Seit Anfang des Jahres gibt es im Cineplex ein Strick-Kino. Viele kamen aus dem Rhein-Sieg-Kreis, um bei „Pretty Woman“ gemeinsam zu stricken.
Masche für MascheStrick-Kino in Siegburg bringt Jung und Alt zusammen

Die Schwestern Sylvia Müller (l.) und Claudia Möller sind mit ihrer Mutter Gisela Dietz zum Strick-Kino gekommen.
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Die Schwestern Sylvia Müller und Claudia Möller sitzen mit ihrer Mutter Gisela Dietz an einem Tisch im Foyer des Cineplex in Siegburg. Die Besonderheit: Vor ihnen stehen nicht nur zwei große Tüten mit Popcorn, sondern es liegen auch Stricknadeln und bunte Wolle auf dem Tisch.
In Kinosaal 3 beginnt gleich das Strick-Kino, gezeigt wird der Klassiker „Pretty Woman“. „Wir wollen das einfach mal ausprobieren und den Film noch mal auf einer großen Leinwand sehen“, sagt Sylvia Müller aus Neunkirchen-Seelscheid. Währenddessen möchten die drei Frauen Socken und einen Schal stricken. „Hoffentlich gibt es genug Licht“, sagt Gisela Dietz aus Asbach lachend. Sonst hätten die Socken nachher Löcher, scherzen die Töchter.
Man kann Masche für Masche beobachten, wie es immer mehr wird.
Die Schwestern stricken seit rund 40 Jahren, beide haben es von ihrer Mutter gelernt. „Das Stricken entspannt, und man sieht direkt das Ergebnis“, sagt Sylvia Müller begeistert. „Man kann Masche für Masche beobachten, wie es immer mehr wird“, ergänzt Claudia Möller aus Müllekoven.
Strick-Kino: Angebot variiert zwischen Klassikern und neueren Filmen
Der Strick-Kino-Trend komme ursprünglich aus Skandinavien, erläutert Daniela Naumann, Theaterleitung des Cinelux Siegburg. „Wir haben gedacht, dass wir es einfach mal probieren.“ Vorerst wird das Strick-Kino jeden dritten Sonntag im Monat stattfinden. Es sei noch schwer zu sagen, wie die Veranstaltung angenommen werde. „Wir haben ja gerade erst angefangen. Ich denke mal, dass es auch ein bisschen abhängig vom Film ist“, mutmaßt die Theaterleitung. Für „Pretty Woman“ wurden im Vorfeld 30 Karten verkauft.
Die Altersspanne sei breit, berichtet Naumann. Man merke, dass Stricken oder Häkeln auch bei Jüngeren im Trend sei. „Das Publikum ist überwiegend weiblich. Beim ersten Strick-Kino war, glaube ich, ein Herr dabei, der hat aber nur seine Frau begleitet und nicht gestrickt.“

Das Publikum im Strick-Kino ist bislang überwiegend weiblich.
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Das Filmangebot variiert zwischen neueren Filmen und Klassikern. „Wir haben uns halt überlegt, dass es sinnvoll wäre, wenn das Filme sind, denen man leicht folgen kann, weil man ja auch noch mit seinem Strickzeug so ein bisschen beschäftigt ist“, sagt Daniela Naumann. Zum Auftakt lief „Nur noch ein einziges Mal“, danach folgte „Der Medicus“. Mitte April wird die Komödie „Das große Los - 1 Insel, 40 Einwohner, 2 Betrüger“ gezeigt.
Siegburg: Viele Besucherinnen kommen mit der Familie
„Für uns ist das ein Häkel-Kino, wir drei sind Häkler“, sagt Besucherin Sybille Klockner. Den Film habe sie schon mindestens 20-mal gesehen, „aber ich liebe ihn“. Die Siegburgerin ist mit ihren beiden Töchtern gekommen, die in Troisdorf leben.

Sind nicht zum Stricken, sondern zum Häkeln gekommen (v.l.n.r.): Michelle Tsakiridis, Sybille Klockner und Aylin Klockner.
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Sie selbst häkle seit mehr als 60 Jahren, ihre Töchter Michelle Tsakiridis und Aylin Klockner haben sich das Häkeln mit Youtube-Videos beigebracht. Anstoß war bei Tsakiridis eine Häkel-AG in der sechsten Klasse. Der Troisdorferin gefalle vor allem die Vielfalt beim Häkeln, „man kann machen, was man möchte“. Doch auch das Drumherum mache Spaß: „Wolle kaufen, das ist schon eine Sucht“, schildert Sybille Klockner begeistert.
Zum Austausch: Kinosaal wird eine halbe Stunde vor Beginn geöffnet
Der Saal werde eine halbe Stunde vor Beginn des Films geöffnet, damit Interessierte die Möglichkeit hätten, sich auszutauschen, erklärt Daniela Naumann. Eva Steeger und ihre Mutter sitzen schon früh auf ihren Plätzen. Beide sind das erste Mal bei einem Strick-Kino.
„Ich hab es durch Zufall gesehen und dachte, das ist doch ein nettes Geburtstagsgeschenk für meine Mutter“, sagt die Seelscheiderin über den Anlass ihres Besuches. Steeger ist Anfängerin und strickt seit einem Dreivierteljahr. Ihr aktuelles Projekt: Socken. „Das ist auch das einzige, was ich kann ... und einen Schal, den kriege ich auch schon hin“, sagt sie lachend.
Yvonne Bilstein aus Troisdorf und Vivien Ecksmann aus Sankt Augustin sind ebenfalls das erste Mal beim Strick-Kino. Die beiden jungen Frauen verstärken die Häkel-Fraktion im Saal.

Vivien Ecksmann (l.) versucht sich heute an einem kleinen Portmonee. Yvonne Bilstein sucht noch nach Inspiration.
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Ecksmann häkelt seit zwei Jahren, Bilstein seit circa 16 Jahren. „Ich habe mit acht angefangen über meine Oma“, erzählt Bilstein.
Um nicht den Faden zu verlieren: Licht bleibt während des Films an
Beatrix Rutkowski und Marion Vieten gehören zu den wenigen, die schon öfter im Strick-Kino waren. Bislang haben sie keine Vorstellung verpasst. Die beiden Frauen kommen aus Sankt Augustin und haben sich auch die kommenden Termine des Strick-Kinos im Kalender geblockt. „Für uns ist der Film eigentlich immer zweitrangig. Aber ‚Pretty Woman‘ können wir mitspielen, da können wir alle Texte“, sagt Rutkowski.
Kurz bevor die Vorstellung beginnt, bittet ein Mitarbeiter um Aufmerksamkeit. Ob jemand schon einmal hier im Strick-Kino gewesen sei und eventuell eine Nadel verloren habe, fragt er. Besitzerin Marion Vieten meldet sich. „Ich kann gar nicht glauben, dass die echt aufgehoben wurde“, raunt sie und freut sich.
Langsam legt sich das Gemurmel im Kinosaal. Hier und da hört man das Rascheln der Popcorn-Tüten. Zu Beginn der Werbung haben schon alle mit dem Stricken oder Häkeln begonnen. Viele können den Blick fast dauerhaft auf die Leinwand richten, die Hände erledigen die Arbeit wie von selbst. Nach der Werbung erwartet man, dass langsam das Licht erlischt – doch das bleibt beim Strick-Kino natürlich eingeschaltet.

