Buchhändlerinnen aus Rhein-Sieg berichten, welche Trends gerade besonders gut ankommen und was sie am Leseverhalten junger Menschen beobachten.
„Buch wird wieder zum Kultobjekt“Welttag des Buches – Buchhandlungen in Rhein-Sieg über Lesetrends

Lesen ist wieder beliebter, vor allem Genres wie Romantasy und Fantasy, die Eskapismus bieten, sind bei jüngeren Leserinnen und Lesern beliebt, beobachten Buchhändlerinnen aus Rhein-Sieg.
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William Shakespeare und Miguel de Cervantes sollen beide am 23. April gestorben sein, und in Katalonien wird am selben Datum traditionell „Sant Jordi“ gefeiert, an dem sich Menschen Bücher und Rosen schenken. Beides diente der Unesco als Inspiration, die den 23. April vor 31 Jahren als Welttag des Buches festgelegt hat. Die Bedeutung des Lesens von Büchern soll an diesem Tag gewürdigt und das Lesen gefördert werden. Welche Trends beobachten Buchhandlungen im Rhein-Sieg-Kreis aktuell? Werden Bücher wieder beliebter?
Sogenannte „Young Adult“-Romane verkaufen sich aktuell besonders gut, sagt Julia Bank von der Hennefer Buchhandlung am Markt: „Die typischen Romance-Geschichten und oft auch Romantasy, also Fantasy in Verbindung mit Liebesgeschichten“. In der Hennefer Buchhandlung gibt es mittlerweile eine eigene Ecke nur für diese Genres.

In der Buchhandlung am Markt in Hennef gibt es eine eigene Abteilung für YoungAdult und Romantasy-Literatur.
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Auch Paulina Löffelholz, Inhaberin der Buchhandlung Löffelholz in Neunkirchen-Seelscheid, beobachtet dieses Phänomen. Auf der Frankfurter Buchmesse gebe es nur für dieses Genre mittlerweile eine eigene Halle, erzählt die Buchhändlerin, „da stehen die Leute kilometerweise an. Und das kommt alles durch soziale Medien“.
Romance-, Fantasy-, Romantasy-Bücher entwickeln Fangemeinden auf Sozialen Medien
Auf Tiktok habe sich zum Beispiel ein regelrechter Hype um Romance-Geschichten entwickelt, erklärt Löffelholz. Nutzerinnen und Nutzer stellen hier Bücher vor, die sie gelesen haben; dieser Trend wird auch „Booktok“ genannt. Oft sind diese Videos sehr emotional und gehen schnell viral. Die Nutzer lesen ihre Lieblingsstellen vor, sprechen darüber, welche Gefühle ein Buch bei ihnen ausgelöst hat und teilen ihre persönlichen Ranglisten von Liebesgeschichten oder Figuren. Manche Autorinnen und Autoren wurden primär dadurch bekannt.
Insgesamt beobachtet Paulina Löffelholz derzeit, dass sowohl Jugendliche als auch Erwachsene beim Lesen vor allem nach Eskapismus streben, also lieber eine leichte Romanze oder Fantasiegeschichte lesen möchten als einen Polit-Thriller. „Es ist in diesen Zeiten ja auch absolut nachvollziehbar, dass die Menschen beim Lesen gerne die schwierige Welt um sich herum vergessen möchten.“
Junge Lesefans sammeln besonders gern limiterte Ausgaben
Oft gehe es primär jüngeren Kundinnen und Kunden auch um limitierte Ausgaben mit besonderer Gestaltung und Ausstattung, so Löffelholz. Auch sie habe dadurch schon Kundschaft aus weit entfernten Teilen Deutschlands in der Neunkirchener Buchhandlung empfangen. „Teilweise klappern die Leute Buchhandlungen im ganzen Land ab, in der Hoffnung, noch ein bestimmtes Exemplar zu ergattern.“ Eine spannende und auch schöne Entwicklung, findet Löffelholz: „Dadurch wird das Buch irgendwie wieder zum Kultobjekt gemacht.“
Generell habe sie den Eindruck, dass Kundinnen und Kunden den Besuch einer Buchhandlung auch heute sehr zu schätzen wissen, sagt Paulina Löffelholz. „Es ist ja schon vieles sehr anonym geworden. Und was gibt mir das denn, wenn ich mir online ein Buch bestelle, das mir vielleicht irgendein Algorithmus vorgeschlagen hat?“ Viele würden das Stöbern und den spontanen Austausch in der Buchhandlung schätzen.
Ähnliches beobachtet auch Julia Bank in der Hennefer Buchhandlung am Markt. „Das ganze Drumherum, das gehört für viele Leute einfach dazu: Dass man in einem Laden steht, wo man alles anschauen und anfassen kann und in Kontakt kommen kann“, sagt Bank. „Wir bekommen oft gesagt: Ach, das ist schön hier, und es riecht so gut“.
Buchhändlerinnen beobachten sinkende Lesekompetenz bei Schülern
Julia Bank organisiert zum Tag des Buches jedes Jahr Aktionen für vierte und fünfte Klassen aus Hennefer Schulen. Über einen Zeitraum von vier Wochen kommen beinahe 500 Schülerinnen und Schüler in die Buchhandlung, es gibt eine Schnitzeljagd mit Rätseln. Das Wichtigste sei für sie, mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zukommen: Was lesen sie gerne und was nicht, was bedeutet das Lesen für sie?
Sie erlebe die Klassen dabei sehr unterschiedlich, sagt Julia Bank. Auf die Frage, wer überhaupt gerne liest, würden sich durchaus viele melden; es gebe aber auch immer wieder Kinder, die sehr wenig Zugang zum Lesen haben. „Ich habe im letzten Jahr festgestellt, dass Kinder teilweise nicht mehr so flüssig lesen können“, beobachtet die Buchhändlerin.
Besondere Schulklassenaktionen zum Welttag des Buches
„Da gibt es aber große Unterschiede.“ Manche läsen auch mit zehn Jahren schon zum dritten Mal schwierige und anspruchsvolle Bücher wie »Der kleine Hobbit«. Vor allem bei Jungs lasse das Lesen im Teenageralter eher nach. „Es gibt allerdings auch wieder viele Jugendliche, die das Lesen als Hobby so richtig hochhalten“, so Bank.
Auch die Buchhandlung Löffelholz lädt um den Tag des Buches herum über einen Zeitraum von etwa einem Monat immer wieder Schulklassen der Jahrgangsstufen fünf und sechs ein. Hier lösen die Schülerinnen und Schüler ebenfalls bei einer Schnitzeljagd Rätsel und beantworten Schätzfragen, zum Beispiel: Was ist das größte Buch, das es gibt, was das kleinste? Wie viel Geschenkpapier verbraucht eine Buchhandlung im Jahr?

Paulina Löffelholz beobachtet, dass bei vielen Kindern die Lesekompetenz sinkt.
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Auch über KI und was diese auf dem Buchmarkt verändert, spreche sie viel mit Schülerinnen und Schülern, so Löffelholz. Offiziell sei der 23. April nicht nur Tag des Buches, sondern auch des Urheberrechts. „Die Kinder selbst wachsen ja mit dem Thema auf und nutzen KI teilweise auch schon für ihre Referate“, so Paulina Löffelholz. Mittlerweile gebe es auch viele Kinder-Sachbücher zum Thema, „was ich sehr wichtig finde, damit die Kinder auch wissen, womit sie es da zu tun haben.“
Es gibt immer wieder Kinder, die keine Bücher zu Hause haben.
Zum Welttag des Buches erhalten die Kinder außerdem in den beiden Buchhandlungen und vielen weiteren ein Gratis-Buch von der Initiative „Ich schenk dir eine Geschichte“. Dieses Jahr heißt das Buch „Der fliegende Klassenscooter“. Ein wichtiges Projekt für die Leseförderung, findet Paulina Löffelholz. Oft frage sie die Schulklassen zu Beginn ihres Besuchs, wer schon einmal in einer Buchhandlung war; „und es gibt immer wieder Kinder, die sich nicht melden und auch keine Bücher zu Hause haben“, so Löffelholz. „Dann schenken wir denen ein Buch und die sind völlig von den Socken.“
Ungeschlagenes Lieblingsgenre von Kindern sei Fantasy; auch Comics, Graphic-Novels und Mangas seien bei jungem Publikum seit vielen Jahren angesagt. „Generell sind Kinder nicht mehr ganz so lesekompetent“, stellt die Buchhändlerin fest. Viele würden beispielsweise vor dicken Büchern zurückschrecken und Bücher mit vielen Bildern bevorzugen – das könne an sozialen Medien liegen, die die Aufmerksamkeitsspanne immer mehr verringern. Auch an den Büchern „Ich schenk dir eine Geschichte“ sehe sie eine Veränderung, sagt Paulina Löffelholz: „Vor 15 Jahren waren die noch sehr textlastig, mittlerweile sind super viele Bildchen drin“.
