Ein Jahr haben Marcella Venghaus, Jonas Boehnke und Andreas Nagel Zeit, um ihre Bekanntheit zu steigern. Ihre Aussichten erscheinen gering.
Landtagswahl 2027SPD Rhein-Erft setzt auf unverbrauchte Gesichter


Die drei Kandidaten der SPD für die Landtagswahl 2027 freuen sich zusammen mit dem Kreisvorsitzenden Helge Herrwegen (r.) über das Votum der Delegierten: Jonas Boehnke, Marcella Venghaus und Andreas Nagel (von l.).
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Andreas Nagel hat den Altersdurchschnitt gehörig nach oben getrieben: Mit seinen 37 Jahren war der Kerpener vor Wochenfrist als ältester der drei SPD-Landtagskandidaten von der Parteibasis gewählt worden. Marcella Venghaus aus Brühl ist 31, der Bedburger Jonas Boehnke 29 Jahre alt. Mit einem Altersdurchschnitt von 32 Jahren (für die Mathematiker: 32,2) zeigt sich gleichwohl, dass die Sozialdemokraten mit einem ungewöhnlich jungen Team in die Wahl im April 2027 gehen.
Das muss nicht grundsätzlich ein Nachteil sein. Als die Pulheimerin CDU-Politikerin Romina Plonsker 2017 erstmalig ins Landesparlament gewählt wurde, war sie wie Venghaus jetzt 31 Jahre alt. Mit 33 Jahren schaffte Thomas Okos (Frechen) vor vier Jahren erstmalig den Sprung nach Düsseldorf. Auch erst 35 war der älteste der drei aktuellen CDU-Abgeordneten, als er 2010 das Direktmandat holte. Heute ist der Brühler Gregor Golland mit 51 Jahren fast schon so etwas wie das Urgestein unter den Landtagsabgeordneten aus dem Rhein-Erft-Kreis.
Rhein-Erft-Kreis: SPD-Kandidaten haben nichts zu verlieren
Das Trio setzte sich 2022 gegen drei deutlich arriviertere SPD-Bewerber als die nun Kandidierenden durch – allen voran Daniel Dobbelstein: Der Kerpener lenkte damals als Vorsitzender die Geschicke seiner Partei im Rhein-Erft-Kreis – und dennoch unterlag er dem Neuling Okos. Was für Venghaus, Boehnke und Nagel nichts anderes bedeuten kann, als dass sie in einem Jahr nichts zu verlieren haben.
Einer Umfrage in dieser Woche zufolge gehen die Sozialdemokraten ohnehin als krasse Außenseiter in die Wahl – und das in einem Bundesland, in dem sie jahrzehntelang die Politik dominierten und Ministerpräsidenten wie Rau, Steinbrück und Clement stellte. Zuletzt stand Hannelore Kraft einer Landesregierung vor: 2017 – das ist gerade mal neun Jahre her.
NRW: AfD kommt in aktueller Umfrage auf 20 Prozent
Mit nur noch 14 Prozent Zustimmung im NRW-Check im Auftrag von 38 nordrhein-westfälischen Tageszeitungen ist die SPD so weit von einem Wahlsieg entfernt, wie der FC in dieser Saison von einer Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb (auch wenn unerschütterliche Optimisten das anders sehen mögen). Mehr noch: Hinter der – allerdings ebenfalls schwächelnden CDU – rangieren die Sozialdemokraten in ihrem einstigen Stammland nur noch an vierter Stelle.
Davor liegen mit 17 Prozent die Grünen, denen das Mitregieren mal keine Stimmen kostet, und auch die AfD. Die konnte laut Umfrage ihr Ergebnis von 2022 vervierfachen: von 5,4 auf jetzt 20 Prozent.
Zugegeben, ein Jahr kann in der Politik lang sein, da kann noch viel passieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die SPD davon profitieren könnte, scheint jedoch nicht allzu groß. Die Unzufriedenheit mit der Großen Koalition wächst angesichts ungebremst steigender Lebenshaltungskosten, anstehender Reformen wie im Gesundheitssystem und unübersehbarer Differenzen zwischen den Koalitionspartnern.
Daher ist es Venghaus, Boehnke und Nagel – und allen anderen, die sich in einen solchen politischen Wettstreit begeben – hoch anzurechnen, dass sie in den kommenden zwölf Monaten einen erheblichen Teil ihrer Freizeit dafür opfern werden, für ihre Vorstellungen und das Programm ihrer Partei zu werben. Wer nur deshalb Politik macht, um sich sein eigenes Fortkommen zu sichern, sollte es von vorneherein sein lassen. Wählerinnen und Wähler haben ein feines Gespür dafür, wer für die Interessen der Bürger kämpft – und nicht um den eigenen Vorteil bedacht ist.
