auch heute noch als Zirkus leben kann, wenn man ehrliche und gute Arbeit leistet“. Die Kinder seien zwar mittlerweile durch die Smartphones anders als früher („Da kamen alle zum Zirkus angerannt, wenn man in der Stadt war“), aber wenn die Cassellys heute das Chapiteau nahe einer Schule aufbauen, dann sei die Begeisterung immer noch groß.
Casselly wurde so in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur der erste Mitmachzirkus seiner Art, sondern sie seien derzeit auch der weltweit größte, meint Alfons Casselly. Der ausgebildete Artist, der wie alle Zirkuskinder zuerst als Clown in der Manege stand, geht zurück ins Rund, wo schon die nächste Schülergruppe auf ihn erwartet.

Vier kleine Zirkusprinzessinnen und ihr Trainer (v.l.): Malena, Elissa, Hanna und Mia mit Alfons Casselly.
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Eine Gruppe Dahlemer Grundschüler inmitten der Cassellys: Ihr Trainer Antonio (hinten rechts) hat ihnen ein paar akrobatische Tricks beigebracht.
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Das Trapez wird auf knapp über Kopfhöhe von Casselly heruntergelassen, der Artist steigt auf, schwingt sich in den Sitz, hängt sich mit den Knien ins Trapez, packt nach einer schwungvollen Runde Erstklässlerin Malena souverän mit der Hand, und die beiden werden in gut vier Meter Höhe gezogen. Malena ist an einer Longe gesichert. Geschickt klettert sie jetzt die Trapezseile hoch, schlingt sich mit den Knien in die Seile, legt sich mit dem Oberkörper in die durch die gespreizten Beine entstandene Kuhle.
Alfons Casselly hat den Ablauf ihrer Übung genau im Blick. Auf sein Kommando löst sie die Figur wieder auf, kehrt zu dem Artisten unter ihr zurück. Das Trapez wird abgesenkt, Casselly lässt sie ab in die Manege. Malena macht danach ein paar konzentrierte Schritte zum Manegenrand, öffnet die Arme, fester Blick. „Körperspannung!“, ruft Casselly kurz. Malena strahlt.
Für das Zirkuserlebnis der Kinder packen in Dahlem die Eltern mit an
Auch Schulleiterin Mirjam Schmitz entfährt ein begeistertes „Bravo!“. „Das machen die authentisch, sie nehmen die Kinder mit“, lobt sie die Zirkustrainer. Unterdessen rollt der von der RVK gebuchte große Gelenkbus mit den nächsten Schülern der Grundschule Dahlem vor das Zelt. Insgesamt 220 Kinder wollen entweder wie Malena und ihre Freundinnen Elissa, Hanna, Mia und Cataleya aufs Trapez. Oder mal Zirkusclown sein. Für drei Aufführungen des Erlernten vor Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden werden alle Kinder neuwertige Zirkuskleidung tragen und individuell geschminkt.
Dass es so weit gekommen sei, habe man auch dem Bauhof der Gemeinde und den Sponsoren zu verdanken, so Mirjam Schmitz. Und den Eltern der Grundschüler. Sie packten beim Zeltaufbau mit an. Um die Unterstützung der Eltern beim Auf- und Abbau des Zirkuszeltes bitten die Cassellys immer. „Die Eltern hier haben den Aufbau in zwei Stunden und 50 Minuten geschafft, das ist Rekord“, lobt Alfons Casselly.
Der Zirkus zieht weiter, und für die Dahlemer Grundschulkinder beginnt wieder der normale Schulunterricht. „Normal“ heißt für die Kinder von Alfons Casselly, dass er sie wieder in den Online-Unterricht einloggt.
Ab und an, auch einmal während der Woche an der Dahlemer Binz, bekommen die kleinen Cassellys aber Besuch: Dann rollt im Wohnmobil die „Schule für Circus-Kinder“ in der Trägerschaft der Evangelischen Kirche im Rheinland vor das Chapiteau, eine offiziell anerkannte Ersatzschule. Aber das ist eine andere Geschichte.
