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„Kommen an unsere Grenzen“Kölner Gymnasien durch Umstellung auf G9 am Limit

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Die Gymnasien in NRW kehren weitgehend zu G9 zurück. 

Im kommenden Schuljahr müssen die Kölner Gymnasien durch die Umstellung auf G9 bis zu 120 Kinder zusätzlich aufnehmen.

Wenn im Sommer die Gymnasien sich auf den G9-Betrieb einstellen müssen und weitere Schüler aufnehmen, bedeutet das für Schulen, Stadt und Land NRW einen Kraftakt, der manche Einrichtungen ans Limit bringt. Stadt und Land NRW sehen sich allerdings generell gut für die Umstellung des Schulbetriebs in den Kölner Gymnasien auf G9 aufgestellt. Wie die städtische Gebäudewirtschaft in der jüngsten Sitzung des Schulausschusses mitteilte, sei in 32 von 38 Kölner Gymnasien bereits jetzt ausreichend Platz, um eine zusätzliche Jahrgangsstufe unterzubringen.

Lediglich im Schiller-Gymnasium, im Elisabeth-von-Thüringen-Gymnasium (beide Sülz), dem Genoveva-Gymnasium, dem Rhein-Gymnasium (beide Mülheim), dem Erich-Kästner-Gymnasium (Viehl) und dem Heinrich-Mann-Gymnasium (Volkhoven-Weiler) müsse noch bis zum Sommer nachgebessert werden. „Wir konnten in enger Zusammenarbeit mit allen beteiligten städtischen Dienststellen für jeden Gymnasialstandort verschiedene räumliche Lösungen entwickeln", sagt Anne Lena Ritter, Leiterin Amt für Schulentwicklung der Stadt.

G9 in NRW bezeichnet die Rückkehr zu einer neunjährigen Schulzeit am Gymnasium (5. bis 13. Klasse), wodurch Schülerinnen und Schüler das Abitur nach insgesamt 13 Schuljahren ablegen. Dieser Schritt löst das 2005 eingeführte „Turbo-Abi“ (G8) ab, um den Lernstoff zu entzerren. Für die meisten Gymnasien in NRW begann die Umstellung mit den Fünftklässlern des Schuljahres 2019/2020. Das Problem: In diesem Schuljahr machen die Schüler kein Abitur und verlassen anschließend die Einrichtungen eben nicht.

Im kommenden Schuljahr müssen die Schulen dann jeweils bis zu 120 Kinder zusätzlich aufnehmen. Das Land rechnet damit, dass sich die Zahl der Schülerinnen und Schüler landesweit in der Sekundarstufe II nun von 96.000 auf 132.000 erhöht. In Köln werden in diesem Jahr laut Angabe der Stadt  etwa 3150 Schüler in der zwölften Klasse eines Gymnasiums geführt, die nun ein Jahr länger an ihren Schulen bleiben.

Rückkehr zu G9: Mehr als 800 Millionen Euro Kosten

Die Reform der Reform lässt sich NRW viel Geld kosten: „Der Landesregierung ist bewusst, dass die Rückkehr zu G9 für die Kommunen einen erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand bedeutet“, heißt es aus dem Schulministerium. Mit dem Belastungsausgleichsgesetz von 2019 erhielten Gemeinden und Kreise finanzielle Unterstützung für die Mehrbelastungen. Allein der finanzielle Ausgleich für die Baukosten belaufe sich bis 2026 auf mehr als 611 Millionen Euro, der Ausgleich für die jährlich wiederkehrenden Kosten auf rund 26 Millionen Euro. Ab 2027 erhielten die Kommunen unbefristet jährlich mehr als 32 Millionen Euro. Hinzu kämen Personalkosten in Höhe von rund 225,4 Millionen Euro.

Der Philologenverband NRW warnt dennoch vor Raum- und Personalproblemen. Der Stand der Planungen sei an den Schulen sehr unterschiedlich, sagt die Landesvorsitzende Sabine Mistler. Häufig seien Bedarfsanalysen und Bauplanungen zu spät begonnen worden, sodass Erweiterungen oder Neubauten nicht fertig würden. Die Folge: Schulen müssten unter Umständen übergangsweise Container aufstellen, Modulbauten auf Schulhöfen einrichten oder Fachräume in Klassenräume umwidmen.

Im nächsten Jahr werden wir rund kommen. Es wird keine Katastrophe
Susanne Gehlen, Schulleiterin Genoveva-Gymnasiums

Eine Umfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ unter den Gymnasien ergab, dass zahlreiche Schulen trotz kleinerer Probleme G9 gefasst entgegenblicken. „Wir sind fein“, sagt die Leiterin des Dreikönigsgymnasiums, Barbara Wachten. Mit dem Umbau der Schule in der Vergangenheit habe man das Thema G9 mitbedacht. „Bei uns läuft alles im grünen Bereich“, heißt es auch aus der Theophanu-Schule in Kalk. Und das Georg-Büchner-Gymnasium in Weiden berichtet, dass es als sogenannte Bündelungsschule G9 bereits vorgezogen habe. An anderen Schulen wie dem Zündorfer Lessings-Gymnasium bedurfte es einiger Kreativität, um den Platz für G9 zu schaffen. So erhalte die Schule Räume von den benachbarten Real- und Hauptschulen im Zündorfer Schulzentrum, bevor es – während der Sanierung des Schulzentrums – auf Container auf einer in der Nähe gelegenen Wiese ausweicht.

Barbara Wachten ist Schulleiterin des Dreikönigsgymnasium.

„Im nächsten Jahr werden wir rund kommen“, sagt auch die Schulleiterin des Genoveva-Gymnasiums, Susanne Gehlen. „Es wird keine Katastrophe. Es fehlen uns nur ein paar wenige Räume.“ Was Gehlen allerdings ärgert, ist, dass die maroden naturwissenschaftlichen Räume in der Schule seit sechs Jahren saniert werden sollen und derzeit nicht genutzt werden könnten. Wie der fehlende Raum kurzfristig beschafft werden soll, ist noch unklar, ein „Lösungsansatz“ befinde sich derzeit „in Prüfung“, so die Gebäudewirtschaft. Langfristig seien Räume in einem noch zu bauenden Schulgebäude am Standort Holweider Straße geplant.

Das Schiller-Gymnasium ist dagegen doppelt gebeutelt: Die Sülzer Schule muss nicht nur 120 Kinder durch die Umstellung auf G9 zusätzlich aufnehmen, es hat auch Mitte 2025 insgesamt 16 Räume an der Zweigstelle Lotharstraße verloren. Die Stadt hatte Sicherheitsbedenken geltend gemacht. Die beiden Räume, die das benachbarte Elisabeth-von-Thüringen-Gymnasium dem Schiller-Gymnasium bereitstellt, und die insgesamt acht Räume, die die Stadt geschaffen hat, indem ein alter Mensacontainer ertüchtigt wurde, können das Defizit nicht ausgleichen.

Das Schiller-Gymnasium hat Platzprobleme.

Die Aussage der Gebäudewirtschaft, dass nach Berechnungen des neuen Musterraumprogramms der Schule an der Nikolausstraße in der Vergangenheit zu viel Raum zur Verfügung gestanden habe, will Schulleiter Georg Scheferhoff nicht unterstützen: „Wir kommen an unsere Grenzen, was das Raumangebot angeht. Das Musterraumprogramm ist an dieser Stelle zu ungenau.“ Seiner Meinung nach fehlten der Einrichtung sechs weitere Räume – unter anderem, weil die Schule ein besonderes Profil mit zahlreichen AGs und Wahlpflichtfächern sowie zusätzlichen Leistungskursen anbiete. Zudem benötige die Schule dringend eine weitere Turnhalle.

„Klassenräume haben wir genug, das Dilemma liegt in den Fachräumen“, sagt der Schulleiter des Nippeser Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums, Oliver Baum. So fehlten der Einrichtung in den Bereichen Kunst und Sport einige Kapazitäten. Statt der benötigten vier Sporthallen stünden der Schule lediglich anderthalb Hallen (eine Halle teilt man sich mit anderen Nutzern) zur Verfügung. Derzeit pendeln die Kinder und Jugendlichen daher in mehrere Hallen im Umfeld – etwa ins Nippeser Tälchen oder in eine Nippeser Grundschule. „Die Hallensituation ist eine Katastrophe. Wie wir weitere 120 Kinder, die im nächsten Schuljahr mit G9 kommen, im Sport unterrichten sollen, steht in den Sternen“, so Baum. Zudem bräuchte die Schule Baum zufolge drei Kunsträume. Das Musterraumprogramm der Stadt sehe allerdings nur einen vor.

Klassenräume haben wir genug, das Dilemma liegt in den Fachräumen
Oliver Baum, Schulleiter des Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums

Knirschen könnte es überdies bei den Lehrkräften: 3000 sogenannte Vorgriffsstellen hat das Land zur Verfügung gestellt, davon 229 in Köln, teilt das Schulministerium mit. „Ein großer Teil der auf Vorgriff eingestellten Lehrkräfte wurde bis zum Abschluss der G9-Umstellung befristet an andere Schulformen abgeordnet – eine von Beginn an klar kommunizierte und zeitlich begrenzte Maßnahme.“

Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverbands NRW

Das Problem: Wenn die Lehrkräfte an die Gymnasien zurückkehren, fehlen sie den anderen Schulen. Denn der Lehrkräfte-Mangel ist in NRW flächendeckend ausgeprägt – es fehlen derzeit 8800 Lehrerinnen und Lehrer. Schwer vorstellbar, dass die Schulen, an denen die Lehrkräfte als Vorgriffsstellen geparkt waren, schmerzlos auf die Stellen verzichten können. „Allen beteiligten Schulen und Lehrkräften war und ist bekannt, dass die Abordnungen im Rahmen der Vorgriffstellen befristet sind“, sagt das Schulministerium.

Andrea Meinecke, Schulleiterin des Lessing-Gymnasiums, kritisiert aber die unzureichende Personalausstattung: Trotz Vorgriffsstellen „werden uns im nächsten Jahr Kolleginnen und Kollegen fehlen, wenn es keine zusätzlichen Neueinstellungen zum Schuljahr 2026/27 geben sollte“. Sabine Mistler vom Philologenverband hält die Vorgriffsregelung generell für einen „guten Schachzug“, weil man nicht auf einmal so viele Stellen hätte besetzen können. Sie mahnt aber, dass man sich künftig im Einzelfall ansehen müsse, wo noch Stellen benötigt würden.