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Vor zehn Jahren starb Rupert NeudeckWeltweite Hilfe nahm in Troisdorf ihren Anfang und geht bis heute weiter

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Krankenhaus Cap Anamur in den Nuba-Bergen im Sudan, Dr. Kathrin Baumgartner

Im Krankenhaus von Cap Anamur in den Nuba-Bergen im Sudan betreute Dr. Kathrin Baumgartner diese Frauen und ihre Babys.

Nach wie vor ist die Lage in einigen Ländern katastrophal, anderswo seien die Verhältnisse besser geworden, sagen die Helfenden.

Vor zehn Jahren ist Dr. Rupert Neudeck, Gründer des Komitees Cap Anamur/ Deutsche Not-Ärzte und der Grünhelme, am 31. Mai 2016 gestorben. Beide Organisationen sind nach wie vor aktiv, immer noch ist ihre Unterstützung für viele Menschen weltweit (über)-lebenswichtig: Wo die humanitäre Hilfe heute steht, ist Thema eines Gesprächs mit Bernd Göken und Yvonne Neudeck.

Vor fast 30 Jahren starteten Rupert Neudeck und das Komitee Cap Anamur /Deutsche Not-Ärzte ein Projekt im Sudan: In den Nuba-Bergen des ostafrikanischen Landes bauten die Helfer damals eine Klinik auf. Bernd Göken, inzwischen seit mehr als 20 Jahren Geschäftsführer des Komitee-Vereins, kommt gerade aus dem Sudan zurück. Wie die Situation dort heute ist, Jahrzehnte später? „Wir kommen hier gar nicht voran“, ist Gökens ernüchternde Antwort.

Das Krankenhaus sei größer als damals, es arbeiteten mehr Menschen dort. Aber: „Die Entwicklung drumherum ist katastrophal“. Es fehle am Druck von außen auf die Konfliktparteien. 

Projekte der Grünhelme: Mobile Zahnkliniken in Syrien, Bau von Schulen in Sierra Leone und Syrien

Ein Projekt der Grünhelme ist auch der Bau von Schulen im westafrikanischen Sierra Leone

Nach wie vor tobt im Sudan ein blutiger Bürgerkrieg. Kämpften vor 30 Jahren Milizen für eine Unabhängigkeit der Region gegen die Zentralregierung in Khartum, so liefern sich heute zwei verfeindete Generäle einen furchtbaren Kampf um die Macht in dem mittlerweile geteilten Land. In die ursprünglich von zwei Millionen Menschen bewohnten Nuba-Berge hat sich eine unbekannte Zahl von Menschen geflüchtet. Etwa drei bis dreieinhalb Millionen Menschen seien dort insgesamt von Hilfslieferungen abhängig, berichtet Göken.

Es gibt kein Gut und kein Böse
Bernd Göken zum Bürgerkrieg im Sudan

In einem Konflikt, an dem viele Parteien mehr oder weniger direkt beteiligt sind. Für die islamistischen "Rapid Support Forces" RSF fließt Unterstützung zum Beispiel aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die andere Seite wird aus Saudi-Arabien, Ägypten, Türkei und Iran unterstützt. Inzwischen werde der Krieg zunehmend mit Drohnen ausgefochten, berichtet Göken.

Bernd Göken, Geschäftsführer des Komitee Cap Anamur/ Deutsche Not-Ärzte, Christel Neudeck und Yvonne Neudeck.

Bernd Göken, Geschäftsführer des Komitee Cap Anamur/ Deutsche Not-Ärzte, Christel Neudeck und Yvonne Neudeck.

Mit bizarrem Hintergrund: Während die Drohnen-Crews der einen Seite von russischen Ausbildern geschult werden, liefern Ukrainer das Knowhow für die der anderen Seite. Häufig würden zunächst Fahrzeuge angegriffen, in einer zweiten Welle dann die Menschen, die an den Ort der ersten Explosion gekommen sind. Beide Seiten setzten Vergewaltigung als Waffe ein, weiß Bernd Göken. Und er betont: „Es gibt kein Gut und kein Böse.“

Von einem neuen Level des Krieges spricht auch Yvonne Neudeck, die als Koordinatorin der Grünhelme aus ihrer Bonner Wohnung – wie einst die Eltern aus Spich – humanitäre Hilfe weltweit organisiert. Das Friedenskorps, das Rupert und Christel Neudeck 2003 gründeten, unterhalte ein Projekt im Tschad an der Grenze zum Sudan, die regelmäßigen Drohnenangriffe im Nachbarland machten die Sicherheitslage auch diesseits der Grenze sehr prekär.

Nicht nur die Vielzahl der aktuellen und teils seit Jahren ausgetragenen Konflikte erschwert die Hilfe für Menschen in Not. Dass US-Präsident Trump das Hilfsprogramm US-Aid gestoppt hat, trifft die Helfenden in aller Welt; 40 Prozent der weltweit bislang bezahlten Hilfsgelder seien damit weggefallen, weiß Yvonne Neudeck. Viele NGOs treffe das massiv, weniger die Grünhelme oder Cap Anamur:  Beide Organisationen finanzieren sich ausschließlich über Spenden; die Unabhängigkeit von staatlichen Institutionen gehört quasi zur DNA.

„Wenn wir Geld haben, können wir los“, beschreibt diesen kurzen Weg der schnellen Abstimmung Yvonne Neudeck. Eine Tatsache, die Gründerin Christel Neudeck besonders freut: „Ihr seid unabhängig, braucht niemanden zu fragen“. Auch im Kontakt mit den Menschen vor Ort sei das ein Vorteil, betont Bernd Göken.„ Sie vertrauen uns. Wenn wir sagen, dass wir eine Schule bauen, dann tun wir das.“

Bereitschaft zum Spenden ist in Deutschland weiter sehr hoch

Indirekt trifft der Rückzug staatlicher Institutionen – und da seien die USA nicht allein, betonen Yvonne Neudeck und Göken – aber auch  die Arbeiter von Grünhelmen und Cap Anamur. „Es gibt eine Kettenreaktion“, sagt Yvonne Neudeck; wo sich Helfer zurückziehen, wird die Lage der Menschen  immer verzweifelter. Dabei versorgt das Klinik-Team in den Nuba-Bergen schon jetzt gemeinsam mit einer weiteren Klinik jährlich 200.000 bis 250.000 Patientinnen und Patienten.

Einen Lichtblick gibt es für beide Hilfsorganisationen, die unter anderem im Sudan, in Syrien, Sierra Leone oder Bangladesch engagiert sind: „Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist weiter sehr hoch“, freut sich Yvonne Neudeck. Und das, obwohl die Menschen weniger im Portemonnaie hätten. Das hilft zum Beispiel beim Wiederaufbau in Syrien: Drei Schulen konnten die Grünhelme wieder eröffnen, eine vierte, im Krieg weitgehend zerstört, wird derzeit wieder aufgebaut.

Projekte der Grünhelme: Mobile Zahnkliniken in Syrien, Bau von Schulen in Sierra Leone und Syrien

hier:die Abd al-Kader Bakkar-Schule im syrischen Sallumiya

Projekte der Grünhelme: Mobile Zahnkliniken in Syrien, Bau von Schulen in Sierra Leone und Syrien hier:die Abd al-Kader Bakkar-Schule im syrischen Sallumiya

Zuvor sind die Menschen in großer Zahl aus den Lagern im Libanon, wo die Grünhelme in den vergangenen Jahren aktiv waren, wieder in die syrische Heimat zurückgekehrt. Und „wir sind quasi mit den Leuten zurück nach Syrien“, erzählt Yvonne Neudeck.

Wie sie die Lage und Perspektiven für Syrien einschätzt? „Ich möchte optimistisch sein“, sagt die Tochter der Grünhelme-Gründer Christel und Rupert Neudeck. Allerdings sei die ganze Region „in so einem Schlamassel“, vor Syrerinnen und Syrern liege kein leichter Weg. Hinzu kämen neue Konflikte und Krisenherde, sind wieder zigtausende Menschen innerhalb des Libanon auf der Flucht. 

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Es gibt aber Länder, wo sich die Lage beruhigt und es den Menschen besser gehe, berichten Neudeck und Göken gleichermaßen: In Malawi beispielsweise, aber auch im westafrikanischen Sierra Leone, wo ebenfalls über viele Jahre Bürgerkrieg herrschte. An Schulen in Afghanistan, die von den Grünhelmen gebaut wurden, wird nach wie vor unterrichtet; auch eine Schule im Kongo steht noch. In Uganda baut Cap Anamur einen großen Bildungscampus, der auch Kindern mit Behinderung offensteht.

Ob ihr verstorbener Ehemann wohl stolz wäre auf die Arbeit der beiden Organisationen? „Da bin ich ganz sicher“, antwortet Christel Neudeck. Auch, wenn Nachrichten aus Krisenregionen wie dem Sudan heute nicht weniger schlimm sind als damals. „Wenn man so richtig Zahnschmerzen hat und jemand nimmt einem die, ist das mehr als nichts“, stellt sie mit Blick auf die mobilen Zahnarztpraxen fest, mit denen Ärzte der Grünhelme in Syrien bislang 100.000 Patientinnen und Patienten versorgt haben. Und sie ruft in Erinnerung, was Rupert Neudeck einmal zu Menschen in einem Projekt sagte: „Auch wenn wir weg sind, werdet ihr nicht vergessen, dass es einen Weg gibt.“

Das Komitee „Cap Anamur/ Deutsche Notärzte“ sowie die Grünhelme informieren online über die aktuellen und vergangenen Projekte und Hintergründe, Möglichkeiten des Engagements und der sonstigen Unterstützung.


Für Samstag, 30. Mai, hat die Gemeinschaft der Vietnamesen in Deutschland eine große Veranstaltung zum Gedenken an Rupert Neudeck in Troisdorf vorbereitet. Es gibt um 11.30 Uhr eine Gedenkmesse in der Kirche St. Mariä Himmelfahrt, um 15 Uhr beginnt die Feier an der Burg Wissen, wo ein Denkmal an Neudeck erinnert. Von 17 bis 22 Uhr sind musikalisch-kulturelle Beiträge angekündigt.