In Kerpen gibt es laut Sascha Düerkop mehrere Straßen, die einen potenziell kritischen Namen tragen. Er will das Thema präsenter machen.
InformationsabendKerpener will Namensgeber für Straßen auf NS-Vergangenheit prüfen lassen

Sascha Düerkop will ein Bewusstsein für möglicherweise kritische Straßennamen schaffen. Hier zu sehen ist die Heinkelstraße in Kerpen-Türnich.
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Wer entscheidet eigentlich, wie eine Straße benannt wird, und nach welchen Kriterien werden die Namen ausgewählt? Und warum sind manche Straßennamen kritisch zu betrachten? Mit solchen und ähnlichen Fragen setzt sich der Kerpener Sascha Düerkop auseinander. Er ist eigentlich Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler. In seiner Arbeitszeit beschäftigt er sich mit der Logistik von Lastenrädern. Doch in seiner Freizeit interessiert sich der 39-Jährige für Geschichte und deren Aufarbeitung.
Straßennamen sind ihm zufolge weit mehr als reine Adressbezeichnungen. „Jeden Tag, an dem eine Straße den Namen einer Person trägt, gedenkt man dieser Person“, sagt er. Das sei etwa in der Kolpingstadt Kerpen daran zu erkennen, dass eine Debatte um eine Ehrenbürgerschaft für Michael Schumacher immer wieder auf das Argument stoße, die Stadt ehre den Rennfahrer bereits mithilfe entsprechender Straßennamen.
Kerpen: Heinkelstraße könnte nach Ingenieur in der NS-Zeit benannt sein
Nicht immer seien die Menschen, nach denen Straßen, Plätze oder auch Schulen benannt würden, völlig unkritisch. Ganz im Gegenteil: Viele Straßennamen wurden während der NS-Zeit nach Adolf Hitler benannt. Unter anderem hieß der Markt in Brühl damals Adolf-Hitler-Platz. In vielen Städten wurde zu der Zeit der größte Platz nach Hitler benannt. Nach dem Kriegsende wurden diese Namen entnazifiziert. Das kann man aber nicht konsequent über diverse NS-Sympathisanten oder -Profiteure sagen, nach denen ebenfalls Orte benannt wurden.
„Das Beispiel, wo es in Kerpen am deutlichsten wird, ist meines Erachtens die Heinkelstraße in Türnich“, sagt Düerkop. Ernst Heinkel war ein Flugzeugbau-Ingenieur, der zur Zeit des Nationalsozialismus Kriegsflugzeuge baute und Zwangsarbeiter sowie Menschen aus Konzentrationslagern in seinen Werken arbeiten ließ. „Er hatte eine bedeutende Rolle in der Kriegswirtschaft“, sagt Düerkop.
Namensgebung ohne direkte Verbindung zur Stadt
Noch merkwürdiger werde das Ganze, wenn man bedenke, dass Ernst Heinkel keine Verbindung zur Kolpingstadt habe. Heinkel stammt aus Baden-Württemberg und trat 1933 in die NSDAP ein. Später wurde er Wehrwirtschaftsführer. Bekannt waren vor allem seine Werke in Rostock und Oranienburg. Warum eine Straße in Kerpen nach dem Ingenieur benannt wurde, wisse er nicht, sagt Düerkop. Er habe zwar beim Stadtarchiv nachgefragt. Doch die entsprechenden Unterlagen seien nicht auffindbar. Daher sei auch nicht vollkommen sicher, ob es sich wirklich um ebenjenen Ernst Heinkel handele, der hier geehrt werde. Ein anderer Umstand legt das aber zumindest nahe:
Düerkop vermutet, dass die Namensgebung mit der restlichen Benennung der Straßen in dem dortigen Gewerbegebiet zusammenhänge. Hier finden sich zahlreiche andere große Ingenieure, Wissenschaftler und Erfinder wie etwa die Otto-Hahn-Straße, die Heisenbergstraße oder auch die Alfred-Nobel-Straße.
Auch ein bekannter Fall sei die Ina-Seidel-Straße in Horrem. „Ina Seidel schrieb Gedichte über Adolf Hitler und war stark in den Personenkult involviert“, sagt Düerkop. Doch er gibt auch zu bedenken: „Nicht immer ist die Sachlage eindeutig. Ina Seidel hat zum Beispiel viele Jahre nach dem Nationalsozialismus noch das Bundesverdienstkreuz erhalten.“
Diskussion anregen, aber keine pauschale Umbenennung
Düerkop will also laut eigenen Aussagen nicht pauschal diverse Straßen umbenennen. „Mir geht es mehr darum, sich grundsätzlich damit auseinanderzusetzen, wie Straßennamen vergeben werden, wie es etwa in Bergheim der Fall war.“
Wie die Bergheimer Pressesprecherin Christina Conen berichtet, habe die Kreisstadt ab 2015 eine Umbenennung dreier Straßen geprüft: die Agnes-Miegel-Straße, die Hermann-Stehr-Straße sowie die Seidelstraße. „Grundlage war ein Beschluss des Ausschusses für Planung und Umwelt, das Straßenverzeichnis im Hinblick auf mögliche Belastungen von Namensgebern aus der Zeit des Nationalsozialismus zu überprüfen“, erläutert Conen: „Im Rahmen dieser Untersuchung wurde unter anderem das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln eingebunden. Dabei wurden Agnes Miegel, Hermann Stehr und Ina Seidel als historisch belastete Persönlichkeiten eingeordnet.“
Umbenennung ist für Anwohner oft mit hohem Aufwand verbunden
Anschließend habe die Verwaltung die Anwohner befragt, ob die entsprechenden Straßen umbenannt werden sollten. „Im Ergebnis sprach sich die Mehrheit der Beteiligten gegen eine Umbenennung aus“, sagt die Sprecherin.
Dass die direkten Anwohner oft keine Umbenennung wünschten, sei logisch, sagt Düerkop. Für sie habe das neben der Umgewöhnung überwiegend bürokratische Nachteile, da die Anschrift etwa im Personalausweis geändert werden müsse. Düerkop plädiert dafür, stattdessen eine stadtweite Umfrage zu starten.
Um wieder mehr Bewusstsein für diese Thematik zu schaffen, bietet Düerkop am Mittwoch, 17. Juni, 19 Uhr, im Quirinum, Piusstraße 6, eine Informationsveranstaltung für Bürger an. Bei freiem Eintritt erfahren sie, wie sie etwa als Bürger bei der Politik anregen können, eine Straße umzubenennen, wie Straßennamen ausgewählt werden und welche Namen in Kerpen womöglich kritisch zu sehen sind.
Auch will Düerkop selbst einen entsprechenden Bürgerantrag bei der Stadtverwaltung einreichen, um die Debatte zumindest anzustoßen. Die Kerpener Politik ist da grundsätzlich aufgeschlossen. Andreas Lipp, Vorsitzender der SPD-Fraktion, sagt: „Auch die SPD schaut sich das Thema seit letztem Jahr bereits an, die Recherchen sind jedoch langwierig.“ Grundsätzlich stünden die Sozialdemokraten einem Ansinnen, Straßennamen zu hinterfragen, positiv gegenüber. Wichtig sei aber, die Bürger zeitnah mitzunehmen, immerhin bedeute eine Änderung hohen bürokratischen Aufwand.
Ähnlich sieht es auch Heiner Funke, Vorsitzender der CDU-Fraktion in Kerpen: „Natürlich ergibt es Sinn, das nochmal zu prüfen, wenn es diesbezüglich Bedenken gibt. Wir sind da offen. Man sollte nur bedenken, dass das für Anwohner mit enormen Kosten und Aufwand verbunden ist. Daher sollten sie auf jeden Fall befragt werden.“
