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„Putins Thesen sind primitiv“
Historiker kritisiert Zerstörung der ukrainischen Kultur

Putin AFP 150922

Der russische Präsident Wladimir Putin.

Berlin – Nicht erst seit Putins Angriff auf die Ukraine, versucht Russland die Identität und Kultur des Landes zu vernichten. Die Unterdrückung der ukrainischen Sprache und die Verfolgung ukrainischer Intellektueller geht zurück bis auf das Zarenreich und die Sowjetunion. Die deutsche Öffentlichkeit weiß zu wenig darüber, sagt der Historiker Andrij Portnov.

Der ukrainische Historiker und Publizist ist seit 2018 Professor für Entangled History of Ukraine an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder). Er ist Autor mehrere Bücher, zahlreicher Studien und Experte für die Geschichte und Gegenwart der russisch-ukrainischen Beziehungen. 

Herr Prof. Portnov, durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine sind Hunderte Museen, Kirchen, Denkmale und Archive zerstört oder stark beschädigt worden. Sind das zumeist Kollateralschäden oder gehen die Angreifer zielstrebig auch gegen Kulturgüter vor?

Ich kann nicht sagen, was in den Köpfen von Putin, den russischen Generälen oder den Soldaten, die den Befehlen folgen, vorgeht. Aber eines ist klar: Die Zerstörung des kulturellen Erbes in der Ukraine ist offensichtlich. Und regierungsnahe Stellen und Regierende der Russländischen Föderation äußern sich regelmäßig ausdrücklich über die Notwendigkeit, die ukrainische Sprache, die ukrainische Kultur und die ukrainische Staatlichkeit zu zerstören. Das ist leider keine Übertreibung.

Russland lässt in den besetzen Gebieten Straßen umbenennen, zum Beispiel von Maidan-Straße in Lenin-Straße. Im Gebiet Cherson wurde sogar ein Lenin-Denkmal wieder aufgestellt. Wollen die Besatzer den Eindruck erwecken, im Auftrag der untergegangenen Sowjetunion zu handeln?

Ich sehe eine gewisse historische Ironie darin, dass Putin in seiner Rede zur Kriegserklärung an die Ukraine zunächst Lenin für die Entstehung der Ukraine verantwortlich gemacht hat, was übrigens eine völlig primitive These ist. Und dann errichten russländische Truppen, die Teile des ukrainischen Territoriums besetzt haben, dort Denkmäler für Lenin. Vielleicht ist dies ein Versuch, mit nostalgischen Gefühlen der älteren Generation für die Sowjetunion zu spielen. Vor allem aber zeigen die Russen damit symbolisch, dass sie sich von der Ukraine unterscheiden, dass sie antiukrainisch sind. Und sie können sich nichts Besseres vorstellen als Lenin und sowjetische Symbole. Dies spiegelt übrigens die ideologische und symbolische Schwäche von Putins Krieg wider.

Während die Russen von einer „Entnazifizierung“ der Ukraine sprechen, gibt es auch in der Ukraine Stimmen, die eine „Entrussifizierung“ fordern. Wo liegt der Unterschied?

Meines Erachtens dürfen diese beiden Begriffe keinesfalls auf eine Stufe gestellt werden. Wenn die russländische Propaganda von „Entnazifizierung“ spricht, meint sie damit die militärische Einmischung in das Leben eines anderen Staates. Wenn es in der Ukraine eine Diskussion über „Entrussifizierung“ gibt, dann geht es um das eigene Land, nicht um die Einmischung in die Angelegenheiten eines Nachbarn. Der Begriff „Entnazifizierung“ selbst erschreckt mich als Historiker, wenn er von Putins Leute verwendet wird. Russland setzt damit die moderne demokratische Ukraine mit Nazideutschland gleich. Das ist nicht nur eine Verdrehung der Geschichte, das ist Blasphemie! Es ist eine Verhöhnung der Millionen von Opfern des Nationalsozialismus. Bei der „Entrussifizierung“ der Ukraine ist es wichtig zu verstehen, dass es sich um den Versuch handelt, eine Antwort auf die aggressive russische Politik zu finden, und auch um einen - übrigens von vielen bestrittenen - Anspruch der Ukraine auf eine postkoloniale Rhetorik.

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In der Diskussion über den Umgang mit russischer Kultur in der Ukraine wird auch über deutsche Erfahrungen gesprochen. Was ist darunter zu verstehen?

Viele ukrainische Intellektuelle beziehen sich heute häufig auf die deutschen Erfahrungen mit der Entnazifizierung. Was ist damit gemeint? Das moderne Russland muss - genau wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg - einen Prozess der Übernahme der kollektiven Verantwortung für die Verbrechen von Putins Russland durchlaufen. Und diese Anerkennung und eine ernsthafte innerrussische Vergangenheitsbewältigung muss eine Voraussetzung für einen offenen russisch-ukrainischen Dialog sein. Natürlich ist all dies - wenn auch rein theoretisch - erst nach dem Ende des Krieges möglich. Meines Erachtens sind wir von einem solchen Dialog innerhalb Russlands leider noch sehr weit entfernt...

Sie haben in einem Essay über die Folgen der Russifizierungspolitik zunächst der Sowjetunion und jetzt Russlands in der Ukraine geschrieben. Nennen Sie doch ein paar Beispiele.

Es ist wirklich überraschend und traurig, wie wenig die deutsche Öffentlichkeit über die repressive Seite sowohl der imperialen als auch der sowjetischen Politik weiß. Das Russländische Reich erließ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere Zirkulare, die den Gebrauch der ukrainischen Sprache einschränkten. In der Sowjetunion gab es in den 1930er-Jahren mit der Zerstörung ganzer Kultureinrichtungen, der Verhaftung und Hinrichtung bedeutender ukrainischer Schriftsteller, Historiker und Regisseure und in den 1970er Jahren zwei Wellen antiukrainischer Politik.

1965 schrieb der Kiewer Kritiker Iwan Dziuba ein kritisches Werk über die sowjetische Nationalitätenpolitik „Internationalismus oder Russifizierung“, in dem er aufzeigte, dass die sowjetische Nationalitätenpolitik entgegen ihrer schönen Rhetorik die ukrainische Sprache verletzte, indem viele Namen ukrainischer Schriftsteller verboten blieben und die ukrainische Sprache reformiert wurde, um sie dem Russischen anzunähern. Er schickte sein Manuskript an die Parteiführung der Republik. Dieses Manuskript konnte und durfte in der Sowjetunion nicht gedruckt werden, sondern kursierte im „Samisdat“ und wurde 1968 im Ausland veröffentlicht. Merkwürdigerweise wurde das Buch unter anderem ins Englische, Französische und Russische übersetzt, nicht aber ins Deutsche. Im April 1972 wurde Ivan Dziuba verhaftet.

In der Sowjetunion waren nicht nur viele Namen, sondern auch bestimmte Buchstaben des ukrainischen Alphabets verboten. Das Gefühl der Diskriminierung, der Benachteiligung und der Demütigung gegenüber der ukrainischen Kultur und Sprache ist also weder eingebildet noch nationalistisch.

Die Ukraine hat schon lange vor Kriegsbeginn durch entsprechende Gesetze versucht, die russische Sprache im öffentlichen Raum zurückzudrängen. Geht es darum, eine neue ukrainische Identität zu stiften?

Zunächst einmal ist es meiner Meinung nach wichtig, die Besonderheiten der Sprachsituation in der Ukraine zu verstehen. Es ist ein zweisprachiges Land, in dem Ukrainisch zwar offiziell die Staatssprache ist, das Russische aber in vielen Bereichen immer noch dominiert, was vor allem auf das sowjetische Erbe zurückzuführen ist. Daher ist es wichtig, rechtliche Entscheidungen zum Schutz der ukrainischen Sprache und zur Erweiterung ihrer Rechte in einem historischen Kontext zu sehen. Diese Entscheidungen zielen darauf ab, die diskriminierende sowjetische Politik zu korrigieren.

Gleichzeitig kann und darf von einem vollständigen Verbot der russischen Sprache in der Ukraine keine Rede sein. Die ukrainische Identität wird seit 30 Jahren auf der Grundlage der politischen Zugehörigkeit gebildet, nicht auf der Grundlage der Sprache, der Religionszugehörigkeit oder des Wohnortes. Die Ukraine ist ein multinationales und multikulturelles Land, das seit 30 Jahren sein Engagement für das demokratische System unter Beweis gestellt hat und heute einen schrecklichen Überlebenskrieg, einen echten Unabhängigkeitskrieg, führen muss. (RND)

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