Die Initiative „Kurve kriegen“ unterstützt straffällige Jugendliche, wie Jana, die seit ihrem 14. Lebensjahr Ladendiebstähle beging.
„Ich muss ja dafür einstehen“Wie die 18-jährige Jana aus Troisdorf den Weg aus der Kriminalität findet

Im Park bei Burg Wissem trafen sich Markus Rieger und Jana oft, um ihre Zukunft zu besprechen.
Copyright: Marius Fuhrmann
Wenn Jugendliche straffällig werden, fällt das bei einmaligen Vergehen vielleicht noch unter Jugendsünden. Andere junge Menschen wiederum werden zu Intensivtätern. Die nordrhein-westfälische Initiative „Kurve kriegen“ soll verhindern, dass Jugendliche tiefer in die Kriminalität abrutschen. Die Polizei im Rhein-Sieg-Kreis nutzt das Programm seit fünf Jahren und hat in dieser Zeit mehr als 50 junge Menschen begleitet – darunter die 18-jährige Jana aus Troisdorf.
Das Team im Rhein-Sieg-Kreis besteht aus zwei Sozialpädagogen und zwei Polizeibeamten, jeweils einem Mann und einer Frau. Markus Rieger ist dieser Pädagoge, sein Kollege bei der Polizei heißt Jörg Seeger. Sie treffen Jana erneut, um mit ihr über ihren Weg zu sprechen.
18-jährige Jana ist vor allem durch Ladendiebstahl aufgefallen
Das Gespräch findet an der Burg Wissem statt, hier hat sich Jana oft mit Markus Rieger getroffen. Sie ist 18 Jahre alt und lebt in Troisdorf. Jana trägt eine Motorradjacke mit Aufnähern, hat ihre schwarzen Haare zum Zopf gebunden, die Spitzen ihrer langen Fingernägel rot lackiert. Sie bleibt lieber stehen, statt auf einer Bank Platz zu nehmen, raucht zwei Zigaretten. Sie hätte kein Problem damit, ihren Nachnamen und ihr Gesicht in der Zeitung zu sehen, schließlich stehe sie zu dem Mist, den sie gebaut habe. Doch der Sozialpädagoge und der Polizist raten ihr davon ab. Wer weiß, wer diesen Text liest, im Internet nach ihrem Namen sucht.

Sozialpädagoge Markus RIeger und Kriminalhauptkommissar Jörg Seeger halfen Jana dabei, die Kurve zu kriegen.
Copyright: Marius Fuhrmann
Vor vier Jahren war ihr Name vor allem dem Jugendamt und der Polizei bekannt, denn neben schulischen und familiären Problemen fiel sie durch Ladendiebstähle auf. Fünfmal wurde sie erwischt, wie sie Waren im Wert von bis zu 100 Euro einsteckte. Warum? „Weil ich dumm war“, antwortet Jana. Eine Anzeige gab es jedes Mal, sie resultierten in 35 Sozialstunden, die Jana auf einem Reiterhof ableistete. „Dort gehe ich eh reiten, es war also human.“ Doch das Risiko, erneut straffällig zu werden, mit viel schwerwiegenderen Konsequenzen, war nicht gebannt.
Initiative „Kurve kriegen“ will Intensivtäter verhindern
Die Initiative „Kurve kriegen“ gibt es seit 2011 und wird von der Landesregierung jährlich mit zehn Millionen Euro bezuschusst. Die Kreispolizei führte sie vor fünf Jahren ein. Seitdem begleitete sie 54 Teilnehmende, überwiegend Jungen. 23 Teilnehmende haben einen Migrationshintergrund. 36 Teilnehmende brachten das Programm erfolgreich zu Ende, die übrigen sind noch dabei. Abbrüche gab es bisher keine, allerdings wurden zwei Teilnehmende nach Abschluss dennoch zu Intensivtätern. Einer sitzt derzeit im Gefängnis: Es ist der 19-Jährige, der im Juli 2025 einen Troisdorfer Rettungssanitäter angegriffen hatte.
„Wir können dran bleiben, wenn andere Träger der Jugendhilfe längst abgebrochen hätten. Unser Prinzip sind zielgerichtete Maßnahmen – Injektionsnadel statt Gießkanne“, sagt Rieger. Auch die Zahl der Stunden sei anpassbar. Jedoch ende die Teilnahme mit Erreichen der Volljährigkeit. Für schwierige Fälle gebe es unabhängig von „Kurve kriegen“ das Intensivtäterprogramm.
Wir schauen nach, wie sich die Jugendlichen bei der Vorladung verhalten haben, welchen Eindruck sie hinterlassen haben und ob es Risikofaktoren gibt.
„Die erste Möglichkeit, einen Kandidaten oder eine Kandidatin für die Initiative zu finden, haben wir einmal im Monat, wenn wir das Anzeigensystem auswerten. Da schauen wir, wie viele Kinder und Jugendliche zwischen acht und 16 Jahren wir haben. Es melden sich auch das Jugendamt, die Schulleitung oder die Staatsanwaltschaft bei uns“, schildert Jörg Seeger. „Wir behandeln diese Fälle erst einmal anonymisiert. Wir schauen nach, wie sich die Jugendlichen bei der Vorladung verhalten haben, welchen Eindruck sie hinterlassen haben und ob es Risikofaktoren gibt.“
Jana passte ins Raster: Sie war 14 Jahre alt, war bereits straffällig geworden, stand kurz davor, auf eine Förderschule zu wechseln. „Die Klassenkonferenz der Gesamtschule hatte beschlossen, sie von der Schule zu verweisen. Hinzu kam die Situation zu Hause: Jana lebte bei ihrem Vater, der mit der Situation überfordert war, wie er auch selbst sagte. Zudem hatte er selbst schon mal Kontakt mit der Polizei.“ Die Teilnahme an der Initiative sei jedoch freiwillig – und Jana stimmte zu.
Wenn sie mir von neuen Straftaten berichtet hätte, hätte ich die nicht weitergeben dürfen.
So kam Markus Rieger, der Sozialpädagoge, ins Spiel. Er lernte Jana im Juni 2023 kennen. „Da geht es zunächst darum, Vertrauen aufzubauen und Sachen zu unternehmen. Wir waren zum Beispiel Eis essen oder sind am Wildpark von Burg Wissem spazierengegangen. Ich bin kein Freund davon, künstliche Settings aufzubauen, sondern gehe lieber dorthin, wo sich die Jugendlichen auch in ihrem Alltag aufhalten“, berichtet er. Wichtig sei für Jana gewesen, zu begreifen, dass der Sozialarbeiter kein verlängerter Arm der Polizei sei. „Wenn sie mir von neuen Straftaten berichtet hätte, hätte ich die nicht weitergeben dürfen.“ Die Polizei erfahre nur, ob es gut oder schlecht laufe.
„Das Vertrauen kam schnell, nach zwei oder drei Terminen. Wir haben über die Schule, die Situation zu Hause, Ziele und Wünsche für die Zukunft gesprochen“, schildert Jana. Auf das eigentliche Thema, die Diebstähle, seien sie irgendwann von selbst gekommen. „Ich muss ja dafür einstehen“, sagt sie selbstkritisch. „Es ging darum, die Situationen zu beleuchten, in denen die Straftaten geschahen, und ob es Momente gab, in denen sie wieder kurz davor war. Das Thema muss man immer wieder ansprechen, sonst vergessen die Jugendlichen es“, ergänzt Rieger.
„Kurve kriegen“ wurde zu Konstante für Jana
Gleichzeitig vermittelte er zwischen ihr und ihrem Vater. „Es war klar, dass es zwischen beiden ein Kommunikationsproblem gab, auch die Schule war immer wieder Streitpunkt. Ich habe sozusagen Übersetzer zwischen beiden gespielt, damit sich die Situation zu Hause stabilisiert.“ Nichtsdestoweniger wechselte Jana regelmäßig den Wohnort, lebte bei der Mutter, dann wieder beim Vater. „‚Kurve kriegen‘ war ihre Konstante“, sagt Jörg Seeger.
Für Jana waren die Treffen mit Markus Rieger ein Raum, in dem sie nicht nur ernst genommen wurde, sondern erstmals auch Wertschätzung erfuhr. Statt auf die Förderschule wechselte sie auf eine Berufsschule, ihre Noten hätten sich deutlich gebessert, sagt sie. „Da habe ich gemerkt: Ich bin gar nicht so dumm, wie alle sagten.“ Als sie ihr Zeugnis bekam, löste Rieger ein Versprechen ein: „Zur Belohnung sind wir ins Phantasialand gefahren.“
Jana beging erneut Ladendiebstahl, rief aber sofort „Kurve kriegen“ dazu
Rückschläge gab es dennoch: Anfang dieses Jahres hatte Jana ein Praktikum in einer Boutique gemacht – und wurde erneut beim Stehlen erwischt. „Das ist aber irgendwie normal: Wenn Leute direkt aufhören, Straftaten zu begehen, sobald sie ‚Kurve kriegen‘ beginnen, haben wir die falschen Teilnehmer ausgewählt“, sagt Rieger. Für ihn sei es ein Zeichen des Vertrauens gewesen, dass sie ihn direkt angerufen habe, als die Polizei hinzukam.
„Ich bin zu dem Geschäft gefahren und konnte mit den Polizisten sprechen. Es geht mir nicht darum, sie rauszuboxen, aber kann ihre Situation erklären – das gibt auch den Polizisten Sicherheit“, sagt er. Eine Anzeige bekam Jana trotzdem, diesmal musste sie 40 Sozialstunden ableisten. Den Gerichtstermin nahm sie ohne Begleitung wahr. „Wir haben durchaus die Möglichkeit, Empfehlungen an das Gericht zu geben, welche Strafe die richtige wäre. Wenn jemand Probleme in der Schule hat, hätte er mit Sozialstunden direkt die zweite Baustelle. Umgekehrt gibt es Fälle, in dem wir auch mal einen Arrest nahelegen – als Warnschuss zur richtigen Zeit“, sagt Seeger. „Normalerweise hätte Jana wohl eine Bewährungsstrafe bekommen, so war die Strafe geringer, und sie erhält keinen Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis.“
Es solle ihr letzter Diebstahl gewesen sein, hat sich die junge Frau geschworen, die zuversichtlich in die Zukunft blickt: „Die Berufsschule habe ich diesen Sommer abgeschlossen, ich würde gerne eine Ausbildung zur Gastronomiefachkraft machen – ein Praktikum in einem Café, das ich mal gemacht habe, hat mir gut gefallen“, erzählt sie. Die 18-Jährige wohnt nun bei ihrem Freund. „Ohne ‚Kurve kriegen‘ wäre ich heute richtig in der Scheiße.“
Seeger und Rieger formulieren es diplomatischer. „Es ist schwer zu sagen, wie es ohne die Teilnahme gelaufen wäre, aber sie hätte wohl keinen Schulabschluss, den man für die Ausbildung braucht. Wir haben viel getan, um ihre Eigenverantwortung zu steigern, und bis auf das eine Mal gab es keine Diebstähle mehr“, sagt Rieger. Seeger ergänzt: „100 Prozent sind es nie, aber sie ist sehr stabil und selbstständig – Janas Sozialprognose ist eine gute.“
