Wird sich auf Bewerbungen zurückgemeldet? Arbeitssuchende und eine Wirtschaftspsychologin berichten über die Hürden bei der Berufssuche.
Ghosting in der JobweltDiese Probleme haben Arbeitssuchende in Rhein-Sieg bei Bewerbungen

Egal ob beim Dating oder auf Arbeitssuche: Ghosting ist für Betroffene verunsichernd und frustrierend
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Man tippt und tippt und dann – Funkstille, keine Antwort. Was im Onlinedating nicht selten für Frust sorgt, scheint auch im Berufsleben häufiger aufzufallen. Ghosting (ghost= engl. Geist) beschreibt einen plötzlichen Kontaktabbruch, wenn eine Person ohne Erklärung nicht mehr auf Anrufe oder Textnachrichten reagiert, also zu einem Geist im Leben der ignorierten Person wird.
Professorin Cristina Massen unterrichtet Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Bonn-Rhein Sieg und zeigt auf: „In einer Umfrage von 2021 haben 77 Prozent der Befragten angegeben, bereits Erfahrungen mit Ghosting durch einen Arbeitgeber gemacht zu haben.“ Die Umfrage, auf die sich Massen bezieht, ist von der international tätigen Jobbörse „Indeed“ durchgeführt worden. Die Befragung fand im US-Amerikanischen Raum statt, sei aber auch auf unsere Region anwendbar.
Im Rhein-Sieg-Kreis sieht die Lage am Arbeitsmarkt derzeit vergleichsweise gut aus: Nach Angaben von Stefan Krause, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg, haben die Unternehmen der Region wieder mehr freie Stellen gemeldet. Laut dem jüngsten Arbeitsmarktbericht (Stand Ende Mai 2026) sinkt der Bestand der von Unternehmen und Behörden bei der Agentur gemeldeten offenen Stellen gegenüber April zwar leicht um 0,7 Prozent auf 5026. Er steigt demnach aber deutlich um fast 18 Prozent im Vergleich zum Mai 2025.
Arbeitssuchende aus der Region berichten von ihren Erfahrungen
Mike Hoppe, 20, ist aktuell auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle im Bereich Gebäude und Elektrotechnik im Raum Siegburg/Bonn. „Von über 30 Bewerbungen haben 18 sich nie zurückgemeldet“, berichtet Hoppe. Seit Ende Februar schaue er nach einer passenden Ausbildungsstelle. „Wenn ich ein Nein zurückbekäme, könnte ich wenigstens irgendwelche Schlüsse für mich daraus ziehen. Man braucht einfach eine Antwort, mit der man arbeiten kann.“
„Vor allem frustrierend ist es, wenn bereits ein Bewerbungsgespräch stattgefunden hat. Wenn dann nichts kommt, kann einen das tagelang beschäftigen, da man schon Hoffnung bekommen hat“, schildert Michel Rohrbach, 26, der seit über einem Jahr nach einer Anstellung im Bereich Informatik und Web-Entwicklung im Kölner Raum sucht.
Das Problem auf Seiten der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber
Ghosting scheint jedoch nicht nur auf Seiten der Arbeitssuchenden aufzutreten. Gemäß einer Indeed-Umfrage haben sich auch 48 Prozent der Bewerbenden nach der ersten Kontaktaufnahme zum Unternehmen nicht mehr zurückgemeldet.
Bei der Agentur für Arbeit Bonn ginge zwar gelegentlich die Rückmeldung ein, dass Arbeitssuchende auf Bewerbungen keine Antworten erhielten, jedoch seien dies eher Einzelfälle, sagte die Pressesprecherin Susanne Wagner.
Auch auf Seiten der Arbeitgeberinnen und -geber sei das Problem des Ghostings durch Jobsuchende grundsätzlich bekannt, könne allerdings genauso wenig beziffert werden. „Gerade bei größeren Unternehmen läuft das Bewerbungsverfahren meist standardisiert und IT-gestützt ab, andere Betriebe bieten aufgrund des Fachkräftemangels sehr niedrigschwellige Bewerbungszugänge über Kontaktformulare und WhatsApp an, um die Kontaktaufnahme aktiv zu erleichtern“, berichtete die Pressesprecherin.
Automatische Prozesse und KI spielen eine größere Rolle
Cristina Massen sieht in genau diesen automatisierten Abläufen eine Erklärung für das gehäufte Aufkommen des Ghostings. Da viele Bewerbungsabläufe mittlerweile KI-gestützt liefen, gebe es eine größere Anonymität den Bewerbenden gegenüber. Die Verantwortung, eine Absage zu schreiben, sinke dadurch. Auch auf Seiten der Bewerbenden senke das Empfinden mit einer automatisierten KI zu kommunizieren das Pflichtgefühl, eine Antwort abzuschicken.

Wer glaubt mit einer KI zu kommunizieren, fühlt sich weniger verantwortlich auf Höflichkeit zu achten und abzusagen, wenn ein Jobinterview nicht wahrgenommen werden kann. (Symbolbild)
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Auf Anfrage bei der Telekom, die ihren Hauptsitz in Bonn hat, sagte ein Pressesprecher: „Ein Verhalten wie ‚Jobghosting‘ widerspricht unserem Selbstverständnis.“ Gerade deswegen setze das Unternehmen auf digitale Unterstützung und standardisierte Abläufe, die auch dabei unterstützen, Zeitverzögerungen zu vermeiden. Selbst habe das Unternehmen wenig relevante Erfahrungen durch Ghosting von Bewerbenden gemacht.
Neben den Folgen der Automatisierung zeigt die Psychologin auch andere Begründungen für das Phänomen auf: „Gegeben hat es so etwas immer schon. Jetzt, da es diesen Begriff des Ghostings gibt, erhält das Problem auch mehr Aufmerksamkeit.“ Auch die Pandemie wird in Fachliteratur oft als möglicher Grund des steigenden Ghostings durch Unternehmen angebracht: „Vielen Unternehmen ging es nach Covid schlecht. Es kamen mehr Bewerbende auf eine Stelle, sodass die Kommunikation bei allen abgelehnten Bewerbenden nicht geleistet werden konnte.“
Anna Bertsch, 27, schildert, dass sich bei ihrer jetzigen Bewerbungsphase die Quote der ghostenden Arbeitgeber in Grenzen hielte. Von 20 Bewerbungen haben sich laut Bertsch drei nicht zurückgemeldet. In ihrer letzten Bewerbungsphase 2022 habe das anders ausgesehen. „Circa die Hälfte hat damals nicht reagiert.“ Beworben habe sich die 27-Jährige beide Male auf Stellen in Vertrieb und Einkauf im Kölner Raum.
Was Ghosting über die Persönlichkeit sagen kann
Menschen, die ghosten, würden grundsätzlich bestimmte Eigenschaften mitbringen, ordnete Cristina Massen das Phänomen auf psychologischer Ebene ein. Generell seien Menschen bemüht, nach sozialen Normen zu handeln. Dazu gehöre das Absagen auf ein Bewerbungsschreiben oder eine Einladung eines Unternehmens auf jeden Fall dazu. Menschen mit geringer Selbstkontrolle oder FOMO (der Angst etwas zu verpassen bzw. der Angst, dass andere positivere Erlebnisse haben als man selbst) würden am ehesten zum Ghosten tendieren. Sie seien impulsiv und neigten dazu, viele Bewerbungsverfahren auf einmal am Laufen zu haben, da sie konstant auf der Suche nach etwas „Besserem“ seien.
Auch Menschen mit Persönlichkeitsmerkmalen der „dunklen Triade“ tendierten am ehesten zum Ghosten. „Die dunkle Triade“, erklärt die Psychologin, „bezeichnet die Persönlichkeitsmerkmale Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie, also Menschen mit einem übersteigertem Selbst sowie mangelnder Empathie.“
