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Vereist, verfault, vergessenZehn Brücken-Geschichten zum Brückentag

8 min
Bap an der toten Brücke Euskirchen. Bild: Züll

Ein Stück Heimat für BAP und die Zierde eines Plattencovers der Band: die Brückenruine im Kreis Euskirchen. Das Bild entstand am 3. Juni 2001. 

Überbrücken Sie den Brückentag mit Geschichten über Brücken oder über Brückenlücken.

Mal ehrlich. Wie oft haben Sie auf dem Weg nach Venlo schon im Stau auf der letzten Brücke der A 61 vor dem Grenzübergang gestanden? Weil halb NRW am Brückentag nach Venlo will. Und wissen bis heute nicht, wie sie heißt. Die Talbrücke Bracht überquert ein unscheinbares Waldgebiet zwischen dem Kreuz Mönchengladbach/Viersen und dem Grenzübergang Kaldenkirchen. Ist Bracht geschafft, ist’s bald vollbracht. Der Deutsche Gewerkschaftsbund bietet auf seiner Homepage ein komplettes Servicepaket für Brückentags-Experten und solche, die es werden wollen, sortiert nach Bundesländern. Motto: „Mit diesen Tricks holst du das meiste aus deinen Urlaubstagen raus!“ Heute ist wieder so ein Brückentag. Nach Fronleichnam. In sechs Bundesländern. Außer NRW sind das noch Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Für alle, die das lange Wochenende zuhause genießen, haben wir ein paar etwas andere Brückentagsgeschichten aus der Region zusammengestellt.

Leverkusener Rheinbrücke: Eis am Stiel

Ab und zu gönnt die Rheinbrücke sich etwas Eis. Mitten im Winter. Hoch oben auf der Pylon-Platte. Kann man es ihr verdenken? Nach all dem Stress während der Bauzeit, dem Ärger mit dem maroden China-Stahl und der Prozesslawine, die noch auf sie zurollen wird. Nein! Sogar in einem Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtags streiten Politiker, Ingenieure und Bauexperten über die Pleiten und Pannen, die am Ende Hunderte Millionen Euro extra kosten könnten.

Jetzt kommt raus, dass Winterwetter mit Pappschnee bei der Brückenplanung nicht vorgesehen war. Eis schon mal gar nicht. Wenn das aus einer Höhe von 57 Metern auf die Fahrbahn klatscht, wird es gefährlich. Dann sperrt die Polizei die Fahrbahn, alles steht im Stau und die Brücke ist wieder das Symbol dafür, dass in Deutschland gar nichts mehr läuft. Dabei weiß doch jedes Kind, dass beim Eisessen auch mal was daneben geht.

16.02.2026, Nordrhein-Westfalen, Leverkusen: Eine Drohne steigt neben den Drahtseilen der Leverkusener Rheinbrücke auf, um den Zustand der Konstruktion zu überprüfen. Die Autobahnmeisterei sperrte die Autobahn 1 (A1) in beide Richtungen, nachdem sich über Nacht Eis gebildet hatte, das auf darunter fahrende Fahrzeuge hätte stürzen können. Foto: Roberto Pfeil/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Eine Drohne steigt neben den Drahtseilen der Leverkusener Rheinbrücke auf, um den Zustand der Konstruktion zu überprüfen. Die Autobahnmeisterei sperrte die A 1 im Februar 2026 in beide Richtungen wegen Eisbildung. Foto: Roberto Pfeil/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der Steg am Aachener Weiher: Der Wurm drin

Sieben Jahre dauert es, bis die Fußgängerbrücke am Aachener Weiher, die im Grunde nur ein Steg ist, im April 2014 repariert ist. Und warum? Weil die Stadt im Jahr 2007 entschieden hat, die nach 30 Jahren verfaulte Konstruktion aus afrikanischem Bongossiholz durch solide deutsche Eiche zu ersetzen. Den Vorschlag, eine Konstruktion aus Stahl und Beton reiche völlig aus, weisen Politiker und Mitarbeitende des Museums für Ostasiatische Kunst entrüstet zurück.

Das Resultat? Von wegen deutsche Qualitätseiche. Das Holz ist feucht, die Bohlen biegen sich, der Wurm steckt tief drinnen. Keiner weiß, ob er mit dem Holz geliefert oder erst in die zu tief geratenen Bohrlöcher eingezogen ist. 180.000 Euro – einfach weggefault. Au Weiher, kann man da nur sagen.

01.06.2026, Köln: Die kleine Holzbrücke zwischen Aachener Weiher und Ostasiatischem Museum wurde 2014 fertiggestellt. Zuvor stand hier ein Brückenbauwerk, das Ende der 1990er-Jahre Teil eines Korruptionsskandals war.  Foto: Arton Krasniqi

Die kleine Holzbrücke zwischen Aachener Weiher und Ostasiatischem Museum mit den neuen Planken aus dem Jahr 2014. Foto: Arton Krasniqi

Die Soda-Brücke bei Euskirchen: Heimatgefühle im Nirgendwo

Wissen Sie, was eine Soda-Brücke ist? Eine Brücke, die keinen Zweck erfüllt, sondern einfach nur „so da“ steht. Das deutschlandweit wohl berühmteste Exemplar steht auf einem Acker zwischen Frauenberg und Elsig und ist eine echte Landmarke. Irgendwo im Nirgendwo. Gebaut für eine Autobahn 56, geplant als Umgehung rund um Köln geplant, aber nie vollendet. Zur Berühmtheit wird Investitionsruine im Jahr 2001, als sie es auf das Cover der BAP-Platte „aff und zo“ schafft.

Schön ist anders, aber bis heute löst die Brücke bei vielen Heimatgefühle aus, wenn sie daran vorbeifahren. Das ist Wolfgang Niedecken auch so ergangen. Deshalb spielt BAP am 15. Juni 2001 zur Vorstellung des neuen Albums vor 1.500 Fans in ihrem Schatten. Das „Konzert an der toten Brücke“ schafft es bis in den „Rockpalast“ des WDR und kann im Internet noch immer abgerufen werden.

03.01.2024 Sie steht seit mehr als 40 Jahre schon Soda im Feld zwischen Euskirchen, Elsig und Frauenberg: die sogenannte Soda-Brücke.

Sie steht seit mehr als 40 Jahre schon im Feld zwischen Euskirchen, Elsig und Frauenberg: die sogenannte Soda-Brücke. Foto: Tom Steinicke

Das Eiland in Wuppertal: Zur Hinrichtung über die Wupper

Eine unscheinbare Brücke mit dem Namen „Eiland“ und führt über die Wupper und die Alte Wupper auf die Justizinsel, wo sich seit 1852 das Landgericht befindet. Bis heute ist die kleine Wupper-Insel mit der Schwebebahn-Haltestelle „Landgericht“ Sitz des Justizzentrums.

Wer dort verurteilt wurde, kam nach „Bad Bendahl“. So hieß im Volksmund das Gefängnis mit einem Hinrichtungsplatz am anderen Ufer. Für viele Delinquenten war es der letzte Weg, bis 1912 die Todesstrafe abgeschafft wurde. Sie gingen sprichwörtlich „über die Wupper“ und nicht „über den Jordan“. Die bergische Version hat sich im deutschen Sprachgebrauch weit über Wuppertal hinaus durchgesetzt.

Die Wuppertaler Schwebebahn vor dem Landgericht in Wuppertal Elberfeld, Eiland Nr.1, rechts das Amtsgericht *** The Wuppertal Schwebebahn before the Landgericht Wuppertal Elberfeld Island Nr 1 right the Court

Über die Wupper gehen: Die Wuppertaler Schwebebahn fährt am Justizzentrum auf Wupperinsel vorbei, das nur über eine Brücke (vorn) zu erreichen ist. Foto: imago/Otto Krschak

Kölns kleinste Eisenbahn-Überführung: Seit 70 Jahren wartungsfrei

Kein Platz für Liebesschlösser, keine Verspätungen, ein Bahnsteig und ein Bummelzug, der dort seit 1957 zuverlässig seine Runden dreht. Die Brücke über die Kleinbahn im Rheinpark – die korrekt eigentlich Überwerfungsbauwerk heißen müsste – ist die einzige auf der zwei Kilometer langen Strecke. Sie war noch nie gesperrt, noch nie marode und die Züge, die sie unterqueren, sind immer pünktlich. Weil es keinen Fahrplan gibt.

Zwei klassische Westernzüge und – zu ganz besonderen Ereignissen – eine historische Diema-Lokomotive oder eine der alten original Porsche-Lokomotiven, die sich von der Brücke aus prima fotografieren lassen. Einziges Manko: Das Deutschland-Ticket gilt hier nicht. Die Kleinbahn fährt nur von Mitte März bis Ende Oktober. Zwischen 11 und 18 Uhr. Aber nicht bei Regen. Den mag sie gar nicht.

02.06.2026 Köln. Im Rheinpark führt eine kleine Brücke an der Fußgängerampe zur Zoobrücke über die Gleise der dortigen Kleinbahn, die hier ihre Haltestelle „Rosengarten“ hat. Die Parkeisenbahn wurde zur Bundesgartenschau 1971 errichtet. Foto: Alexander Schwaiger

Im Rheinpark führt eine kleine Brücke an der Fußgängerampe zur Zoobrücke über die Gleise der dortigen Kleinbahn, die hier ihre Haltestelle „Rosengarten“ hat. Die Parkeisenbahn wurde zur Bundesgartenschau 1957 errichtet. Foto: Alexander Schwaiger

Die Wuppertaler Legobrücken: Bunte Wahrzeichen

Glauben Sie keinem Landesverkehrsminister, der behauptet, er habe die Legobrücken aus den Niederlanden nach NRW importiert, damit der Austausch maroder Bauwerke schneller vorankommt. Segmentbrücken aus Klick-Beton sind keine Legobrücken.Weltweit gibt es nur zwei davon. Beide stehen in Wuppertal an der Nordbahntrasse. Das ist eine seit Jahrzehnten stillgelegte Bahnstrecke, die von einem engagierten Bürgerverein namens Wuppertalbewegung zu einem traumhaften Radweg umgestaltet wurde. Zwei der alten Bahnbrücken entlang der Trasse hat der Graffiti und Streetart-Künstler Martin Heuwold mit einem neuen Anstrich zu Legosteinen umgestaltet: an der Schwesterstraße und der Dahler Straße. Das hat ihm viel Aufmerksamkeit und zwei Auszeichnungen eingebracht. Und den Wuppertalern ein weiteres Wahrzeichen – nach der Schwebebahn.

Die Lego-Brücke ist eine Beton-Balkenbrücke über die Schwesterstraße in Wuppertal-Elberfeld. Der vom Graffiti- und Streetart-Künstler Martin Heuwold, Künstlername MEGX, im Design von Legosteinen angebrachte Farbanstrich erhielt 2012 den Förderpreis des Deutschen Fassadenpreises. *** The Lego bridge is a concrete beam bridge over the sister street in Wuppertal Elberfeld The paint coat applied by graffiti and street artist Martin Heuwold, stage name MEGX, in the design of Lego bricks received the sponsorship award of the German Facade Award in 2012

Die Lego-Brücke des Künstlers Martin Heuwold an der Nordbahntrasse in Wuppertal ist eigentlich ist eine Beton-Balkenbrücke. Der im Design von Legosteinen angebrachte Farbanstrich erhielt 2012 den Förderpreis des Deutschen Fassadenpreises. Foto: imago/Uwe Kraft

Die Müngstener Brücke: Seit 129 Jahren stromlos glücklich

Diese Brücke kennt jeder. Seit knapp 129 Jahren überspannt sie mit ihren 107 Metern als höchste Eisenbahnbrücke in Deutschland und zwei Gleisen das Tal der Wupper zwischen Remscheid und Solingen. Ein Meisterwerk der Industrialisierung. Und dennoch hat sie ein paar Eigenschaften, die nicht jeder kennt.

Wagemutige Kletterer können ihren berühmten Rundbogen bei einer geführten und nicht ganz preiswerten Tour bis zum höchsten Punkt erklimmen. Diese Massen menschlicher Brücken-Ameisen lässt sie stoisch über sich ergehen. Ihr Äußeres hingegen durch Oberleitungen verschandeln zu lassen, lehnt sie ab. Dafür ist sei zu grazil, zu schlank und erträgt lieber den Gestank der Diesel-Triebwagen. Wer schön sein will, muss leiden. Aber nicht mehr lange. Ab Sommer sollen die ersten Batterie betriebenen Triebwagen des Düssel-Wupper-Express abgasfrei über ihre Gleise hinweg gleiten.

Die Müngstener Brücke über die Wupper zwischen Solingen und Remscheid

Die namenlose Brücke an der Neusser Straße: Das Autowahnmal

Dieser Fußweg ist der reinste Luxus. Er unterquert eine massive Brücke unter Neusser Straße und verbindet die beiden Teile des Lohsepark. Das namenlose Bauwerk ist ein Relikt aus den 1960er Jahren, als das Auto im Zentrum aller Verkehrsplanungen steht, der Bau der Kölner Stadtautobahn oberste Priorität genießt und zum Glück nie fertig wird, weil die Proteste in den 1970er Jahren immer lauter werden. Linksrheinisch soll die Trasse hauptsächlich über den Grüngürtel parallel zur Inneren Kanalstraße verlaufen und diesen zum Teil zerstören. Bis heute fragt man sich, warum die U-Bahn-Station Lohsestraße zwei Ausgänge zur Inneren Kanalstraße hat, die an einer Großkreuzung enden, an der kein Mensch wohnt. Das Autowahnmal gibt die Antwort.

29.05.2026, Köln: Fußgänger können im Lohsepark die Neusser Straße unter der Erde unterqueren. Technisch ist das Bauwerk jedoch kein Tunnel sondern eine der zahlreichen Brücken in der STadt.  Foto: Arton Krasniqi

Unter dieser Brücke, die in Höhe der Kreuzung Neusser Straße/Innere Kanalstraße steht, sollte eigentlich die Stadtautobahn von der Zoobrücke bis zur Herkulestunnel verlaufen. Heute ist sie Teil des Lohseparks. Foto: Arton Krasniqi

Die Niehler Hafenbrücke: Kölsche Glücksmomente

Es ist die Niehler Hafenbrücke, die allen rechtschaffenen Bürgern der Millionenstadt Köln im März 2025 nach Jahren des Niedergangs mal das Gefühl vermittelt: Ja. Wir schaffen das. Wir können tatsächlich ein Bauwerk in einem Zeitraum sanieren, in den nur ein Ab- und Wiederaufstieg des 1. FC Köln passt.

Unter den Besuchern, die der nach einer Schiffshavarie schwer geknickten Brücke seit der Wiedereröffnung ihre Aufwartung gemacht haben, sind etliche, die verzückt ihren kühlen Handlauf und die schlanken Streben berühren und von einer neuen Freiheit sprechen, die ihnen nach 17 Monaten Sperrung von der Stadt Köln geschenkt wurde. Es dürfte wohl keine zweite Brücke in Deutschland geben, die nach einer Reparatur mit dem Durchschneiden eines rot-weißen Flatterbands zum zweiten Mal eingeweiht wurde. Das darf man getrost eine Wiedergeburt nennen.

27.01.2025 Köln. Die Stadt Köln informiert über die Wiederherstellung der Niehler Hafenbrücke. Journalisten dürfen den Austausch eines Teilabschnitts des stark deformierten nördlichen Hauptträgers beobachten. Foto: Alexander Schwaiger

Nach der Havarie wird im Januar 2025 der Austausch eines Teilabschnitts des stark deformierten nördlichen Hauptträgers vorbereitet. Foto: Alexander Schwaiger

Höhenhauser Abbruchbrücke: Der Ascan-Egerer-Steg

Eine Brücke, die erst durch ihren Abbruch Berühmtheit erlangt, dürfte ziemlich einmalig sein, zumal ausgerechnet der Dezernent diesen Schildbürgerstreich verantwortet, der für Mobilität in Köln verantwortlich ist. Das Drama spielt sich gerade in der Siedlung Schönrath ab, in der 3500 Menschen leben. Ascan Egerer ist ein kluger Mann. Er lässt eine Brücke über der Bahntrasse zwischen Köln und Wuppertal abreißen, weil sie marode ist. Damit das möglichst wenig kostet, nutzt er die Gelegenheit, dass die Strecke gerade gesperrt ist, weil die Bahn dort baut.

Über eine Brücke, die es nicht mehr gibt, kann man nicht mehr fahren. Das hat der Dezernent lange Zeit ignoriert und behauptet, für einen provisorischen Ersatz fehle die Zeit, schließlich wolle die Bahn schon im Juli wieder fahren. Und das Geld sowieso. Außerdem hätten die Schönrather Bürger ja noch ein Schlupfloch, um sich aus ihrer misslichen Insellage zwischen Bahn und Autobahn zu befreien. Bis zur nächsten Sperrpause im Jahr 2032. Dann werde alles gut. Im letzten Moment, nach vielen Protesten, hat Egerer zugesagt, die Behelfsbrücke nochmal zu prüfen. Man könnte sie Ascan-Egerer-Steg nennen. Als Motivationshilfe.

29.05.2026, Köln: Die Siedlung Schönrath ist schwer zu erreichen. Die Siedlung Schönrath in Köln-Höhenhaus ist nur noch über eine Straße mit dem Auto zu erreichen, weil die Brücke der Straße am Flachsrosterweg abgerissen wird. Einen Ersatz gibt es frühestens in sechs Jahren. Luftaufnahme mit Drohne.  Foto: Uwe Weiser

Die Siedlung Schönrath in Höhenhaus ist nur noch über eine Straße mit dem Auto zu erreichen, weil die Brücke der Straße am Flachsrosterweg abgerissen wird. Nach langem Hin und Her soll es jetzt doch einen Behelfsbrücke geben. Luftaufnahme mit Drohne. Foto: Uwe Weiser