Abo

Start-up „Life Teach Us“Statt Unterrichtsausfall gibt es an dieser Kölner Schule Wissen fürs Leben

6 min
Eine Frau steht vor einer Jugendlichen in einem Klassenraum

Am Heinrich-Mann-Gymnasium füllt eine App die Lücken: Andrea Müller spricht mit einer zehnten Klasse über Fake News. 

Weil Lehrkräfte fehlen, setzen immer mehr Schulen auf Unterstützung von außen. Zum Beispiel mit dem Projekt „Life Teach Us“.

Dritte Stunde am Heinrich-Mann-Gymnasium in Chorweiler. Andrea Müller schließt ihren Laptop an. Hinter ihr erscheint eine gelbe Präsentation mit vielen Gesichtern. Vor ihr sitzen die Schülerinnen und Schüler der Klassen 10c und 10d. Noch ist es unruhig. So genau wissen sie nicht, was sie erwartet. In dieser Stunde steht kein Englisch, kein Deutsch, keine Mathematik auf dem Plan.

„Was sind Fake News?“, fragt Andrea Müller in die Runde. Kurzes Zögern. Kurzes Tuscheln. Dann gehen einige Hände hoch.

Andrea Müller ist keine Lehrerin. Sie hat im Kommunikations- und Marketingbereich gearbeitet – bei einem Energieversorger, in der Telekommunikation und im Konsumgüterbereich. „Eine klassische Marketinglaufbahn“, wie die 57-Jährige sagt. Vor einer Schulklasse stand sie bis Anfang dieses Jahres zuletzt während ihrer eigenen Schulzeit. Dann hat sie sich entschlossen, Life-Teacher zu werden, also eine Lebens-Lehrerin. Komplett ehrenamtlich beim Berliner Start-up „Life Teach Us“. Es habe gepasst, sie befinde sich derzeit zwischen zwei verschiedenen Rollen und habe Zeit gehabt.

Eine Unterrichtsstunde der Life-Teacher kann ganz unterschiedlich aussehen: Manche erzählen von ihrer Ausbildung, andere machen Yoga oder Jonglieren mit den Schulklassen.

Eine Unterrichtsstunde der Life-Teacher kann ganz unterschiedlich aussehen: Manche erzählen von ihrer Ausbildung, andere machen Yoga oder Jonglieren mit den Schulklassen.

Die Idee des Start-ups: Schulstunden ohne klassische Lehrkraft. „Life Teach Us“ bringt Menschen in die Klassenräume, die im regulären Stundenplan nicht vorkommen, wie Handwerkerinnen, Geschäftsleute, Steuerexperten.

Sie sollen mit ihren Einheiten ein größeres Problem angehen: Im Schuljahr 2024/2025 fiel etwa jede zwanzigste Unterrichtsstunde in NRW aus. Eine Forsa-Umfrage vom November 2025 ergab, dass mehr als die Hälfte der Schulleitungen in NRW den Lehrermangel als das größte Problem sieht. Anfang Dezember 2025 waren an NRWs Schulen rund 8800 Stellen unbesetzt. Genau hier wollte der Gründer und Geschäftsführer von „Life Teach Us“, Ludwig Thiede, ansetzen, und das schon vor mehr als zehn Jahren. Da war er selbst noch keine 18 und ging noch zur Schule.

Swipen gegen den Stundenausfall

„Zum Ende meiner Schulzeit hatte ich auch selbst viel Ausfall. Und dachte mir: Es gibt so viele spannende Themen, die ich währenddessen hätte lernen können, die aber nicht im Fachunterricht vorgesehen sind, anstatt nur rumzusitzen“, sagt Thiede. Inspiriert von Dating-Apps, die Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenbringen, kam ihm die Idee, diese Lücken mit einer App zu füllen. 2022 startete er zunächst ehrenamtlich. Der Anfang: holprig. „Es war extrem herausfordernd, Zugang zu Schulen zu bekommen, die Technologie zu entwickeln und vor allem Menschen dafür zu gewinnen, Teil davon zu werden.“

In den ersten drei Jahren schlossen sich 1000 Life-Teacher an. Thiede finanzierte das Projekt anfangs aus eigener Tasche. Seit zwei Jahren arbeitet er mit seinem Team in Vollzeit, inzwischen finanziert aus Spenden und Fördergeldern. 17.000 weitere Ehrenamtliche sind in den zwei Jahren hinzugekommen. Wie viele Unterrichtsstunden sie pro Woche abdecken, schwanke durch Ferien und unterschiedlich aktive Schulen. Thiede schätzt, dass es deutschlandweit zwischen 300 und 600 Stunden pro Woche sind.

Ein Mann hält ein Handy in die Kamera.

Die App von Ludwig Thiede vermittelt Freiwillige, die Ausfallstunden übernehmen.

Der Schwerpunkt liege noch auf den großen Städten, sagt er. Doch seit Ende vergangenen Jahres kommen zunehmend Schulen im ländlichen Raum hinzu. Darum kümmert sich auch Andrea Müller. Sie steht vier- bis fünfmal im Monat vor einer Klasse und gibt Unterrichtseinheiten zu Falschinformationen und Desinformation. Außerdem wirbt sie neue Mitstreiter – auf Schul- wie auf Ehrenamtsseite.

In einem Umkreis von 25 Kilometern rund um Köln gibt es derzeit 30 Partnerschulen und rund 660 registrierte Life-Teacher. Am Heinrich-Mann-Gymnasium ist Andrea Müllers Einheit die erste von „Life Teach Us“. Das Interesse im Kollegium wächst stetig, während immer mehr Lehrkräfte die Möglichkeiten der App kennenlernen, auch wenn es noch einige Vorbehalte gibt. Lehrerin Stefanie Mund sagt dazu: „Ich sehe das als Mehrwert für uns, um unsere zusätzlichen Vertretungsstunden zu reduzieren, und vor allem profitieren auch unsere Schülerinnen und Schüler sehr davon.“

Vielfalt statt pädagogisches Studium

Bedenken könne Andrea Müller verstehen. Schulen müssten bereit sein, dass vor der Klasse eine fremde Person steht, ohne pädagogisches Studium, womöglich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einem Klassenraum. Es gehe aber nicht darum, ein Studium zu ersetzen. Vielmehr sollen diese Stunden Vielfalt in den Unterricht bringen. Lehrkräfte allein könnten diese Vielfalt der Gesellschaft nicht widerspiegeln.

Drei Unterrichtseinheiten hat sie inzwischen zum Thema Fake News entwickelt. Ihre Zielgruppe sind Schüler der Klassen acht bis dreizehn. Je nach Altersstufe lässt sie Inhalte weg oder ergänzt etwas. Gemeinsam sprechen sie über künstliche Intelligenz. Wer schon einmal auf KI hereingefallen sei? Nur zögerlich gehen Hände hoch. Einzelne nicken. Es geht aber auch um Sneaker aus Fake-Shops oder gefälschte Profile auf Dating-Plattformen. Die Beispiele sollen nah an der Lebenswelt der Jugendlichen sein.

Warum gibt es Fakes News, was ist die Motivation dahinter, möchte sie von den Zehntklässlerinnen und Zehntklässlern wissen. Clickbaiting, die Beeinflussung von Meinungen und gezielte Stimmung gegen Gruppen fallen unter anderem als Gedanken. Ausgewählt hat Andrea Müller das Thema, weil sie selbst in der Unternehmenskommunikation immer wieder mit Desinformation und dem Kampf um Aufmerksamkeit konfrontiert war.

Wer Life-Teacher werden möchte, muss kein Bewerbungsgespräch führen, sondern die App herunterladen. Hier hat sich auch Andrea Müller durch den Qualifizierungsprozess geklickt: ein erweitertes Führungszeugnis, Foto und Selbstverpflichtung hochgeladen. Im Gegenzug gibt es ein pädagogisches Handbuch. Das Unterrichtsthema müssen die Interessenten als Konzept ausarbeiten und vom „Life Teach Us“-Team prüfen lassen.

Die App ist mittlerweile das Herzstück von „Life Teach Us“. Entwickelt hat sie Ludwig Thiedes Mitgründer, ein Wirtschaftsinformatiker. Mit jedem neuen Teammitglied sei neues Know-how hinzugekommen. Bald stieß eine Lehrerin für das pädagogische Fachwissen dazu. Inzwischen ist das Team auf zehn Personen angewachsen. Die Stunden können über die App gebucht oder auch per Videochat vermittelt werden – bundesweit. Der Themenpool umfasst fünf Bereiche: Leben, Karriere, Soziales, Globales und Gesundheit.

Mehr als nur Lückenfüller

Wenn Menschen aus der Praxis in den Unterricht kommen, öffne das Türen, die manchen Schülerinnen und Schülern sonst verschlossen blieben, sagt Gründer Ludwig Thiede. Er und sein Team glauben, dass diese Einblicke in Lebensrealitäten auch demokratische Bildung fördern. „Unser Angebot richtet sich nicht nur an Schulen in herausfordernden Lagen. Wir gehen zum Beispiel bewusst auch in Gymnasien mit Menschen aus dem Handwerk, um zu zeigen, was man jenseits eines Studiums machen kann.“

Dabei wollen sie mehr sein als bloße Lückenfüller. Der Unterrichtsausfall sei nur die Gelegenheit, durch die sie derzeit stattfänden. Ihre große Vision ist, Bildung zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu machen. Inhalte, die sie in die Schulen bringen, passten in keinen Lehrplan. „Wenn man tagesaktuelles Wissen hineinpackt, ist es schon veraltet, wenn es in der Schule ankommt.“

Eine Gruppe von Menschen jubelt in die Kamera. Ein Mann vorne hält ein gerahmtes Bild in der Hand.

Im März wurde „Life Teach Us“ auf der Bildungsmesse Didacta in Köln vom Didacta Verband als „Start-up des Jahres“ ausgezeichnet.

Seit Januar läuft ein Pilotprojekt im Regierungsbezirk Münster, gemeinsam mit dem Schulministerium NRW und der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen. Es heißt „Fit for Life“. In diesem Projekt sind die Unterrichtsstunden nicht mehr an Ausfallstunden gebunden, sondern Teil des regulären Unterrichts. Die Pilotphase läuft bis zu den Sommerferien. Im besten Fall für Thiede und sein Team wird das Projekt danach auf ganz NRW ausgeweitet.

Als Andrea Müller nach gut einer Stunde am Heinrich-Mann-Gymnasium ihre Sachen zusammenpackt und den Laptop zuklappt, kehren die Schülerinnen und Schüler in den Schulalltag zurück. Bevor sie gehen, scannen sie einen QR-Code für Feedback. Das fällt überwiegend positiv aus.