Die Sonderausstellung „Ungehört“ zum Schicksal der Frauen während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist ab März zu sehen.
Flucht und VertreibungHaus Schlesien in Königswinter gibt Frauen nach 80 Jahren eine Stimme

Haus Schlesien in Heisterbacherrott
Copyright: Ralf Klodt
Während und nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem Frauen – Mütter und Großmütter, Töchter, Schwestern und Tanten –, die ihre Familien durchbringen mussten. Die sich um Haus, Hof und Betrieb kümmerten. Die sich zusammen mit Kindern und Alten auf die Flucht begaben, den Gewalttaten der Rotarmisten ausgeliefert waren, aus ihren Dörfern und Städten vertrieben wurden.
Wanderausstellung zu Flucht, Vertreibung und Integration
Die Männer waren bei der Wehrmacht, kämpften an der Front oder wurden im Volkssturm eingesetzt. Und auch den Neuanfang mussten viele Frauen alleine bewältigen, da ihre Väter, Männer und Söhne gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft waren. Ausstellung nimmt auch Kinder und Enkel in den Blick. Mit dem, was sie erlebt und erlitten haben, mussten sie weitgehend alleine zurechtkommen: Denn sowohl während dieser Zeit als auch danach mussten sie vor allem „funktionieren“, mussten nicht nur für ihre Kinder und Familien sorgen, sondern, nicht selten auch auf sich alleine gestellt, aus dem Nichts eine neue Existenz aufbauen.
Vielen fiel es schwer, über das Erlebte zu sprechen, andere erzählten so oft davon, bis sie keine Zuhörer mehr fanden – in den Herausforderungen des alltäglichen Überlebens blieben ihre Geschichten weitgehend ungehört. Rund 80 Jahre später schenkt die vom Haus des deutschen Ostens in München konzipierte Wanderausstellung „Ungehört – die Geschichte der Frauen: Flucht, Vertreibung, Integration“ diesen Frauen Gehör.
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Ab Sonntag, 8. März, ist die Ausstellung im Haus Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott zu sehen. Sechs Frauen aus den einstigen deutschen Ostgebieten, die den Zweiten Weltkrieg sowie Flucht und Vertreibung miterlebt haben, haben in ausführlichen Interviews von ihrem Leben vor, während und nach dieser Zeit erzählt. Die Frauen kommen aus Pommern, Ostpreußen, Oberschlesien, Mähren und der Batschka. Sie waren damals noch Kinder beziehungsweise Jugendliche, haben aber ihr Leben lang an den oft belastenden Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit zu tragen gehabt. Sie haben von ihren Erlebnissen in dieser Zeit berichtet, davon, was sie bei Flucht und Vertreibung durchgemacht haben, wie Ankommen und Aufnahme in der „neuen Heimat“ verliefen, was ihnen bei der Integration geholfen hat.
Nach der Flucht den Bomebenangriff auf Dresden erlebt
Es geht um Ehe- und Berufsleben, um Glauben, Engagement in den Vertriebenenverbänden und Landsmannschaften, um Erinnerungen und Heimatreisen. Letztere waren der 1936 in Gleiwitz geborenen Gertrud Müller ein besonderes Anliegen. Nach der Wende reiste sie häufig nach Oberschlesien, arrangierte Treffen mit der deutschen Minderheit, organisierte Begegnungen und leistete auch finanzielle Unterstützung. 1945 war sie mit ihrer Familie zunächst ins niederschlesische Gläserndorf geflohen, erlebte dann im Februar den Bombenangriff auf Dresden und kam schließlich in den Bayrischen Wald.

Das Plakat zur kommenden Ausstellung in Haus Schlesien.
Copyright: Haus Schlesien
Schon als junges Mädchen engagierte sie sich in der Oberschlesischen Jugend und in der Landsmannschaft und blieb trotz Familiengründung und Berufstätigkeit aktives Mitglied, war sogar knapp zwei Jahrzehnte Kreisvorsitzende. Ihr Lebensweg ist eine von sechs persönlichen Geschichten, mittels derer die Wanderausstellung von den Schicksalen und Erfahrungen, Verlusten und Leistungen von vielen Millionen Frauen erzählt.
Die Ausstellung präsentiert mit Text- und Bildtafeln die sechs Lebenswege und ordnet sie in den historischen Kontext ein. Sie zeigt dabei, welche Handlungs- und Mitgestaltungsräume sich für die geflüchteten und vertriebenen Frauen in Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur nach 1945 eröffneten und wie sie mit den psychischen Folgen sexualisierter Gewalt und ihren Erlebnissen während Flucht und Vertreibung umgegangen sind. Zudem nimmt sie die Kinder und Enkelkinder in den Blick und fragt nach den transgenerationalen Traumata der Vertreibung und Heimatlosigkeit.
Aus Köln nach Schlesien und schließlich nach Königswinter
Haus Schlesien ergänzt die Wanderausstellung um weitere Geschichten aus weiblicher Perspektive. Anhand von Fotos, Berichten und Exponaten aus der eigenen Sammlung werden zusätzlich einzelne schlesische Frauenschicksale veranschaulicht, teilte das Museum mit. Eine dieser Frauen war Agnes Hoffmann, die gebürtig aus Köln kommend 1941 den Schlesier Hans Hoffmann geheiratet hat, den sie zwei Jahre zuvor in München kennengelernt hatte und der bereits 1940 zum Wehrdienst eingezogen worden war.

Agnes Hoffmann (Foto von 1939).
Copyright: Haus Schlesien
1942 zog Agnes Hoffmann nach Halbau zur Familie ihres Mannes, dort kamen auch ihre beiden Töchter zur Welt. Im Februar 1945 musste sie ihre neue schlesische Heimat wieder verlassen: Mit ihrer Schwester und den beiden kleinen Kindern, die Jüngste war noch kein Jahr alt, floh sie über Rostock nach Sandesneben in Schleswig-Holstein, wo sie nach Kriegsende wieder mit Hans Hoffmann zusammentraf. Über Umwege gelangten sie 1946 nach Königswinter-Ittenbach, wo ihr Vater ein Haus besaß.
Haus Schlesien, Dokumentations- und Informationszentrum, Dollendorfer Straße 412, 53639 Königswinter, Telefon 02244/8860; Öffnungszeiten des Museums: mittwochs bis freitags, 10 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr. www.hausschlesien.de kultur@hausschlesien.de

