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Interview mit Heinz Strunk„Deutsche Comedy ist einfach nicht witzig“

6 min
Heinz Strunk, Schriftsteller, aufgenommen am Rande eines Interviews in seiner Wohnung.

Heinz Strunk

Autor und Schauspieler Heinz Strunk über Humor, seine Beziehung zum Ballermann und seine neue Serie „Last Exit Schinkenstraße“

Herr Strunk, sind Sie die Rettung der deutschen Comedy?

Heinz Strunk: Da ich kein Teil der deutschen Comedy bin, bin ich auch nicht der Retter, aber vielleicht so was wie eine Alternative zur Comedy. In der deutschen Comedy ist seit dem Tod von Loriot nicht viel passiert. Da ich humoristisch eher immer in der Nische tätig war, ist das jetzt ein Versuch, im Mainstream unter Beweis zu stellen, dass es auch eine Art Humor gibt, der jenseits der deutschen Comedy funktioniert.

Sie machen keinen Hehl daraus, dass Deutschland Ihrer Meinung nach in Humorlosigkeit erstarrt ist. Was stört Sie am deutschen Humor?

Deutsche Comedy ist einfach nicht witzig. Es hat auch nichts damit zu tun, dass ich irgendwie besonders intellektuellen Humor bevorzuge. Das Allerschlimmste in Deutschland ist die Stand-up-Comedy. Im Parodistischen gibt es durchaus ein paar tolle Leute, sei es Max Giermann, Olli Dittrich, Anke Engelke oder Bastian Pastewka. Aber ich kenne keinen ernst zu nehmenden Menschen, der deutsche Stand-up-Comedy witzig findet.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, selbst Stand-up-Comedy zu machen?

Nein, auf keinen Fall. Ich habe in meinem Leben schon genug ausprobiert. Ich bin in Deutschland, in aller Unbescheidenheit, konkurrenzlos. Eigentlich ist mein Schwerpunkt in der Hochliteratur, mit Film und Drehbüchern bin ich als Entertainer unterwegs, nicht zu vergessen, dass ich auch Musiker bin. Da muss ich jetzt nicht noch Stand-up machen.

Sie passen auf den ersten Blick nicht an den Ballermann – trotzdem setzen Sie sich jetzt in der Serie mit der Szene auseinander. Wie sind Sie auf die Thematik gekommen?

Irgendwann war die Idee vor drei oder vier Jahren da, und dann habe ich das durchgezogen. Ich kenne mich in der Tanzmusikszene sehr gut aus, und der Ballermann ist das Gleiche in sehr groß. Die Mechanismen sind überall die gleichen, ob man auf einem Dorfjugendball in Winsen an der Luhe feiert oder im Megapark.

Ich möchte die Leute erreichen, die als Touristen zum Ballermann fahren
Heinz Strunk

Glauben Sie, es ist also gar nicht so schwer, Ballermannstar zu werden, wenn man die Mechanismen durchschaut hat?

Nein, das denke ich nicht. Auch alte Recken wie Mickie Krause, übrigens ein sehr feiner Typ und absolut professioneller Kollege, haben nicht jedes Jahr einen Hit. Weder im Film noch in der Literatur noch in der Musik gibt es jemanden, der die Formel für Hits hat.

Dennoch die Frage: Welcher Ihrer Seriensongs könnte am ehesten ein echter Malle-Hit werden?

Während der Dreharbeiten hatte ich das Gefühl, dass „Sprichst du Emoji?“ besonders gut ankam. Der ist aber eher untypisch für einen Ballermann-Song. Der zentrale Song der Serie ist „Man soll nicht lecken, bevor es tropft“. Aber den Hit machen die Leute, das ist die Entscheidung des Publikums. Die Heinz-Strunk-Fans mit der Serie zu erreichen, dürfte nicht schwer sein, aber ich möchte die Leute erreichen, die als Touristen zum Ballermann fahren.

Ist es denn auch bei Ihren Büchern so, dass Sie trotz mehrerer Bestseller kein Gefühl dafür haben, ob etwas ein Erfolg werden könnte?

Doch, das hatte ich schon, ganz konkret beim „Goldenen Handschuh“. Das war ein Bestseller auf Ansage. Aber bei den anderen Stoffen war ich mir nicht sicher. Ich mache auch nichts in Serie. Wenn man Sequels macht, hat man eine relativ hohe Sicherheit, dass ein Ding so erfolgreich wird wie das nächste. Das sieht man an „James Bond“ oder „Fluch der Karibik“. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, „Fleisch ist mein Gemüse 2“ zu machen.

Warum nicht?

Weil ich es völlig langweilig fände, völlig belanglos. Ich bin 61 Jahre alt, ich habe noch viele Ideen. Ich muss mich nicht mit degenerierter Ruhmesverwaltung beschäftigen. Das überlasse ich den Rolling Stones.

Woher bekommen Sie die Inspiration für die ganzen Sprüche in der Serie?

Das ist die Essenz aus 20 Jahren Sammelleidenschaft für alles Mögliche. Sehr viel fällt in den Bereich unfreiwilliger Humor, den ich aufgeschnappt habe. Viel kommt aus dem linearen Fernsehen, extrem viel von den „Wollnys“. Da konnte ich aus einem reichen Reservoir schöpfen.

Ich würde wahrscheinlich nicht mehr unter den Lebenden weilen
Heinz Strunk

Haben Sie einen Lieblingsspruch, den Sie auch im echten Leben nutzen?

Das wechselt immer. Ein ganz schöner, der öfter auftaucht, ist: „Darf ich dir das Tschüs anbieten?“.

Gehen wir etwas zurück in der Zeit: Bevor vor rund 20 Jahren Ihr Erfolgsbuch „Fleisch ist mein Gemüse“ erschien, hatten Sie eine Krise. Wie wäre es weitergegangen, wenn das Buch nicht so erfolgreich gewesen wäre?

Schlecht. Ich würde wahrscheinlich nicht mehr unter den Lebenden weilen. Wenn Sie eine ehrliche Antwort hören wollen, dann wäre es diese.

Das heißt, das Buch und der Erfolg haben Sie gerettet?

Das kann man so sagen, ja.

Wie gehen Sie heute mit Misserfolgen um?

Meine Quote liegt so bei zwei zu eins, auf zwei Erfolge kommt ein Misserfolg. Jetzt habe ich gerade einen gehabt, das Bilderbuch „Die Käsis“ läuft überhaupt nicht. Meistens habe ich gar keine emotionalen Reservoirs, um mich damit zu beschäftigen, weil ich schon mit der nächsten Sache befasst bin. Deswegen habe ich das ganz gut weggesteckt. Wenn die Serie floppen würde, würde mich das aber schon runterziehen. Da hängt viel mehr Einsatz dran, und es haben viel mehr Leute mitgearbeitet.

Jetzt erscheint Ihre Amazon-Serie, gleichzeitig schreiben Sie an „Zauberberg 2“, vorher gab's in diesem Jahr schon einen Erzählband und ein Kinderbuch. Wie schaffen Sie dieses Pensum?

Es gibt den Satz von Philip Roth: „Amateure warten auf Inspiration, Profis setzen sich hin und arbeiten.“ So stellt sich das für mich dar. Die enorme Veröffentlichungsdichte in diesem Jahr hängt mit der Corona-Zeit zusammen. Diese zweieinhalb Jahre lagen für mich genauso brach wie für alle anderen, ich konnte nicht auftreten und habe die Zeit genutzt, um viel zu arbeiten.

Und was machen Sie zum Runterkommen?

Ich habe da leider keine Methoden. Wenn ich eins nicht richtig kann, ist das Lockerlassen – oder wie man etwas altmodischer sagt: Müßiggang.

Den Junggesellenstatus und die Kinderlosigkeit haben Sie mit Ihrer Figur Peter gemeinsam. Wollten Sie nie Familie und Kinder

Es hat sich so ergeben. Das war kein Vorsatz, ganz unspektakulär.

Wenn Sie einen Erfolg feiern oder etwas Tolles erleben, wem erzählen Sie als Erstes davon?

Da gibt es genug Leute. Ich habe kein verarmtes soziales Leben. Mein Freundeskreis ist echt groß, und wem ich was erzähle, das hängt immer von meiner Stimmung ab.

Das Gespräch führte Hannah Schweiwe