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DiskussionTeilzeit ist bei Rhein-Sieg-Arbeitgebern kein Lifestyle-Thema

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Teilzeit ist bei Rhein-Sieg-Arbeitgebern kein Lifestyle-Thema. (Symbolbild)

Teilzeit ist bei Rhein-Sieg-Arbeitgebern kein Lifestyle-Thema. (Symbolbild)

Es gibt viele Gründe, in Teilzeit zu arbeiten. Lifestyle scheint eher selten, ergab eine Anfrage bei Unternehmen, Kliniken und öffentlicher Verwaltung.

Mit ihrer Forderung, den „Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ abzuschaffen, ist in den vergangenen Tagen die CDU-Mittelstandsvorsitzende und Staatssekretärin Gitta Connemann auf Kritik gestoßen. Der Begriff der „Lifestyle“-Teilzeit ist bei vielen Beschäftigten auf Entrüstung gestoßen. Wie sieht es in Unternehmen der Region aus? Welche Erfahrungen haben sie gemacht, und wie gestalten sie die Teilzeit?

„Die Reifenhäuser Gruppe steht Teilzeit-Arbeitsmodellen grundsätzlich offen und positiv gegenüber“, sagt Michael Kukla, Personalchef des Troisdorfer Maschinenbauunternehmens. Aktuell liegt demnach die Teilzeitquote bei 8,4 Prozent, für die Maschinenbaubranche nennt Kukla unter Berufung auf eine Untersuchung des Magazins Focus eine Durchschnittsquote von 4,6 Prozent.

Ein Mann im Anzug steht neben einer Maschine an einem Messestand.

Beim Troisdorfer Maschinenbauer Reifenhäuser – hier Geschäftsführer Ulrich Reifenhäuser bei der K 2022 in Düsseldorf – steht man der Teilzeit positiv gegenüber.

Den größten Anteil machten Kolleginnen aus, die ihre Arbeitszeit aufgrund familiärer Aufgaben reduzierten, so Kukla, insbesondere wegen der Kinderbetreuung. Teilzeitmodelle gebe es aber auch für Aus- und Weiterbildungen, beispielsweise für ein berufsbegleitendes Studium. Teilzeit wird bei Reifenhäuser zudem in den letzten Berufsjahren vor dem Ruhestand genutzt, wenn es beispielweise um Nachfolge- und Übergabemodelle geht. Inzwischen verzeichnet man bei Reifenhäuser auch erste Führungskräfte, die sich bewusst für Teilzeitmodelle entschieden.

„Wir beobachten keine sogenannten ‚Lifestyle-Teilzeiten‘“, heißt es in der Stellungnahme des Unternehmens, „sondern klare, begründete Bedarfe.“ Nicht alle Tätigkeiten seien gleichermaßen für Teilzeit geeignet – etwa in der Schichtarbeit der Produktion oder bei der Inbetriebnahme von Anlagen in aller Welt, wo nahtlose Abläufe erforderlich seien. Dann suche das Unternehmen nach alternativen Lösungen, etwa nach zusätzlicher zusammenhängender Freizeit zwischen den Einsätzen.

Mehr als 100 Arbeitszeitmodelle in der Siegburger Stadtverwaltung

„Wir haben grundsätzlich eine soziale Verantwortung“, sagt der Siegburger Bürgermeister Stefan Rosemann (SPD), angesprochen auf die jüngsten Äußerungen des Wirtschaftsflügels der CDU zur Teilzeit. In der Verwaltung der Kreisstadt gebe es bei rund 500 Beschäftigten mehr als 100 Arbeitszeitmodelle mit unterschiedlichen Arbeitszeiten und Regelungen für das Homeoffice.

„Dabei gibt es nicht nur Teilzeit, aber sehr viel“, sagt der Verwaltungschef. Man versuche stets, entsprechende Regelungen zu ermöglichen. „Viele Leute machen das aus purer Notwendigkeit. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand sagt, ‚ich habe keinen Bock, so viel zu arbeiten‘.“

Siegburgs Bürgermeister Stefan Rosemann (SPD)

Siegburgs Bürgermeister Stefan Rosemann (SPD)

Die Gründe für Teilzeitregelungen seien vielfältiger Natur, oft seien es Kinder, um die sich Elternteile kümmern müssten, oft pflegebedürftige Angehörige, sodass den Betroffenen gar keine andere Wahl als Teilzeit bleibe: Mitunter ist es auch die Gesundheit eines Beschäftigten. Er habe volles Verständnis dafür, wenn jemand nur 30 Stunden arbeite, weil er sein Kind um 15 Uhr aus der Kita holen müsse. „Hat Merz solche Erfahrungen persönlich gemacht?“, fragt Rosemann rhetorisch. „Offensichtlich nicht.“

In Troisdorfer Krankenhäusern können nicht nur Pflegekräfte in Teilzeit arbeiten

In den GFO-Kliniken Troisdorf könnten alle Beschäftigten grundsätzlich auch in Teilzeit arbeiten, beantwortet Sprecherin Eva Caroline Hensiek eine entsprechende Anfrage. Derzeit tut das etwa die Hälfte der 1272 Mitabeitenden an den beiden Standorten Troisdorf und Sieglar, mehrheitlich sind es die Arbeitnehmerinnen.

Ein weiteres Angebot des Arbeitgebers, der Gemeinnützigen Franziskanerinnen zu Olpe, ist das „GFO Flexteam“: Pflegekräfte und ärztliches Personal, aber auch Beschäftigte in den Funktionsabteilungen könnten daran teilnehmen. Pflegekräfte können dann erklären, wann und wie viel sie arbeiten möchten. „Im Gegenzug sind sie flexibler und werden auf unterschiedlichen Stationen eingesetzt“, erklärt die Sprecherin.

Ärztinnen und Ärzte aus der Anästhesie und der Inneren Medizin können so beispielsweise festlegen, ob sie Bereitschaftsdienst, Nacht- oder Wochenenddienst machen möchten. Bei der Dienstplanung werde dann festgelegt, ob sie an den GFO-Standorten in Troisdorf oder Bonn arbeiteten. Dazu haben die Troisdorfer Verantwortlichen eine Kooperation mit den GFO Kliniken Bonn geschlossen.

Im Caritasverband Rhein-Sieg schätzt man die leichtere Planung der Dienste

Beim Caritasverband und der angegliederten Haus Elisabeth Altenheim GmbH arbeiten exakt drei Viertel der insgesamt 744 Beschäftigten in Teilzeit. Ein Instrument, das die Einsatzplanung gerade in der ambulanten Pflege und in der Tagespflege deutlich erleichtert, wie Theresia Engel berichtet. „Teilzeitstellen von 50 bis 75 Prozent bieten sich aus unterschiedlichen Gründen an“, erklärt die Fachbereichsleitung Ambulante Pflege.

Eine Frau steht neben einem Auto hinter der geöffneten Fahrertür.

Theresia Engel, Fachbereichsleitung Ambulante Pflege im Caritasverband Rhein-Sieg.

So seien Vollzeitstellen häufig nur schwer auszulasten, da zum Tagesbeginn deutlich mehr zu Pflegende versorgt würden als um die Mittagszeit. Eine Situation, die auch Elvira Radziewski-Zurdel kennt. Die Leiterin des Behindertenwohnheims Haus Hildegard der Caritas in Niederkassel: „Die Frühdienste etwa, die in den Wohnhäusern für Menschen mit Behinderung manchmal nur von 6 bis 9 Uhr am Morgen gehen, wären für Vollzeitkräfte schwierig, weil sie so nur mit ergänzendem Teildienst auf ihre Stunden kämen.“ 

Fachkräfte kommen in Teilzeit früher aus Familienpausen zurück

Mit Teilzeitkolleginnen und -kollegen ließen sich auch Krankheitsausfälle leichter kompensieren, berichten die Caritas-Fachfrauen. Die Last des notwendigen Einspringens verteile sich auf mehr Schultern, für Teilzeitausfälle wegen Krankheit finde sich leichter eine Vertretung. Und, so Theresia Engel,  „viermal 50 Prozent ist leichter zu steuern als zweimal 100“. 

Als hilfreich in Zeiten des Fachkräftemangels sieht Kirsten Liebmann, Bereichsleitung Teilhabe und Beratung im Caritasverband Rhein-Sieg, die Option der Teilzeit: „Sie ermöglicht unseren Mitarbeitenden den viel schnelleren Wiedereinstieg nach einer Erziehungszeit.“

Bei Gilgen’s in Hennef wird die Stundenzahl flexibel festgelegt

Manuela Gilgen von der „Gilgen’s Bäckerei und Konditorei“ in Hennef setzt auf familienbewusste Personalpolitik. 44 Filialen gehören zum Unternehmen. „Rund 75 Prozent unserer Mitarbeitenden sind Frauen“, sagt sie. „Da gibt es viele unterschiedliche Arbeitszeitmodelle. Wir passen uns an, da können die Stunden flexibel rauf- und runtergesetzt werden.“ Das funktioniere in den Teams auch spontan, etwa zur Kinderbetreuung.

Ihr sei es im Grunde egal, ob Teil- oder Vollzeit gearbeitet werde, es müssten nur alle Stellen besetzt sein. Sie fürchte aber, dass bei einer Reduktion von Teilzeitmöglichkeiten der Fachkräftemangel in ihrer Branche größer werde, eben weil viele Frauen nur auf Teilzeit setzen könnten. Reduzierte Stundenzahl als Lifestyle sei ihr persönlich noch nicht untergekommen.