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Black FridayBeraterteams in Siegburg und Eitorf helfen bei Kaufsucht

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Zum Black Friday wird Kaufsucht besonders zum Thema, Reklameschilder in der Siegburger Fußgängerzone

Zum Black Friday wird Kaufsucht besonders zum Thema, Reklameschilder in der Siegburger Fußgängerzone.

Rund um den Black Friday locken allerorten Schnäppchen und können für Suchtgefährdete zum Verhängnis werden. 

Black Friday: Da mögen die meisten an echte oder vermeintliche Schnäppchen denken. Bei den Suchtberaterinnen und Suchtberatern der Caritas Rhein-Sieg aber schrillen die Alarmglocken, wenn Einzel- und Onlinehandel die Kassen klingeln lassen: Kaufsucht ist ein Thema, das die Beratungsstellen in Siegburg, Eitorf, Rheinbach und Bornheim zunehmend beschäftigt.

Im Pressegespräch berichteten Anna Clasen, Teamleiterin Beratungsdienste, Suchtberater Benedict Wassong und Semesterpraktikantin Taisha Elfgen von beklemmenden Fallbeispielen. Wassong nannte den Fall eines 20 Jahre alten Betroffenen aus der Region, der für Bekleidung, vor allem für Schuhe, weitaus mehr ausgab, als er sich leisten konnte, bevorzugt bei Zalando und Amazon.

Selbstvorwürfe und Leidensdruck

Der Kauf am Smartphone sei dabei ein Verstärkungsmechanismus, gekauft werde deutlich unbewusster. „Dabei geht es mehr um den Prozess als um das Ergebnis, der Kauf ist nur der letzte Schritt“, so Wassong. Die gelieferten Kartons würden mitunter nicht einmal geöffnet, später gar verschenkt oder zurückgeschickt. „Das führt zu Selbstvorwürfen und Leidensdruck.“ Im Fall des jungen Suchtkranken hätten sicherlich eine Depression und eine Angststörung eine Rolle gespielt. „Ich muss nur stark genug sein, dann kriege ich das in den Griff“, das dächten viele Betroffene. Doch in Wirklichkeit sei dringend Hilfe nötig.      

Taisha Elfgen erwähnte eine Frau um die 60 Jahre, die drei volle Kleiderschränke gehabt und doch nicht gewusst habe, was sie anziehen sollte. Gleichzeitig sei sie „sozial extrem isoliert“ gewesen. Anna Clasen schilderte den Fall einer Frau, die so viele Tupperdosen und andere Haushaltsartikel kaufte, bis ihre „Wohnung aus allen Nähten platzte“.

Zum Black Friday wird Kaufsucht besonders zum Thema, Daniel Wassong, Anna Clasen und Taisha Elfgen vom Suchtberatungsteam der Caritas Rhein-Sieg

Benedict Wassong, Anna Clasen und Taisha Elfgen vom Suchtberatungsteam der Caritas Rhein-Sieg.

Einigkeit herrscht im Beratungsteam, dass die Kaufsucht auf lange zuvor in der Kindheit erlernte Belohnungsgewohnheiten zurückgehen kann, etwa mit Geld oder Süßigkeiten für gute Schulnoten. Ein Kauf könne kurzzeitig Adrenalin und Endorphine freisetzen, sodass auch Hormone eine Rolle spielen. „Glück und Freude wird sich erkauft“, beobachtet Taisha Elfgen, vor allem, wenn Menschen fehlten, um diese Bedürfnisse zu befriedigen.

„Viele Zusammenhänge sind aber noch nicht abschließend erforscht“, sagt Anna Clasen. Sie empfiehlt Betroffenen, Routinen zu hinterfragen und sich zu überlegen, „in welchen Gemütszuständen mache ich das?“ Eine fatale Rolle könnten auch soziale Medien spielen, vor allem, wenn die Kompetenz fehlt, damit umzugehen. Oft fehlten elementare Kenntnisse, etwa, wie man Newsletter zu Produkten abbestellen kann. Auch dabei kann die Beratung helfen.   

Keine Möglichkeit zur Abstinenz

Die Teamleiterin machte auf ein grundlegendes Problem aufmerksam: „Es gibt keine Möglichkeit zur Abstinenz.“ Während man auf Alkohol verzichten könne, gehe das beim Kaufen nicht. Helfen können Psychotherapeuten und stationäre Behandlungen: „Dann ist man wirklich aus allem raus.“ Ihr Team könne beraten und vermitteln, nicht aber behandeln, betont sie. Die Caritas bietet Suchtkranken, also auch bei Kaufsucht, eine Orientierungs- und Therapievorbereitungsgruppe sowie drei Nachsorgegruppen an.

Besonders wichtig sei, die Angehörigen mitzunehmen, denen Suchtprobleme als Erstes auffielen. Diese könnten aber auch Fehler machen, und eine Sucht stabilisieren, wenn sie etwa Schulden begleichen und die Betroffenen nicht mit den Konsequenzen einer Kaufsucht konfrontiert werden. Und die können hart sein, tief in die Verschuldung führen, bis zum Gerichtsvollzieher, der eines Tages vor der Tür steht. 

Indikatoren für eine ernsthafte Gefährdung könnten Reue und Schuldgefühle sein oder der Versuch, das Verhalten vor Angehörigen zu verheimlichen, schildert Wassong. Gerade letzteres sei typisch bei jeder Sucht, auch bei Alkohol etwa. „Das Wort Sucht macht das Thema sehr groß“, gibt Wassong aber zu bedenken. „Man muss bei sich keine Sucht diagnostizieren, um hierherzukommen.“ Eine Rückmeldung könne man auch anonym, telefonisch und online bekommen.    

Die Suchtberatung wird durch den Rhein-Sieg-Kreis gefördert. Offene Sprechstunden sind in Siegburg, Wilhelmstraße 155–157, mittwochs von 14 bis 16 Uhr, in Eitorf, Siegstraße 81, donnerstags von 12 bis 13 Uhr. Telefonisch sind die Beraterinnen und Berater unter 02241-1209 302 (Siegburg) und 02243–82003 erreichbar, online per Mail suchtberatung.siegburg@caritas-rhein-sieg.de und suchtberatung.eitorf@caritas-rhein-sieg.de.