Die Schlangen an beiden Fährufern wachsen schnell an. Die Betriebszeiten wurden wegen der dramatischen Lage verlängert.
Bonner Nordbrücke gesperrtMit der Fähre in Mondorf über den Rhein

Rund 20 Autos kann die Fähre Christophorus pro Fahrt über den Rhein bringen.
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Das starre Ungetüm, das die Fähre einige Kilometer rheinabwärts freundlich grüßte, wie einen Kollegen, den man täglich sieht, mit dem man aber nie spricht, wirkt nun wie Hohn: Immer noch steht die Brücke dort, doch wenn sie nun auf der Fährfahrt vorüberzieht, blickt sie ins Angesicht derjenigen, die die Fähre nicht nutzen wollen, sondern müssen.
Eine wichtige Rheinquerung ist am Mittwochnachmittag urplötzlich weggefallen, als die Pendlerinnen und Pendler aus dem Rhein-Sieg-Kreis auf der Arbeit waren. Die Bonner Nordbrücke ist aufgrund von neu entdeckten Schäden binnen kürzester Zeit gesperrt worden. Wie lange? Das weiß keiner so genau. Der Rheinfähre zwischen Mondorf und Graurheindorf kommt so auf einmal eine viel größere Bedeutung zu.
Für uns war das natürlich auch eine totale Überraschung
Am Mittwochnachmittag, Stunde Null der Brückensperrung, reicht die Autoschlange am Mondorfer Rheinufer mehrere hundert Meter über die Provinzialstraße. Die Fährgesellschaft hat zwei Schiffe im Einsatz, das Personal arbeitet ohne Pause. „Drei Kollegen sind aus ihrem freien Tag gekommen, einer hat morgen die Frühschicht und arbeitet jetzt trotzdem bis abends“, sagt Fährführer Ansgar Stüben. „Für uns war das natürlich auch eine totale Überraschung. Mein Telefon steht nicht mehr still, weil ich viel organisieren und muss und das Bordtelefon auch nicht, weil die Kunden hier anrufen.“
Schon kurze Zeit nach der Sperrung wuchsen die Schlangen an beiden Fährufern, in Graurheindorf brauchen Autofahrerinnen und Autofahrer zweieinhalb Stunden, um auf eines der Schiffe zu gelangen. „Die große Fähre war eigentlich in der Werft. Ich habe da angerufen, damit sie die schnell fahrtüchtig machen. Seit 17 Uhr haben wir beide Fähren im Einsatz. Normalerweise dauert eine Fahrt hin und zurück zehn Minuten, heute beeilen wir uns“, schildert Stüben. Alle dreieinhalb Minuten legt eines der Schiffe, die große „Christophorus“ und die kleinere „Mondorf“, an einem der Ufer ab.

Fährführer Ansgar Stüben macht freiwillig Überstunden, um den Autofahrern zu helfen.
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Etwa 560 Fahrzeuge gelangen so pro Stunde über den Rhein – zum Vergleich: Über die Nordbrücke fuhren täglich im Durchschnitt 100.000 Autos und Lkw. Die Fährgesellschaft hat angesichts der dramatischen Lage kurzfristig die Betriebszeiten verlängert: „Heute machen wir bis 22 Uhr, am Feiertag und am Wochenende starten wir um 6.30 Uhr statt um 9 Uhr. Wir ziehen gemeinsam an einem Strang, um es den Kunden so angenehm wie möglich zu machen.“ Doch auch das Team gelange irgendwann an seine Grenzen.
Ein durchgehender Betrieb der Rheinfähre in Niederkassel rund um die Uhr ist nicht möglich
Ein 24-Stunden-Betrieb sei schon wegen des fehlenden Personals nicht möglich. „Auf jedem Schiff sind zwei Kassierer. Das kann man in einer Woche lernen, die Ausbildung zum Fährführer dauert dagegen ein Jahr. Im Sommer werden zwei Kollegen mit der Ausbildung fertig, das entlastet uns hoffentlich etwas.“ In jedem Fall aber wolle die Lux-Werft ab Montag zwei Fähren zwischen Mondorf und Graurheindorf einsetzen. „Wir haben halt nur drei Fahrzeuge auf zwei Strecken. Eines liegt immer hier im Mondorfer Hafen – für Fälle wie diesen. Das andere fährt zwischen Bad Godesberg und Niederdollendorf.“
Knapp verpasst hat die Fähre Uwe Schulze, er steht nun in der vordersten Reihe an der Rampe zum Wasser. „Eine Stunde habe ich hierhin gebraucht“, klagt er. Er müsse nach Bad Neuenahr zur Nachtschicht. „Ich arbeite jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten, manchmal muss ich nachts um halb 3 los. Keine Ahnung, wie die nächsten Wochen werden sollen. Ich überlege, eine Monatskarte für die Fähre zu kaufen.“ Der Rheidter hoffe, dass die Fährgesellschaft dauerhaft verlängerte Touren fahre. Für das Brückendrama hat er nicht viele Worte übrig. „Ich komme aus Köln, da gab es schon mehrere Katastrophen. Insofern schockt mich das nicht mehr. Es fügt sich harmonisch ins deutsche Gesamtbild ein“, sagt er lakonisch.
Einige Meter weiter wartet Pega Tabatabai-Beckers auf ihren Mann Andreas. Das Ehepaar hat mehrere Tankstellen gepachtet, sie arbeite in Rösrath, ihr Gatte an der Kölnstraße in Bornheim – Luftlinie nur wenige hundert Meter entfernt, aber das ist heute relativ. „Ich habe aus Rösrath schon anderthalb Stunden nach Hause gebraucht, weil alles dicht war“, sagt Tabatabai-Beckers. „Es ist fürchterlich: Baustellen über Baustellen, ich habe das Gefühl, wir entwickeln uns in Deutschland zurück.“
Auf Bonner Seite stauen sich die Autos, die mit der Rheinfähre nach Niederkassel übersetzen wollen
Dann taucht ihr Mann auf, breit lächelnd, weil endlich angekommen. Er hat das Auto in Graurheindorf stehen lassen und ist zu Fuß an der Schlange vorbeigegangen. „Viele haben umgedreht. Wenn ich gewusst hätte, dass vorne jede Menge Parkplätze frei sind, wäre ich einfach vorbei gefahren, Das Auto holen wir später, wenn sich der Verkehr beruhigt hat.“ Das Ehepaar wohne in Mondorf, das mache den Arbeitsweg mit dem Fahrrad möglich. „Vielleicht mache ich das kommende Woche, wenn das Wetter besser ist. Monatstickets haben wir eh“, sagt Beckers. Jetzt ist das Ehepaar erst mal froh, wieder zu Hause sein.
Am Abend leert sich das Fährufer in Mondorf, die Fähre legt gar nicht voll ausgelastet ab. Auf Bonner Seite dagegen reihen sich weiter die Autos, Scheinwerfer leuchten auf das Wasser. Spätestens am Montag, wenn das verlängerte Wochenende vorbei ist, wird es wohl umgekehrt sein, wenn der Berufsverkehr nach Bonn muss.

