Eintracht Frankfurt nach dem 0:6 in Leipzig nur nach der Form zu bewerten und nicht nach dem Potenzial, das gerade offensiv in dieser Mannschaft steckt, wäre eine beinahe bösartige Vereinfachung. Den Hessen nach dem Resultat der Vorwoche mit einer totalen Offensive zu begegnen, wäre kein seriöser Plan gewesen.
Es stattdessen vorsichtig zu versuchen und dem Gastgeber die Möglichkeit zu geben, vor 60.000 raunenden Fans im eigenen Stadion endgültig die Nerven zu verlieren, war kein schlechter Ansatz. Zumal der FC früh im Spiel Chancen hatte. Dass der Plan nicht aufging, lag weniger an der Strategie als am geschwächten Angriff. Köln spielte in Frankfurt ohne gelernten Stürmer.
Die öffentliche Reaktion auf die Niederlage war daher nicht allein mit der Enttäuschung über ein 0:1 in Frankfurt zu erklären. Die Skepsis liegt tiefer. Offenbar gibt es trotz des jüngsten Derbysiegs eine Entfremdung zwischen der Öffentlichkeit und vor allem René Wagner. Der Trainer hat für den Klub ein Prinzip der totalen Rationalität entworfen. Als das Spiel in Frankfurt kippte, offenbarte sich einmal mehr die Schwachstelle des intellektuellen Trainers: Er blieb Beobachter einer Dynamik, die er zwar hinterher analysieren, im Moment aber nicht emotional brechen konnte.
Dass Kapitän Marvin Schwäbe das Abwehrverhalten beim Gegentor als „Begleitschutz“ kritisierte, war der legitime Weckruf eines Torwarts, der die Krise spürt. Was folgte, war die Dynamik des 1. FC Köln, komprimiert auf wenige Minuten im Bauch des Frankfurter Stadions. Thomas Kessler hat sich vorgenommen, den FC durch eiserne Sachlichkeit zu beruhigen. Er kennt den Standort als gebürtiger Kölner und ehemaliger FC-Profi bestens. Das erlaubte ihm grundsätzlich, mit den Untiefen dieses Vereins umzugehen – mindestens furchtlos, womöglich sogar spielerisch. Denn der 1. FC Köln ist ihm bei allen Tücken des Jobs vor allem eines: Heimat.
Kein emotionaler Anknüpfungspunkt
Doch in der Öffentlichkeit verweigert er jeden emotionalen Anknüpfungspunkt. Er will Schlagzeilen um jeden Preis vermeiden; entsprechend präsidial drückt er sich aus – und übersieht dabei, dass er nicht nur für Interviewer eine Leerstelle lässt. Auch die FC-Fans finden nichts, auf das sie sich einlassen könnten. Als Kessler Schwäbes Kritik als Emotion abtat, tat er das im Sinne seiner Logik: den Standort kühlen, die Prozesse schützen.

Thomas Kessler legt viel Wert auf Ernsthaftigkeit und einen seriösen Auftritt.
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Doch der Schutzschirm für Wagner bewirkt das Gegenteil. Indem Kessler die Realität wegmoderiert und sich in eine Sprache flüchtet, die er für politisch geboten hält, baut er an einer Festung. Wenn aber der Sportchef in der Stunde der Niederlage emotional nicht verfügbar ist und der Trainer wie ein Theoretiker wirkt, entsteht ein Vakuum. Die Leute wissen schlicht nicht, wohin mit ihren Emotionen. Das heizt die Situation nur weiter auf.
Kessler ergänzt Wagner damit nicht, er schwächt ihn unfreiwillig. Das Umfeld wird sich im Fall des weiter ausbleibenden Erfolgs umso unerbittlicher auf den Trainer stürzen, weil er das einzige verbleibende Gesicht auf einer ansonsten unterkühlten sportlichen Kommandoebene ist. Während intern das Vertrauen in Wagner groß ist, man einen durchaus kritischen Umgang pflegt, steuert der Kurs der Rationalität den Klub trotz einer noch unproblematischen Platzierung geradewegs in die Krise. Eine Krise, die nach dem Derbysieg gemildert war – und nun mit voller Wucht zurück ist.


