Abo

Nach Masken-SkandalErstmal machen, dann schauen – das Prinzip Fynn Kliemann

7 min
Fynn Kliemann Prinzip 290622

Mit waghalsigen Heimwerkerarbeiten wurde Fynn Kliemann berühmt - jetzt kämpft der Sinnfluencer um sein Image.

Rüspel – Ein Wasserbombenkatapult. Ein etwas sporadisch zusammengebauter Hau den Lukas. Ein Auto, aus dessen Motorraum auf Knopfdruck Flammen schießen. Und wer auf diesem Gelände auf die andere Seite des kleinen Teichs will, der kann die Seilrutsche nehmen.

Am Samstag war wieder Partyzeit im Kliemannsland im niedersächsischen Rüspel (Kreis Rotenburg/Wümme), zum ersten Mal seit Langem. „Habt eine geile Zeit“ steht am Eingang, ein netter Wunsch an die Besucher und Besucherinnen, denn das Kliemannsland selbst hat seit Wochen keine guten Zeiten gehabt.

Seit der Gründer und Namensgeber des ausrangierten Reiterhofs, Fynn Kliemann, Anfang Mai wegen fragwürdiger Maskengeschäfte in die Schlagzeilen geraten war, musste auch das Kliemannsland eine Hiobsbotschaft nach der anderen verdauen.

Kliemannsland erklärt sich als unabhänigen Betrieb

Wie es den rund 30 Mitarbeitenden damit geht, erfährt man an diesem Tag nicht. Sie wollen nicht darüber reden, Anfragen können schriftlich gestellt werden, die Antworten würden in einigen Tagen kommen, heißt es.

Tatsächlich haben die Macher des Kliemannslands ihren Standpunkt aber schon in einem halbstündigen Video deutlich gemacht, das den bemerkenswerten Titel trägt „Das Kliemannsland hat sich schon längst von Fynn Kliemann distanziert“. Die zentrale Botschaft: Das Unternehmen wäre zwar ohne den Namensgeber und Gründer nicht denkbar, ist ihm aber längst entwachsen und ein eigenständiger Betrieb geworden, der jetzt um sein Überleben kämpft.

Irgendwie schafft Fynn Kliemann es immer

Doch das Kliemannsland lässt sich nicht ohne das Phänomen Fynn Kliemann verstehen. Der mittlerweile 34-Jährige ist als wagemutiger und kreativer Heimwerker berühmt geworden, der die Umsetzung seiner verrückten Ideen als Youtuber mit der Kamera begleitet. Was er baut und sich vornimmt ist witzig, bescheuert, oftmals gefährlich und immer gut inszeniert. Sein Prinzip: Er hat keine Ahnung, aber eine lustige Idee und macht einfach mal – und schafft es irgendwie.

Es ist das Prinzip Kliemann: Erst mal machen, der Realitätscheck kommt dann später. In einem Land voller Industrienormen und Schutzverordnungen wirkt diese Energie herzerfrischend oder inspirierend, wie sie im Kliemannsland gerne sagen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Das Phänomen Kliemann wird groß, schnell steigen Partner ein, die ihn noch berühmter machen: Der NDR, Kliemann selbst und eine hannoversche Produktionsfirma, die die Umsetzung der Ideen filmisch begleitet, bauen das Projekt auf. Ausgestrahlt werden die Videos zunächst über den Youtube-Kanal von Funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Das Kliemannsland wächst, aus dem Youtube-Format wird eine Community.

Kliemann startete mit Label „oderso“ eigene Modelinie

Und es bleibt nicht beim Basteln auf dem Hof in Rüspel: Nach vier Jahren Zusammenarbeit einigen sich Kliemann und Funk darauf, getrennte Wege zu gehen. Kliemann wolle sich weiterentwickeln und neuen Aufgaben zuwenden, heißt es in der Pressemitteilung von Funk. Doch mit dem Kliemannsland und auf dem Youtube-Kanal des Influencers geht es weiter: Er baut ein Karussell aus Fahrrädern, bohrt einen Brunnen, transformiert einen Pferdeanhänger zu einer Bar.

Kliemann startet mit dem Label „oderso“ seine eigene Modelinie. Gleichzeitig ist er Webdesigner und produziert Musik. Das letzte seiner bislang zwei Alben schaffte es für kurze Zeit auf Platz eins der Charts. Und seine Community wächst stetig weiter.

Im Frühjahr 2021 gelingt Kliemann ein Erfolg auf dem Streamingdienst Netflix, der kurz nach Ausstrahlungsstart in der Top10 auf Netflix ist. Eine vierteilige Serie dokumentiert, wie Kliemann mit Musiker Olli Schulz ein Hausboot in Hamburg kauft und zwei Jahre lang umbaut. Das Boot hatte dem verstorbenen Schlager- und Countrystar Gunter Gabriel gehörte, der vor seinem Durchbruch in den Siebzigerjahren viele Jahre in Hannover lebte.

Das Hausboot gelang dem Sinnfluencer noch

Doch der Kahn ist Schrott. Auch hier galt: Erst mal machen, der Realitätscheck kommt später. Aus der locker-spaßig wirkenden Low-Budget-Vision wird für Schulz und Kliemann ein finanzielles Mammutprojekt, das beide an ihre Grenzen bringt und zu heftigem Streit führt. Wie viel genau der Umbau am Ende gekostet hat, bleibt unklar, aber Kliemann räumt ein, dass man „bestimmt eine halbe Million“ in das Boot gesteckt habe.

Doch während der 34-Jährige das mit dem Hausboot doch noch irgendwie hinbekommen hat – es wird mittlerweile vermietet – liefen einige seiner letzten Unternehmungen vollkommen aus dem Ruder.

Im Frühjahr 2020 hat Fynn Kliemann bundesweit Schlagzeilen gemacht. Es war der Beginn der Pandemie, eine unübersichtliche Zeit, in der die Menschen noch selbst Corona-Masken nähten. Kliemann kümmerte sich als einer der Ersten um die Bereitstellung von Masken. Er wird öffentlich gefeiert, weil er die Textilproduktion seines Labels „oderso“ auf Maskenproduktion umstellt.

Jan Böhmermann deckt Masken-Skandal auf

Recherchen des Satirikers Jan Böhmermann offenbaren mit Ausstrahlung des „ZDF Magazins Royale“ am 6. Mai diesen Jahres jedoch, dass ein erheblicher Teil der von Kliemann und seinem Geschäftspartner Tom Illbruck beworbenen Masken nicht etwa in Portugal oder Serbien, sondern unter ausbeuterischen Bedingungen in Vietnam und Bangladesch produziert wurde.

Weiter noch: 110.000 Masken, die von Asien nach Europa verschifft wurden, waren von mangelhafter Qualität, wie das „ZDF Magazin Royale“ belegt. Kliemann und das Textilunternehmen Global Tactics, dessen Geschäftsführer Illbruck ist, erhielten die fehlerhaften Masken kostenlos. Die beiden verschenkten sie öffentlichkeitswirksam an Flüchtlingslager, ins Camp Moria auf Lesbos und nach Bihać in Bosnien.

Ansteckungsgefahr für Geflüchtete erhöht

Eine E-Mail des Zwischenhändlers an den Produzenten zeigt, dass die Masken, die in den Flüchtlingslagern ankamen, einlagig und nicht wie mit dem Produzenten vereinbart zweilagig waren. Damit waren sie zu dünn. Die Ohrbändchen waren zudem unterschiedlich breit, die Verarbeitung der Nähte mangelhaft. Kurzum: Für den Verkauf waren sie laut Zwischenhändler nicht geeignet. Das ergibt Zweifel daran, wie sicher sie waren.

Der sich ergebende Vorwurf aus der Böhmermann-Sendung: Kliemann und Illbruck hätten die Gefahr einer Corona-Ansteckung für Geflüchtete erhöht und aus einer Notsituation Profit geschlagen.

Der Realitätsschock

Der Realitätscheck wurde in diesem Fall zu einem Realitätsschock. Kooperationspartner wie die Baumarktkette Toom oder der Getränkehersteller Berentzen haben Kliemann im Mai die Zusammenarbeit gekündigt. About-You-Firmenchef Tarek Müller kommentierte unter ein Instagramvideo, in dem Kliemann eine erste Entschuldigung abliest, der Modehändler habe „selbstverständlich die ,oderso‘-Masken umgehend aus dem Sortiment genommen.“

Viele Fans sind enttäuscht. Instagram-User Joe_blck meint: „Sorry Fynn, aber du hast heute viele von uns verloren.“ Und Erik Henschel fürchtet: „Dank dir werden noch mehr Menschen sozialen Projekten mit größter Skepsis gegenüberstehen, keine Lust mehr haben zu spenden oder sich einzubringen, weil sie immer das Gefühl haben werden, am Ende doch nur verarscht und ausgebeutet zu werden.“

Kliemann versucht sich in Videos zu erklären

In zwei Videobotschaften versucht Kliemann sich zu erklären: „Ich habe so viel Scheiße gebaut und dann einfach versagt als dieser Typ, der ich niemals sein wollte – ein Unternehmer.“ Die Reue scheint aber vielen nicht glaubhaft. Vor allem nicht, nachdem Böhmermann mit einem zweiten Video gegen das Kliemannsland nochmal nachlegt und Kliemann daraufhin in einer weiteren Instagram-Story über eine Länge von rund vier Minuten ausrastet – von Einsicht keine Spur.

Vielmehr stilisiert er sich in die Opferrolle eines Außenseiters, der zerstört werden soll und entwickelt damit seine eigene Verschwörungstheorie.

Das kam in den Sozialen Netzwerken wieder nicht gut an. Weitere Vorwürfe gegen Kliemann sind inzwischen dazugekommen, und bis alle Fragen juristisch aufgeklärt sind, wird Zeit vergehen. Und das machte in den vergangenen Wochen nicht nur Fynn Kliemanns Karriere zu schaffen – dem 30-köpfigen Team vom Kliemannsland sind ebenfalls Kooperationspartner abgesprungen. Auch der hannoverschen Produktionsfirma sagte beispielsweise der NDR ein geplantes TV-Projekt ab. Eine Vielzahl von Menschen sind davon abhängig, dass Fynn Kliemann als öffentliche Figur funktioniert.

Kann Kliemannsland zurück auf Anfang?

Einige Fans sind bereit, ihm zu verzeihen: „Menschen machen Fehler“, meint Peggy. Sie ist am Samstagabend zur Party ins Kliemannsland gekommen, sie wollte diesen Ort schon lange besuchen und hofft, dass es nun weitergeht, unabhängig vom Namensgeber. Auch Nicola, die mit ihrer Familie angereist ist, sowie Jonas und Chris sehen das so. Auf dem Kliemannsland sei es immer locker, meint Chris: „Wenn der Ball wegfliegt, dann gibt es immer jemanden, der ihn dir schnell wieder bringt.“

Für sie sollte das Kliemannsland wieder so sein, wie es zu Anfang war, als man einfach machen konnte. Vor dem Realitätscheck. (RND)