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1. FC Köln nach dem Sieg über MainzDie große Erleichterung

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Ragnar Ache und seine Kollegen feiern den Treffer des Stürmers zum 2:1-Siegtreffer des 1. FC Köln gegen Mainz 05.

Ragnar Ache und seine Kollegen feiern den Treffer des Stürmers zum 2:1-Siegtreffer des 1. FC Köln gegen Mainz 05. 

Mit dem 2:1 über Mainz gelingt dem 1. FC Köln und Trainer Kwasniok ein Befreiungsschlag nach Wochen der Zweifel

Hinterher sprach Lukas Kwasniok deutlich aus, wie nah er und seine Mannschaft sich am Samstag im Spiel gegen Mainz 05 dem Untergang gefühlt hatten. In der Halbzeitpause habe es „nichts mehr zu verlieren“ gegeben, und tatsächlich hatte sich die Lage des Aufsteigers zur Pause beinahe aussichtslos dargestellt. Nach dem 0:1 nach einer halben Stunde, gesteigert noch durch die Mainzer Großchance durch Silas in der 36. Minute, hatte das Stadion gepfiffen, war den Kölner Spielern auf dem Rasen kaum noch etwas eingefallen. Der Sog der Abstiegszone war spürbar wie noch nie in dieser Saison.

Nichts mehr zu verlieren – ein drastischer Befund. Es waren Momente wie beim fast schon legendären Unentschieden der Vorsaison gegen zu diesem Zeitpunkt bereits abgestiegene Regensburger. Damals allerdings schafften die Kölner unter Trainer Struber nicht mehr die Wende. Die Partie gegen Mainz dagegen endete in einem riesigen Sieg.

Unter Pfiffen waren die Kölner in die Kabine gegangen, doch die Situation hatte auch ihr Gutes: Jede Angst hatte nun ihren Höhepunkt überschritten. Wer diesen Punkt erreicht hat, kann jedes Risiko eingehen. Er habe in der Kabine kein Donnerwetter veranstaltet, „ganz im Gegenteil“, wie Kwasniok später berichtete. Er wusste: Druck hilft nicht mehr, auch keine neue Eskalation nach dem Vorbild seiner jüngsten Trainingslagerschelte. Seine Leute hätten gewollt, aber nicht mehr gekonnt, gab der Coach zu Protokoll. Er habe nach Bells Traumtor „gespürt, dass die Jungs eine Verunsicherung in sich trugen“.

Kwasniok wechselte dreifach, spielte nach dem Seitenwechsel deutlich offensiver. Innerhalb von Momenten reagierten auch die Zuschauer. „Das Stadion war ganz klar der spielentscheidende Faktor. Da haben wir eher mit zwölf gegen elf gespielt. Darum danke ans Stadion und auch an die Mannschaft, weil sie umgesetzt hat, was wir ihr mit auf den Weg gegeben haben. Nämlich mutig zu sein. Den Mutigen gehört die Welt – und heute auch der Sieg“, konstatierte der Trainer später.

Wir hatten keine Ruhe mehr, keine Kontrolle, kaum noch Entlastung
Der Mainzer Trainer Urs Fischer

Dass der Druck kollabierte, weil scheinbar alles verspielt war, bereitete den Weg für eine fulminante Leistung. Ragnar Ache, der sensible Mittelstürmer, der in der Vorwoche beim 2:2 gegen Heidenheim noch Großchancen in Serie ausgelassen hatte, wurde zum Spieler des Tages. Nach knapp einer Stunde flankte Castro-Montes vor das Mainzer Tor, Ache versenkte satt und unhaltbar per Kopf unter die Latte. Der FC wurde nun unnachgiebig, entwickelte eine Energie, für die am Samstag ein weiterer Einwechselspieler verantwortlich zeichnete: Tom Krauß, der im Zentrum glänzend Regie führte und mit seinen emotionalen Ausbrüchen die Zuschauer mitriss. Mainz ging unter. „Wir hatten keine Ruhe mehr, keine Kontrolle, kaum noch Entlastung“, sagte Trainer Urs Fischer hinterher: „Eine gute Halbzeit reicht in der Bundesliga nicht.“

Zumindest den Mainzern nicht. Fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit verlängerte Bülter eine Ecke an den zweiten Pfosten, Ache stürzte sich in den Ball und setzte sich gegen da Costa durch – 2:1, der Sieg. Hinterher erklärte Kwasniok, was ihn davon abgehalten hatte, Ache von Anfang an aufzustellen. Der Stürmer gilt als verletzungsanfällig, musste behutsam aufgebaut werden, um überhaupt in die Lage zu kommen, das Trainingsprogramm einer Bundesligamannschaft zu absolvieren. Den dritten Startelf-Einsatz in einer Woche habe er Ache nicht zumuten wollen. „Ich hatte das Gefühl, dass das einen Ticken zu viel sein könnte für ihn“, gestand Kwasniok.

Lukas Kwasniok versuchte zuletzt, die Ruhe zu bewahren.

Lukas Kwasniok versuchte zuletzt, die Ruhe zu bewahren.

Für Ache war es die Bestätigung eines Weges. „Es tut sehr, sehr gut“, sagte der Torschütze. Sein bis dahin einziges Tor hatte er im November beim 4:1 über den HSV erzielt. Anschließend hatte Ache nicht mehr getroffen und Köln nicht mehr gewonnen. „Stürmer werden an Toren gemessen. Wenn man die nicht schießt, kommen gewisse Sachen in die Welt. Man zweifelt, wenn der Ball wie in Heidenheim nicht reingeht“, sagte der 27-Jährige.

Tom Krauß, wie Ache Sommerzugang mit großen Hoffnungen, hatte in der vergangenen Woche mit Hüftproblemen zu kämpfen gehabt. Das hatte Kwasniok nach jeweils 90 Minuten gegen Heidenheim und die Bayern zögern lassen. Außerdem, erklärte er später, habe er „mehr Körpergröße auf dem Platz“ haben wollen und sich deshalb kurzfristig gegen den Mittelfeldspieler entschieden. „Ich habe erwartet, dass das Spiel in der zweiten Hälfte wild werden könnte, darum wollte ich ihn am Ende auf dem Platz haben.“

Kwasniok hatte sich also erneut massenhaft Gedanken gemacht, eine Halbzeit lang ausgiebig mit dem Desaster geflirtet, zur Pause scheinbar alles verloren gehabt, um dann die Wende einzuwechseln. „Wir hatten das Glück auf unserer Seite, weil Tom einfach der Gamechanger war. Man muss sich nur seine Emotionen nach dem Spiel anschauen. Er war sehr aufgewühlt, es war ein toller Moment für ihn.“

Kwasniok lässt das Schicksal entscheiden

Der Trainer selbst blieb nach dem großen Sieg gelassen. Den Druck, der nun abgefallen war, stellte er als Normalfall dar, nichts Besonderes und damit nichts, wovor man sich künftig fürchten müsse. „Wenn du beim 1. FC Köln unterschreibst, bei einem Aufsteiger, der schon auch ein paar wilde Phasen hinter sich hat, geht man davon aus, dass es auch einmal Phasen geben wird, die nicht ganz so einfach werden. Diese Phase hatten wir jetzt. Nicht in Bezug auf Leistung, sondern auf Ergebnis.“ Seine Mannschaft nahm er damit rückblickend aus der Verantwortung, was ihn zudem in die Lage versetzte, seine Arbeitsweise nicht infrage stellen zu müssen. Er habe versucht, „fokussiert zu arbeiten, überzeugt zu sein – und dann das Schicksal entscheiden zu lassen.“

Das Schicksal, so klang Kwasniok am Samstag, hatte seine Maßnahmen einer Prüfung unterzogen und für gut befunden. Die kommenden Wochen werden zeigen, was der Trainer aus dieser Deutung macht.