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„Ohne Zeitung nicht vorstellbar“94-Jährige liest den „Kölner Stadt-Anzeiger“ seit mehr als 70 Jahren

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Margot Schoenniger (94) hält den „Kölner Stadt-Anzeiger“ in den Händen und lacht in die Kamera.

Margot Schoeeniger (94) ist seit mehr als 70 Jahren Abonnentin. Morgens liest sie jede Seite der Zeitung, abends macht sie das Rätsel.

Für Margot Schoenniger aus Hürth-Gleuel ist die Zeitung eine wichtige Begleiterin. Auch, weil sie ihr Leben komplett allein organisiert. 

Als Margot Schoenniger am 25. Februar 2022 im „Kölner Stadt-Anzeiger“ las, dass die russische Armee die Ukraine überfallen hat, schoss ihr durch den Kopf: „Der Putin will das alte Zarenreich zurück. Gibt es jetzt wieder Krieg?“ Erinnerungen kamen hoch, an ihren Vater, der infolge einer Kriegsverletzung 1945 starb, den schwer verwundeten Bruder, an die große Verblendung, das Leid. „Inzwischen lese ich die Artikel über die Ukraine oder Gaza nur noch und denke: ach. Schlimm. Aber leider nicht zu ändern. Zum Glück vergesse ich inzwischen auch vieles schnell wieder.“

Abonnement seit Februar 1950

Margot Schoenniger ist 94 und eine der langjährigsten Leserinnen des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Februar 1950 steht neben ihrem Namen in der Tabelle unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Das vermerkte Geburtsdatum in der Liste, 31.12.1926, stimmt nicht, das war ihr Mann Horst, der lange tot ist. Auch die meisten ihrer Freunde und Verwandten seien nicht mehr da, sagt Schoenniger bei Kaffee und Gebäck in ihrer geduckten Wohnung in der Ernst-Reuter-Straße in Hürth-Gleuel, in der sie seit mehr als 70 Jahren lebt.

Die Zeitung ist in all den Jahren geblieben. „Der Stadt-Anzeiger ist sehr wichtig für mich, er ist mein Tor zur Welt. Ich habe kein Handy und kein Internet, und Bücher lesen ist mir inzwischen zu mühsam“, sagt sie. „Wenn er mal nicht kommt, was zum Glück sehr selten vorkommt, kaufe ich ihn sofort morgens beim Bäcker gegenüber. Ohne Zeitung – das ist für mich einfach nicht vorstellbar.“

Als Erstes lese ich die Politik, am ausführlichsten den Rhein-Erft-Teil
Leserin Margot Schoenniger (94)

Haben Sie ein Leseritual, Frau Schoenniger? Natürlich habe sie das. Nach dem Aufstehen macht die 94-Jährige sich in der Küche ein Müsli mit Quark, eine Scheibe Schwarzbrot mit Honig, eine Scheibe Toast mit Marmelade, dazu Kaffee, und liest den Stadt-Anzeiger. Mindestens eine Stunde lang, oft zwei. Als Erstes lese sie die Politik, am ausführlichsten den Rhein-Erft-Teil, „da könnten Sie auch ein paar Seiten mehr machen“, aber auch Kultur und Wirtschaft, Panorama und Sport. 

18.11.2025, Köln: Margot Schöninger (94) ist seit mehr als 70 Jahren Abonnentin des Kölner Stadt-Anzeigers. Foto: Arton Krasniqi

Abends löst Margot Schoenniger das Zeitungsrätsel, manchmal bis spät in die Nacht hinein.

„Dass der Tuchel jetzt in England ist und der Füllkrug weg will aus England, weiß ich auch“, sagt sie. Und natürlich, dass der FC wieder in der 1. Liga ist und gut spielt gerade. „Meine Tochter Brigitte hat an der Sporthochschule studiert, mein Vater war fußballbegeistert, Sport gehört für mich dazu, auch wenn ich selbst nur im Kegelverein war und eher unsportlich.“

Die Knickkante der Zeitung (Falz) nutzt sie, um sie säuberlich auf die Lehne des Küchenstuhls zu legen – so bleibt sie immer griffbereit. Für abends legt sich Margot Schoenniger am Morgen schon das Rätsel raus. „Das mache ich immer vor dem Schlafengehen“, sagt sie. „Manchmal bis in die Nacht hinein.“

Wenn man sie danach fragt, welche Geschichten aus den vergangenen Wochen ihr in Erinnerung geblieben sind, sagt sie: „Vor allem Trump und Putin, die sind ja fast jeden Tag im Blatt.“ Sie blättert durch die Zeitung, findet beide. „Schrecklich!“, sagt sie. „Einfach schrecklich!“ Manchmal denke sie, es stünden zu viele schlechte Nachrichten in der Zeitung, und dann denke sie: „So ist die Welt nun mal. Es passieren viele schreckliche Dinge. Und Journalisten sind dafür das, darüber zu schreiben – und nicht darüber, was sowieso funktioniert.“

Der gemeinsame Tod der Kessler-Zwillinge bringt eine gesellschaftliche Debatte in Gang und berührt viele Leser
Margot Schoenniger

Am meisten beschäftigt haben Schoenniger zuletzt die Berichte über den Freitod der Kessler-Zwillinge. „Die waren ja nur ein paar Jahre jünger als ich und ich habe sie ein Leben lang im Fernsehen gesehen!“ Ihr freiwillige Tod nötige ihr Respekt habe, ähnlich wie der von Jack White. „Ich denke, das bringt eine gesellschaftliche Debatte in Gang und berührt viele Leser.“ Das Thema lasse sie auch selbst nachdenken. „Sehr viele alte Menschen sind sehr einsam, mir geht das ja auch manchmal so.“

Margot Schoenniger lebt noch allein in dem Haus, in das sie nach dem Krieg mit ihrem Horst gezogen war. Das Zeitungs-Abo hatte ursprünglich ihre Schwiegermutter, mit ihrem Mann zog sie 1955 oder 1956 nach Gleuel, so genau wisse sie das nicht mehr. Was sie noch weiß: „Die ersten Jahre im Rheinland waren schwer.“ In Karlsruhe sei sie immer „das Margöttle“ gewesen. „Hier habe ich kaum etwas verstanden, die Leute auf dem Land sprachen platt. Ich war erstmal todunglücklich.“

18.11.2025, Köln: Margot Schöninger (94) ist seit mehr als 70 Jahren Abonnentin des Kölner Stadt-Anzeigers. Foto: Arton Krasniqi

Die Zeitung liegt immer griffbereit über einer Lehne in der Küche.

Schoennigers Lebensgeschichte erzählt von Fleiß und Aufstieg: Sie sei eine gute Schülerin gewesen, habe aber nach sieben Jahren Volksschule eine Lehre im Pelzgeschäft machte, „weil ich Geld verdienen musste“. In Hürth habe sie mit ihrem Horst in den 50er Jahren die Drogerie der Eltern ihres Mannes wieder aufgebaut. „Am Anfang sind wir mit dem Fahrrad zu 4711 gefahren, um dort Waren zu holen.“ Mit dem Wirtschaftswunder blühte auch die Drogerie auf. „Irgendwann haben wir 500.000 Mark Umsatz gemacht, da hat uns der Steuerberater gesagt, größer sollten wir nicht werden.“ Mit der Eröffnung des Einkaufszentrums Hürth-Park seien die Umsätze eingebrochen. „Gerettet hat uns dann eine Kooperation mit Lancôme, wir haben Kosmetikbehandlungen gemacht, dafür habe ich ein Zertifikat in Paris gemacht.“

Wenn sie von ihrem Arbeitsleben erzählt, schwingt Stolz mit. Als 1956 ihre Tochter Brigitte geboren wurde, habe sie wieder mitgearbeitet in der Drogerie, und zwar „jede Arbeit, die zu tun war“. Dass sie immer eine Macherin war, hilft ihr augenscheinlich auch jetzt, da sie mit dem Rollator noch selbst einkaufen geht und weiter ihr Leben organisiert, in dem sie sich an manchen Tagen einsam fühlt. „Wahrscheinlich bin ich doch eine starke Frau“, sagt sie.

Über sie selbst geschrieben wurde in der Zeitung in all den Jahren noch nie. „Wollte ich auch nie, ich brauche das eigentlich nicht“, sagt sie. Als der Stadt-Anzeiger anrief, habe sie erstmal ihre Tochter gefragt. „Die hat gesagt, ich solle das doch machen. Da dachte ich: warum auch nicht?“