Die Wesselinger Straße im Kölner Süden ist unscheinbar. Die Geschichten dahinter erfährt man im Getränkehandel und im Boxclub.
Rhein-Erft-Straßennamen in KölnAn der Wesselinger Straße in Sürth muss niemand dürsten

Gut einen halben Kilometer ist die Wesselinger Straße in Köln-Sürth lang.
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Dass viele Menschen aus dem Rhein-Erft-Kreis eine enge Beziehung zu Köln haben, ist ja nun hinlänglich bekannt. Die einen pendeln täglich in die Domstadt, weil sie dort arbeiten, andere verbringen dort ihre Freizeit – im Zoo, am Rhein oder genießen kulturelle Highlights in den Museen und Konzerthäusern. Und alle zwischen Wesseling und Bedburg drücken dem FC die Daumen. Ach ja, und ein gepflegtes Glas Kölsch schmeckt in Köln ohnehin am besten.
Auf ihren Wegen dorthin mag der eine oder andere über etwas Vertrautes stolpern: Straßenschilder, die die Namen von Städten aus dem Rhein-Erft-Kreis tragen. Acht Straßen in Köln verdanken ihnen ihren Namen, nur Bedburg und Erftstadt fehlen – immerhin aber gibt es die Liblarer Straße, die Lechenicher Straße oder den Köttinger Weg. Wir haben uns auf den Weg gemacht und geschaut, was sich hinter den Straßennamen verbirgt, wer dort lebt und arbeitet. Unser fünfter Abstecher führt uns zur Wesselinger Straße nach Sürth:

Ein Getränkehandel, der alle Geschmäcker bedient.
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Reissdorf, Gaffel, Früh, Päffgen, Bayreuther Hell, Paulaner Spezi, Gerolsteiner, Fanta. Es türmen sich die Getränkekisten. Ein Golden-Retriever-Besitzer bezahlt ein Zehnliterfass Reissdorf, Fritz-Mix-Limonade, einen geliehenen Kühlschrank und Gläser. Ob etwas übriggeblieben wäre? Nein, alles sei gut weggegangen. „Mit Kärtchen?“, die Kasse piept, Manuela Kilic verabschiedet den Kunden und zieht genüsslich an ihrer Zigarette.
Seit sechs Jahren arbeitet sie im Wesselinger Weg beim Sürther Getränkemarkt, einem Betrieb, den sie gemeinsam mit ihrem Mann Coskun Kilic führt. Vorher waren die Kilics in einem anderen Teil von Sürth, doch Coskun Kilic hat sich schon mit 18 Jahren im Getränkehandel selbstständig gemacht.
Es sei derzeit nicht leicht, an gutes Personal zu kommen
Seit 2016 ist ihr Getränkegroßhandel in der Wesselinger Straße in riesigen Hallen zu finden. Dort, wo früher ein Ölhandel gewesen ist. „Man sieht noch die alten Ölabläufe. Tagelang haben wir hier geschrubbt, um das Öl vom Boden zu entfernen“, erzählt Kilic und trinkt eine neue Wasser-mit-Geschmack-Sorte, die ihr besonders gut schmeckt.
Ihr Mitarbeiter Sascha König hat beim Schrubben geholfen, schließlich gehöre er schon immer zum Betrieb. Einer, der bleibt. Denn leicht sei es derzeit nicht, an Personal zu kommen. Dabei ist viel los, immer wieder klingelt das Telefon oder ein Kunde kommt, bringt Leergut zurück oder gibt eine Bestellung auf. „Wir haben hier den Handel, aber beliefern auch Gaststätten. Auch das Sürther Bootshaus, bevor es abgebrannt ist“, sagt Kilic.

Zwischen Getränkehandel und Boxclub: modernes Wohnen an der Wesselinger Straße.
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Man helfe hier einander in Sürth und kenne sich. In diesem Sinne wird so manches von den Kilics auch mal verliehen, so auch die Bagagewagen für die Kamellen: „An Karneval ist hier Ausnahmezustand“, lacht Kilic, „unser Kühlhaus ist dann brechend voll, ich will nicht wissen, wie viel Liter Kölsch hier aus dem Lager gehen.“ Vor allem, wenn der Karnevalszug über die Wesselinger Straße zieht, ist der Sürther Betrieb eine prima Anlaufstelle.
So hat der trinkfreudige Karnevalist im Getränkemarkt zwischen meterhohen Bier- und Limonadenkästen nur noch die Qual der Wahl. Hat man sich einmal zwischen den Getränketürmen herausgekämpft, gelangt man nach einigen Metern entlang der Wesselinger Straße zu einem unscheinbaren Box- und Fitnessstudio, das vielen Sürtherinnen und Sürthern ein Begriff ist. „Hier kommen alle hin. Anwälte, Straßenbauer, Jugendliche. Männer gleichermaßen wie Frauen“, sagt Diana Yazici-Neubert.
Die Wände sind mit allerlei Flaggen ausgekleidet
Seit drei Jahren leitet sie mit ihrem Mann Atilla Yazici das Studio, das gleichermaßen ein eingetragener Verein ist. Doch warum liegt der Fokus ausgerechnet auf dem Boxsport? „Mein Mann boxt seit seinem fünften Lebensjahr. Ich selbst hab schon immer gerne Sport getrieben. Über ihn bin ich damals auch mit dem Boxen in Berührung gekommen“, erzählt Yazici-Neubert. Am Wochenende gebe es neben dem normalen Betrieb an den Fitnessgeräten Sparringstreffen, also Boxkämpfe ohne Bewertung.
Und während die rhythmische Musik aus den Boxen tönt, läuft Diana Yazici-Neubert durch die Räume bis in den hinteren Teil, wo sich der Boxring befindet. Die Wände sind mit allerlei Flaggen ausgekleidet, Boxsäcke, Medizinbälle und Handschuhe liegen auf den Matten. „Besonders Kinder und Jugendliche sind mir wichtig“, sagt Diana Yazici-Neubert. Sie beobachte unter den Kindern und Jugendlichen, dass sie „weniger Biss, weniger Ehrgeiz“ hätten als früher.

Diana Yazici-Neubert im Boxring vom Studio „Atis Box Gym e.V.",
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Sie erzählt von Helikoptereltern, Kinderschicksalen, dem Schulsystem. „Manche Kinder, die auf die Oberschule gehen, können nicht mal die Uhr lesen“, ergänzt sie. Daher sei es Yazici-Neubert ein besonderes Anliegen wenigstens hier im Studio auch sozial schwächeren Kindern und Jugendlichen ein paar Dinge mit auf den Weg zu geben. „Wenn die mir erzählen, sie wollen Boxprofi werden, sag‘ ich ihnen, dass sie die Schule und Bildung trotzdem als Standbein brauchen, falls es mit dem Boxen nicht klappt.“
In der Wesselinger Straße ist Diana Yazici-Neubert mit verschiedensten Schichten umgeben, doch im Boxring sollen alle gleich sein und Eingliederung und Zusammenhalt über den Sport finden. „Am Ende geht es doch auch darum, mal abzuschalten und nur was für sich zu tun“, ergänzt sie. Und immerhin ist das manchen Kids und Jugendlichen hier möglich.
Man kann sich vorstellen, wie sie nach einer Boxeinheit aufgeheizt und verschwitzt aus dem Studio kommen, sich einen Durstlöscher bei Netto nebenan holen und dann mit dem Rad die Wesselinger Straße herunterdüsen.
