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Analyse des 1:1 in HamburgFC kann mit Schwung in die Derbywoche gehen

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Said El Mala hat nach einem Eckball per Kopf getroffen, HSV-Keeper Heuer Fernandes hatte keine Chance.

Said El Mala hat nach einem Eckball per Kopf getroffen, HSV-Keeper Heuer Fernandes hatte keine Chance. 

Nach einem Rückstand per Traumtor fängt sich der FC, gleicht verdientermaßen aus und hat in der zweiten Hälfte deutlich mehr vom Spiel.

Das Wichtigste zuerst

Der 1. FC Köln hat erstmals in dieser Saison ein Samstagabendspiel der Ersten Liga nicht verloren. Nach sieben Niederlagen zur Topspielzeit erkämpfte sich die Mannschaft von Trainer Lukas Kwasniok im Volksparkstadion ein 1:1 (1:1). In einer ereignisarmen Partie vor der imposanten Kulisse von 57.000 Zuschauern waren die Kölner die insgesamt aktivere und auch überlegene Mannschaft und durften sich am Ende ärgern, nur einen Punkt mitgenommen zu haben. Zumal der Hamburger Führungstreffer nach einer phänomenalen Einzelaktion gefallen war. Viel mehr war den Gastgebern nicht gelungen.

Immerhin konnte der FC diesmal einen Standard nutzen: Zwar gerieten sieben von acht Ecken nach wie vor zu harmlos. Doch der Versuch in der 45. Spielminute fand Said El Mala, der eine eingeübte Variante am zweiten Pfosten zum Ausgleich verarbeitete.

Die Tore

Als sich die Menschen auf den Tribünen gerade zu fragen begannen, auf welche Weise ihnen dieses Spiel im nasskalten Stadion etwas Wärme durch ein Tor bescheren sollte, zeigte der HSV eine Traum-Kombination. William Mikelbrencis zog einen Sprint über die rechte Hamburger Seite an und tupfte den Ball perfekt zwischen Özkacar und van den Berg auf Fabio Vieira. Der Portugiese fasste sich ein Herz und hob den Ball mit dem ersten Kontakt per Außenrist ins lange Eck. Marvin Schwäbe konnte nur staunen, ein außergewöhnliches Tor. „Weltklasse“, kommentierte Said El Mala später, Kwasniok stimmte zu: „Sensationell, ein Chipball hinter die Kette, wir sind nicht ganz so aufmerksam im Zentrum, und dann macht er das einfach Weltklasse.“

Auch der Kölner Ausgleich entstand eher aus einer unerwarteten Situation: Kaminskis zum Tor gedrehten Eckball verlängerte van den Berg an den zweiten Pfosten, wo Said El Mala lauerte und zum 1:1 traf. Beides sah nicht nach Zufall aus: Weder, dass van den Berg den Ball verlängerte, statt auf das Tor zu köpfen, denn als Abschlussspieler gilt er nicht beim 1. FC Köln. Noch, dass El Mala am zweiten Pfosten postiert war und nicht für den Schuss vom Sechzehner bereitstand. „Ein Co-Trainer-Tor“, beschrieb Kwasniok hinterher.

Das war gut

Lukas Kwasniok ließ seinen Worten Taten folgen: Vor der Partie hatte er angekündigt, nicht allzu viele Wechsel vornehmen zu wollen, schließlich sei er mit der Leistung gegen Borussia Dortmund trotz der Niederlage vollends einverstanden gewesen. Und tatsächlich brachte er nur Cenk Özkacar für den gesperrten Simpson-Pusey, und man konnte erkennen, dass die Kölner Mannschaft stabiler wirkte als zuletzt.

Ebenfalls gut war, dass das Trainerteam an Offensivstandards gearbeitet und Said El Mala an den zweiten Pfosten bestellt hatte – wo er gleich sein erstes Kopfballtor erzielte.

Das war schlecht

Schiedsrichter Tobias Welz, der nicht nur hektisch wirkte angesichts der Kulisse, sondern sich auch gegenüber den Spielern seltsam aufführte. Hinzu kam eine nicht vorhandene Linie bei Gelben Karten. Kein souveräner Auftritt in einem Topspiel.

Moment des Spiels

Vieiras sagenhafter Treffer zum Hamburger 1:0. Es war der erste Torabschluss des HSV am Samstagabend, und es folgte nur noch eine Chance nach einem Eckball kurz vor Schluss. In einer stehenden Partie sind es Ballgenies wie der Portugiese, die entscheidend eingreifen können. Wenn sie es dann tun, ist das immer wieder beeindruckend – besonders vor 57.000 Zuschauern im ausverkauften Duell zweier Traditionsklubs.

Spieler des Spiels

Luka Vuskovic. Der Kroate spielte in der Hamburger Abwehr wie ein Erwachsener gegen Kinder, dabei ist er selbst erst 19 Jahre alt. Ein Mann mit gewaltigem Potenzial, dem eine große Karriere bevorsteht.

Das sagen die Trainer

Lukas Kwasniok (1. FC Köln): Für uns ist es so, dass wir Samstagabend bisher noch nicht allzu häufig gepunktet haben – deshalb nehmen wir den Punkt mit, auch wenn sich das in Summe so angefühlt hat, als hätten wir durchaus einen Sieg mitnehmen können. Aber wir wollen nicht vermessen sein. In der zweiten Halbzeit hatte ich das Gefühl, dass das ein Abnutzungskampf war. Es waren viele Unterbrechungen, es war dann ja gefühlt noch einen Tick langweiliger als in der ersten Halbzeit. Jeder Punkt ist Gold wert im Kampf um den Verbleib in der sehr, sehr schwierigen Liga. Am Ende ist es besser, 1:1 in Hamburg zu spielen und dann zu Hause gegen Gladbach zu gewinnen, als umgekehrt.

Merlin Polzin und Lukas Kwasniok am Samstagabend während der Partie im Volksparkstadion

Merlin Polzin und Lukas Kwasniok am Samstagabend während der Partie im Volksparkstadion

Merlin Polzin (Hamburger SV): Viele Zweikämpfe, viele Unterbrechungen, viel Unsauberkeit, insbesondere in unserem Spiel. Das hat mir weniger gut gefallen, was unsere Aktionen auch mit dem Ball angeht. Ich glaube, da haben wir schon deutlich bessere Leistungen gezeigt. So nehmen wir den einen Punkt gerne mit. Einfach weil wir Woche für Woche punkten wollen. Und auch da: Der Vergleich zum Hinspiel ist, glaube ich, definitiv aussagekräftig — dass wir stabil zum Ende der Saison Fußball spielen können und Fußballspiele auch bestreiten können.

Das sagen wir

Gerade in der zweiten Halbzeit strahlte der 1. FC Köln Dominanz aus, während Hamburg zeitweise abbaute. Da schien sich die Chance auf einen Auswärtssieg abzuzeichnen. In der Schlussphase hätten die Kölner allerdings beinahe bei einem Standard noch das 1:2 kassiert, was gut in den bisherigen Saisonverlauf gepasst hätte: Ein enges Spiel, in dem Köln per Traumtor in Rückstand gerät und dann per Standard alles verliert, was man zuvor erkämpft hat. Ein solcher Ausgang hätte vor dem Derby einen schweren Schlag bedeutet. So aber kann der FC mutig und aus einer Position der Stabilität in die Derbywoche gehen. Der Punkt war in mehrfacher Hinsicht Gold wert.