1. FC Köln Kolumne „Dauerkarte“Die Fans haben die Macht, den Fußball zu verändern

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Ferngelenkte Autos fahren auf dem Spielfeld neben Tennisbällen - eine kreative Weise des Protestes

Ferngelenkte Autos fahren auf dem Spielfeld neben Tennisbällen - eine kreative Weise des Protestes

Ferngesteuerte Autos, ein geplatzter Investoren-Deal und der Einsatz für das Geißbockheim. Die Woche hielt eine Masse an Thematiken parat. 

Ich erinnere mich gut an Zeiten, in denen die Fans des 1. FC Köln noch wegen der Leistungen auf dem Rasen protestiert haben. Legendär waren die Zusammenkünfte am Marathontor, wo die Mannschaftsbusse geparkt waren, als es noch keine Tiefgarage unterm Stadion gab. Ich bin da manchmal aus reiner Schaulust hingegangen, die Spieler habe ich allerdings nie angeschrien. Erstens hätte ich zu viel Angst gehabt, dass zum Beispiel Matthias Hönerbach oder Paul Steiner einfach das Tor öffnen und mir die Ohren langziehen könnten.

Maximale Niedergeschlagenheit

Zweitens hatte ich grundsätzlich den Eindruck, dass es nicht viel bringt, als Fußballfan zu protestieren. Der Fußball lehrt den Fan auch Duldsamkeit, und ich muss gestehen: So schlimm es auch sein mag, in einem ausverkauften Stadion auf Auswärtsfahrt in den Gästeblock gequetscht zu sein und dann nach allerhand Schwierigkeiten und ja auch gewaltigem finanziellen und zeitlichen Aufwand ansehen zu müssen, wie die eigene Mannschaft untergeht: Eine Niedergeschlagenheit wie etwa nach einer 1:2-Niederlage in Nürnberg an einem Oktoberabend zu Beginn der Neunziger erlebt man eigentlich nur im Fußball. Beziehungsweise: glücklicherweise.

Es ist natürlich ein Privileg, wenn man die ganz großen Enttäuschungen des Lebens überwiegend als Fußballfan erlebt. Man muss sich mal vorstellen, man erlebte Apokalypsen wie mit dem FC in anderen Lebensbereichen. So hat alles seinen Ort. Daher sollte man einen Meistertitel oder Champions-League-Sieg des FC mit Vorsicht genießen. Denn irgendwo im Leben müssten die Enttäuschungen ja weiterhin stattfinden. Oder bin ich einfach zu wenig optimistisch?

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Die Macht der Fans 

Die vergangenen Wochen haben mich aber neu denken lassen. Denn offenbar bringt Protest im Stadion durchaus etwas, und sei es mit Tennisbällen. Und ferngesteuerten Autos. Die Fankurven im deutschen Profifußball haben zuletzt sehr deutlich mitgeteilt, dass sie nicht Teil eines Systems sein wollen, das mit Kapitalgebern aus der Private-Equity-Branche paktiert. Die eine oder andere Fanszene ist womöglich etwas spät zu dieser Erkenntnis gelangt oder verschließt weiterhin die Augen davor, wo das Kapital im eigenen Verein so herkommt. Doch war die Botschaft in der Causa DFL klar definiert. Und letztlich haben die Fans ihren Willen bekommen.

Klar ist nun: Ohne die Fans geht es nicht, offenbar sind die Szenen durch ihren hohen Organisationsgrad und eine insgesamt größere Durchdringung der Themen als früher längst in der Lage, ihren Willen zur Teilhabe umzusetzen. Sie sind eben nicht wie im Kino reiner Konsument, sondern Teil des Spektakels. Und zwar nicht nur mit stumpfen Parolen und Gewalt. Sondern mit teils hervorragend orchestrierten Aktionen. Das hat mich nicht weiter überrascht. Seltsam fand ich allenfalls, dass es offenbar Verantwortliche im deutschen Profifußball gibt, die glauben, mit einem Sachverhalt wie dem um das Investorenengagement in der DFL einfach durchzukommen. Das Auftreten der Fans in den Stadien ist zwar manchmal größenwahnsinnig. Doch sollten wir nicht vergessen, dass es hier um Jugendkultur geht. Junge Leute dürfen sowas.

Ich habe mir diese Woche echt an den Kopf gefasst, als ein mittlerweile im Ruhestand befindlicher Kölner Szene-Polizist raunte, es könne bald ein „Blutbad“ geben. Allein das Wort Blutbad sollte in der Öffentlichkeit wenig bis gar nicht genutzt werden, zumal aus behördlicher Richtung. Und die Vorstellung, dass ein Fan ein ferngesteuertes Auto nicht als metaphorische Protestbotschaft („Wir lassen uns nicht fernsteuern“) auf den Rasen steuert, sondern um es mit einer Bombe beladen am Mittelkreis zur Detonation zu bringen, um das Stadion und alle 50.000 Seelen darin vom Erdboden zu tilgen – darauf muss man nach den Erfahrungen der letzten Tage erstmal kommen.

Wenn wir am Limit sind, können wir jeden Gegner schlagen und extrem unangenehm sein für jede Mannschaft.
Timo Schultz, auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart

Klar ist, dass die Kölner Ultras Wege haben, jeden erdenklichen Gegenstand ins Stadion zu schmuggeln. Klar ist allerdings auch, dass sie bislang diese Fähigkeit nicht dazu nutzen, „Blutbäder“ anzurichten. Ebenso klar muss sein, dass eine nicht-organisierte Fanszene von außerhalb, zum Beispiel slowakische Gäste bei der Europameisterschaft im kommenden Sommer, niemals in der Lage sein werden, auch nur eine Dose Fanta ins Stadion zu schmuggeln. Ich spreche da aus eigener Turnier-Erfahrung.

Schlimme Erfahrungen in Paris

Und insgesamt aus sehr persönlicher Fußballerfahrung: Ich war im November 2015 im Pariser Stade de France, als Attentäter versuchten, mit Sprengsätzen ins Stadion zu kommen. Sie haben es nicht geschafft und ihre Bomben vor dem Zaun gezündet, und ich werde nie vergessen, wie die Tribüne gezittert hat. Es war ein Alptraum. Ganz zu schweigen davon, was in der Pariser Innenstadt damals passierte. Insgesamt 130 Menschen starben damals. Ich blieb für ein paar Tage in Paris, um von dort zu berichten. Es war schrecklich, und auch aus dieser Erfahrung kann ich nur sagen: Angesichts des vielleicht nervigen und hier und da in der falschen Tonlage vorgetragenen, vor allem aber friedlich-kreativen Protests der deutschen Fanszenen auch nur irgendeine Parallele zum Terrorismus zu ziehen, ist unentschuldbare, verantwortungslose Effekthascherei.

Und falls mir jetzt jemand sagen will, dass ich dann aber schön blöd gucken werde, wenn im Stadion die erste Bombe hochgeht: Ja, da würde ich tatsächlich blöd gucken. Und ich gehe davon aus, dass niemand eine solche Gelegenheit nutzen würde, um sich aufzuplustern und dafür zu feiern, dass er es ja immer schon gewusst habe. Ständig die Katastrophe in Aussicht zu stellen, um dann darauf zu warten, dass sie vielleicht tatsächlich eines Tages eintritt – klingt für mich nach einem sehr traurigen Leben.

Richtungsstreit wird fortdauern

Nun bin ich mal wieder abgeschweift. Aber das Wirken der Fans hat mich beschäftigt, und es wird ja nicht aufhören. Wird es die 50+1-Regel künftig noch geben? In verschärfter Form ohne Werks- und Investorenklubs? Oder wird man den deutschen Fußball vollständig „dem Markt überlassen“? Es stehen interessante Zeiten bevor; Zeiten des Umbruchs.

Im Kölner Stadion waren am Freitag beim 0:1 gegen Bremen Transparente zu sehen, die das Geißbockheim thematisierten. Ich war zunächst ein wenig verwundert, denn ich hatte das Gefühl, als habe man noch schnell das Geißbockheim unterbringen wollen, wo gerade alles auf die protestierenden Fans schaute. Tatsächlich aber gibt es offenbar eine neue Initiative der Kurve für den Standort Geißbockheim. Die Gruppierungen in Köln haben einen Ausschuss gebildet und sich mit Vertretern der Kölner Stadtpolitik getroffen, was mal ein Ding ist. Denn eigentlich sprechen Ultras nicht mit Politikern. Und dass sie Ausschüsse bilden, war mir auch neu. Doch nun ist man offenbar sehr gut informiert, jedenfalls gingen die Flugblätter zum Thema durchaus ins Detail.

Und mit dem Rückenwind der Proteste gegen die DFL-Investoren dürfte klar sein, wofür die FC-Fans ihre nun zurückgewonnene Freizeit aufwenden werden. Es hatte in den vergangenen Monaten zeitweise ausgesehen, als habe sich sogar die FC-Spitze langsam damit abgefunden, mit dem Klub nach Marsdorf zu ziehen, was allerdings nicht nur wegen der schwierigen Verhandlungen um die Finanzierung gar nicht so einfach wäre. Jedenfalls haben die FC-Fans nun deutlich gemacht, dass ein Wegzug aus dem Grüngürtel für sie nicht in Frage kommt. Das könnte für die Politiker problematisch werden, die dem FC den Pachtvertrag am Geißbockheim verweigern. Da könnten durchaus ein paar Tennisbälle in die Fraktionsbüros fliegen.

Einsatz für das Geißbockheim

Allerdings richteten die Ultras auch deutliche Worte an die eigene Vereinsspitze. Das Thema Geißbockheim mal eben abzuräumen, um den Fans den Umzug nach Marsdorf anschließend als Signal des Aufbruchs in eine goldene Zukunft zu verkaufen, wird jedenfalls nicht gelingen.

Den Protestierenden gehen damit die Themen nicht aus. Dabei böten die Leistungen und Ergebnisse der Profimannschaft grundsätzlich schon genug Anlass zum Protest. Doch derzeit geht es beim 1. FC Köln um mehr als Fußball. Außer am Samstag ab 15.30 Uhr. Da spielt die Mannschaft von Trainer Timo Schultz beim derzeit so starken VfB Stuttgart. Könnte sein, dass die Duldsamkeit der Kölner Auswärtsfans mal wieder auf die Probe gestellt wird.


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