Klaus Strack stellt Friedrich Merz' umstrittenen Ausspruch zum „Stadtbild“ in Frage – mit künstlerischen Mitteln und bestechender Beobachtungsgabe.
FotografieEin Siegburger sieht ganz andere Stadtbilder

„Schön wenn's Sommer ist“, Siegburg 2022
Copyright: Repro: Andreas Helfer
Auch wenn der Bundeskanzler ein paar Tage später zurückruderte: Die „Probleme im Stadtbild“ hatte er unmissverständlich auf Menschen bezogen, die seiner Wahrnehmung nach einen Migrationshintergrund haben. Womit er einigen Widerstand erregte, insbesondere bei Zeitgenossen, die ohne Vorurteile auskommen.
Für den Siegburger Fotografen und ehemaligen Kämmerer von Eitorf, Klaus Strack, war die Debatte Anlass, ein Buch aufzulegen: „Stadtbilder – ein fotografisches Lagebild an Rhein und Sieg“ ist der Titel, wobei nicht nur Raum für die Stadt, sondern auch für das Land ist. Strack zeigt sich als aufmerksamer, hellwacher und kritischer Beobachter, der viele Motive findet, die im Alltag schnell unterzugehen drohen.
Kontraste, Widersprüche und Pointen
Oft arbeitet er mit Kontrasten und Widerprüchen: Etwa wenn er eine obdachlose Person am Siegburger Markt zeigt, die sich an einem offensichtlich kühlen Maitag in eine Jacke mit Kapuze gehüllt hat und vor einem ausgedienten Kinderwagen sitzt, der wohl ihr ganzes Hab und Gut enthält, auch eine zusammengerollte Matratze. Daneben prangt auf einem Schaufenster der Aufdruck „Schön, wenn’s Sommer ist“.

„Verhaltensregeln 1 - Wer hat die Verantwortung“, Hennef 2026
Copyright: Andreas Helfer
Aus der Adventszeit stammt das Bild eines zusammengekauerten Obdachlosen, der traurig hinter seinem Sammelpappbecher sitzt. Daneben auf einem Schaufenster-Stick die Aufforderung „Santa, please stop here“. „Nationalstolz im Sonderangebot“ ist der Titel einer Aufnahme, die einen Ramschkorb mit Kunstblumen zeigt, in Schwarz-Rot-Gold, „Aktionsware“ zur Fußball-Europameisterschaft 2024, die zum Spottpreis von einem Euro zu haben ist.

„Zerrissenes Land“, aufgenommen in Neunkirchen Seelscheid 2025
Copyright: Andreas Helfer
In einem ausführlichen Begleittext ordnet Strack das Merz-Zitat ein, und man hat das Gefühl, dass sich seit dem Herbst 2025 nicht allzu viel geändert hat: „Die Welt war in Aufruhr, eine Zeit der unentwegenden Krisen angebrochen, von der gerade überstandenen Corona-Zeit, über den Ukraine-Krieg, den kaum mehr umkehrbaren Klimawandel mit all seinen Naturkatastrophen hin zum rasantesten technischen Wandel durch künstliche Intelligenz.“
Zu viele Krisen auf einmal, befindet der Fotograf, eine nervöse Republik habe sich auf die Suche nach einer bisher sicher geglaubten Zukunft gemacht. Und er fragt: „Was von der Stadtbild-Diskussion ist eigentlich sichtbar?“ Was sieht man vor Ort, was will man sehen oder nicht sehen? Die Forderung nach „Neuwalen“ an einer Betonwand findet jedenfalls Stracks Auge, eine triste Ecke mit einem Wohnwagen unter einer Autobahnbrücke oder eine völlig zerfetzte Deutschland-Fahne.

„Ungepflegt“, Ruppichteroth 2025
Copyright: Andreas Helfer
Oft haben seine Arbeiten eine Pointe: wie das Schild „Achtung Lebensgefahr auf dünnem Eis – das Betreten der Eisfläche ist verboten“ an einem von Hochwasser umspülten Baum oder ein buntes Windrad in einem schottergrauen Vorgarten. Ein Teenager mit einem Smartphone im Blick steht neben einer Reklame für ein Dating-Portal: „Wenn´s passt, haltet ihr Händchen statt Handys.“ Strack bringt aber auch Ästhetik, Bildkomposition und Strukturen ins Spiel, die er in Gärten und Architektur findet – oder in einer Reihe von Schlappen und Sportschuhen auf der Treppe eines Hauseingangs.
Der passionierte Wanderer Strack selbst beschreibt es so: „Der Schönheit des Gewöhnlichen, des Vertrauten habe ich meine Aufmerksamkeit geschenkt, Dinge gesehen, die man gerne übersieht.“ Das alles habe seinen Preis, die „Hergabe eines des wichtigsten Güter, die wir auf Erden haben, nämlich Zeit. Zeit unterwegs zu sein und sich Zeit zu nehmen, genauer hinzuschauen.“ Vielleicht sieht man dann ja auch etwas mehr als die vermeintlichen „Probleme im Stadtbild“ eines Friedrich Merz.
Der Fotoband „Stadtbilder – ein fotografisches Lagebild an Rhein und Sieg“ ist in kleiner Auflage erschienen und bei Klaus Strack per E-Mail erhältlich: klaus-strack@netcologne.de
