Ein Foto zeigt Erna Hoffmann mit ihrer Tochter Jeanette. Die Mutter lächelt. Das Baby schaut von der Seite in die Kamera, hält einen Finger der Mutter in seiner kleinen Hand.
Die Nationalsozialisten hatten viel getan, damit so ein Foto niemals entsteht. Sie hatten Erna Hoffmann nach Auschwitz deportiert und in Block 10 Menschenversuche an ihr durchgeführt, um sie zu sterilisieren. Doch Erna Hoffmann überlebte. Und die Möglichkeit, ein Kind in die Welt zu bringen, hatten die Nazis ihr nicht nehmen können.
„Es war ein Wunder, dass die Eltern das überlebt haben und dass ich auch noch geboren wurde, nach allem, was sie meiner Mutter angetan haben“, erzählt Jeanette Hoffmann nun im Gespräch mit der Redaktion.
„Zweitzeugen-Nachmittag“ in der Schulaula
Die Tochter kam im August 1946 in Berlin zur Welt. Heute lebt sie in Pulheim-Dansweiler, mit „netten Nachbarn“, wie sie betont. Die Lehrerin Anette Gregor wohnt nebenan. Gregor unterrichtet Geschichte am Gutenberg-Gymnasium in Bergheim. Dank des freundschaftlichen Kontakts der beiden zueinander gibt es am 9. November, 16 Uhr, einen "Zweitzeugen-Nachmittag" in der Aula der Schule, wo Jeanette Hoffmann vom Leben ihrer Mutter erzählen wird.
Es ist einer der Anlässe, an denen sie die Erinnerung an Erna Hoffmann hochhält. Dabei hat das Wunderkind auch erst im Verlauf seines Lebens die ganze Geschichte erfahren. „Meine Mutter konnte nur ganz schlecht darüber reden“, sagt Jeanette Hoffmann.
Ihrem Vater Kurt Herbert Hoffmann sei das etwas leichter gefallen, auch Galgenhumor sei ihm nicht fremdgewesen. Seine eintätowierte Häftlingsnummer habe er scherzhaft als seine Telefonnummer bezeichnet, Erna Hoffmann dagegen habe sie weggelasert. Sie habe phasenweise unter Depressionen gelitten. Erst spät erfuhr Jeanette Hoffmann, dass ihre Mutter sich am Waschbecken säuberte und seit Auschwitz in keine Dusche mehr stieg.

Anette Gregor und Jeanette Hoffmann.
Copyright: Rafael Greboggy
Erna Hoffmann wurde 1916 als Erna Bütow geboren. Sie war gelernte Putzmacherin, also Hutmacherin, und heiratete im Jahr 1935 Kurt Herbert Hoffmann. Am 28. Juni 1943 wurden beide mit dem 39. Osttransport ins Vernichtungslager nach Auschwitz gebracht. Von den Versuchen, die dort an Erna Hoffmann durchgeführt wurden, zeugt ihre Aussage zum Prozess gegen den SS-Arzt Carl Clauberg. Dieser war nach russischer Kriegsgefangenschaft Ende der 1955 nach Deutschland zurückgekehrt und festgenommen worden. Erna Hoffmanns Aussage vor der Staatsanwaltschaft ist acht Seiten lang und beschreibt nüchtern die Versuche, mit denen Clauberg sie und andere Frauen gepeinigt hat.
„Ich war sehr verwundert, dass sie alles so ausführlich schildert“, sagt Jeanette Hoffmann. Sie habe die Unterlagen von Hans-Joachim Lang bekommen, der über Block 10 geschrieben hat, also den Block, in dem in Auschwitz die Versuche durchgeführt worden waren. „Vielleicht hat sie sich davon erhofft, dass dieser Mensch seine Strafe bekommt. Ich habe nie mit ihr darüber sprechen können.“
Todesmarsch nach Bergen-Belsen
Erna Hoffmann überlebte nicht nur die Haft in Auschwitz, sondern auch einen Todesmarsch, bei dem die Nazis die Häftlinge nach Bergen-Belsen trieben. Dort wurde sie schließlich von den Engländern befreit, jedoch in einem erschöpften und unterernährten Zustand und mit Typhus erkrankt, wie sie in einem Lebenslauf schreibt.
Das Wiedersehen
Vom Verbleib ihres Mannes wusste sie noch nichts. Vom Roten Kreuz hörte sie schließlich, dass ihr Mann gestorben sei. „Als sie nach Auschwitz gebracht wurden, haben meine Eltern sich versprochen: Wenn wir überleben, treffen wir uns am 6. Oktober in dem Lebensmittelladen, neben dem sie gewohnt haben. Mein Vater hatte an diesem Tag Geburtstag“, erzählt Jeanette Hoffmann. Die Inhaber des Lebensmittelladens hatten dem Paar während des NS-Terrors Essen gebracht.
Trotz der Nachricht über den Tod ihres Mannes ging Erna Hoffmann zum Laden. Als die Verkäuferin sagte, dass ihr Mann bereits dagewesen war und um 13 Uhr wiederkommen werde, habe sie es erst nicht geglaubt. „Ein Jahr später bin ich geboren“, sagt Jeanette Hoffmann. Mit Ruth Dattel und Ilse Arndt, die ebenfalls den Block 10 in Auschwitz überlebten, sei Erna Hoffmann bis an ihr Lebensende zusammengeblieben.
Für den ZweitZeugen-Nachmittag erzählt Jeanette Hoffmann die Geschichte ihrer Mutter Erna am Gutenberg-Gymnasium und zeigt Fotos. 9. November, 16 Uhr in der Aula, Gutenbergstraße 2-6. (rag)

