Katholische Grundschulen umgewandeltKölner Eltern wollten nicht mehr, dass die Kirche die Regeln macht, wenn der Staat zahlt

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Schüler im Unterricht in einer Grundschule.

In katholischen Grundschulen werden getaufte Schüler bevorzugt aufgenommen.

Zwei weitere Schulen werden Gemeinschaftsgrundschulen. Das Elternvotum war eindeutig.

„Wir sind eine Veedelschule mitten im multikulturellen Ehrenfeld. Und das wollten wir bleiben“, sagt Johannes Kühle. Der Vater einer Erstklässlerin der katholischen Michael-Ende-Grundschule und einige andere Eltern wollten nicht mehr hinnehmen, dass katholische Kinder bei der Aufnahme an der Schule bevorzugt werden. Gerade angesichts knapper Grundschulplätze in Köln fanden sie wichtig, dass die Kinder einen Platz bekommen, die wirklich in der Nähe wohnen. Egal ob sie getauft sind oder nicht. „Dass die Kirche die Aufnahmeregeln bestimmt, obwohl doch auch die katholischen Grundschulen komplett vom Staat finanziert werden, das kam uns einfach nicht mehr stimmig vor“, begründet Kühle.

Gemeinsam mit anderen Eltern engagierte er sich daher für eine Abstimmung über die Umwandlung der katholischen Bekenntnisschule in eine Gemeinschaftsgrundschule. Im Schulausschuss wurde das Votum der Eltern am Montag auch formal als Umwandlungsbeschluss bestätigt. Die katholische Schule wird ab nächstem Schuljahr - ebenso wie die bislang katholische Peter-Lustig-Grundschule in Ossendorf – zur Gemeinschaftsgrundschule. Damit haben sich innerhalb eines Jahres bereits vier Kölner katholische Grundschulen per Elternvotum umgewandelt. Erst letzten September waren die katholische Grundschule Forststraße in Rath und die KGS Langemaß in Mülheim zu Gemeinschaftsgrundschulen geworden.

Über ein Drittel der Kölner Grundschulen sind Bekenntnisschulen

In Nordrhein-Westfalen ist jede dritte der 3000 Grundschulen eine konfessionelle Bekenntnisschule. In Köln sind es sogar mehr als ein Drittel. Dabei sind Bekenntnisgrundschulen – anders als katholische Privatschulen wie etwa die Kölner erzbischöflichen Gymnasien – komplett in staatlicher Trägerschaft und zu 100 Prozent vom Staat finanziert. Trotzdem gibt die Kirche die Regeln vor. Aufgenommen werden müssen zunächst Kinder der jeweiligen Konfession. Bei einem Anmeldeüberhang haben Kinder anderer Konfession, konfessionsfreie Kinder oder Kinder mit anderer Religionszugehörigkeit das Nachsehen - auch wenn die angemeldeten katholischen Kinder deutlich weiter entfernt von der Schule wohnen.

Da, wo Plätze knapp sind, haben nicht katholische Eltern inzwischen Sorge, ihre Kinder anzumelden
Eine Kölner Schulleiterin

In Köln gab es in diesem Jahr an fast jeder zweiten Grundschule einen Anmeldeüberhang. „Da, wo Plätze knapp sind, haben nicht katholische Eltern inzwischen Sorge, ihr Kind dort anzumelden – aus Angst vor einer Absage. Obwohl sie eigentlich genau dorthin möchten“, erläutert eine Kölner Grundschulleiterin, die ungenannt bleiben möchte.

Schulhof in Ehrenfeld

Die Michael-Ende-Schule in Ehrenfeld wird Gemeinschaftsgrundschule.

Hinzu kommt, dass die Schulleitung zwingend katholisch sein muss. Bei den sonstigen Lehrkräften werden katholische Bewerber bevorzugt. Gleichzeitig sind derzeit über ein Dutzend Kölner Grundschulen ohne Schulleitungen, weil Bewerberinnen und Bewerber rar sind. Katholische allemal. Die Schulleitungsstelle an der Michael-Ende-Grundschule muss im nächsten Schuljahr neu besetzt werden. „Da ist es ein gutes Gefühl, dass wir durch die Umwandlung zumindest unsere Chancen auf Bewerbungen deutlich verbessern konnten“, so Elternvertreter Kühle.

Außer in NRW sind Bekenntnisschulen in fast allen Bundesländern abgeschafft

Bekenntnisschulen sind in Nordrhein-Westfalen Teil der Landesverfassung. Es gibt sie allerdings außer in NRW nur noch in Niedersachsen. In anderen Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wurden sie bereits vor mehr als 50 Jahren abgeschafft. In Rheinland-Pfalz übrigens 1970 von der CDU durch den damaligen CDU-Ministerpräsidenten Helmut Kohl.

Die NRW-weite Initiative „Kurze Beine -Kurze Wege“ setzt sich dafür ein, dass möglichst viele katholische Bekenntnisschulen zu Gemeinschaftsgrundschulen werden. Ihr Hauptargument: Wenn die Steuerzahler die Schulen finanzieren, dürfe es nicht sein, dass bei zu vielen Anmeldungen die Schüler eines Bekenntnisses bevorzugt werden. Daher berät und unterstützt die Initiative Schulen auf dem Weg der Umwandlung. Neben dem Thema Platzknappheit und gesellschaftlicher Wandel sind Hauptauslöser für solche Abstimmungsprozesse oftmals die Schwierigkeit, bei Vakanzen eine katholische Schulleitung zu finden. Oder es gibt einen geeigneten Kandidaten, der nicht katholisch ist. Im Falle der Katholischen Grundschule Forststraße in Rath war vergangenes Jahr der Kirchenaustritt der beliebten Schulleitung der Auslöser für die Umwandlung.

An den umgewandelten Schulen ändert sich abgesehen von dem neuen Status nichts: Es gibt weiter konfessionellen Religionsunterricht, der ergänzt wird durch das Wahlfach Praktische Philosophie. Auch Schulgottesdienste gibt es weiterhin, ebenso wie die Feier christlicher Feste. „Als wir Eltern zu Beginn der Debatte eine Liste mit Pro- und Contra-Argumenten gemacht haben, stand daher auf der Contra-Liste kein einziges Argument“, berichtet Kühle.

Wirklich demokratisch ist das Verfahren nicht
Johannes Kühle, engagierter Vater

Die Hürden im Umwandlungsprozess sind durchaus hoch. Nach dem Schulgesetz NRW sind Grundschulen umzuwandeln, wenn die Eltern eines Zehntels der Schülerinnen und Schüler der Schule dies beantragen. Anschließend müssen sich mehr als 50 Prozent der Eltern in einer formalen Wahl dafür entscheiden.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Die Eltern, die an der Wahl nicht teilnehmen, werden als Neinstimmen gerechnet. „Wirklich demokratisch ist das nicht“, kritisiert Kühle. Daher bedeutete es die größte Hürde, möglichst viele Eltern an die Wahlurne zu bewegen mit Flyern und Mails. Am Ende war das Votum dann für die Organisatoren überraschend eindeutig: Von den 192 Kindern, für die je eine Stimme abgegeben werden konnte, stimmten 133 Eltern für die Umwandlung, nur sieben dagegen. In Ossendorf an der Peter-Lustig-Grundschule ergab die Auszählung bei 283 Kindern 133 Ja-Stimmen und 29 Nein-Stimmen.

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